Tschöll, Johann Valentin (1749–1832), Landesverteidiger

Tschöll Johann Valentin, Landesverteidiger. Geb. Mitterplars, Tirol (Plars di Mezzo/Mitterplars, I), 9. 2. 1749; gest. Obermais, Tirol (Merano/Meran, I), 21. 3. 1832 (begraben: Meran-Untermais); röm.-kath. Aus einer Burggräfler Bauernfamilie, die den Wildhof in Mitterplars bewirtschaftete, stammend. Sohn von Mathias T. und Anna T., geb. Thalguter, durch seine Schwester Maria T., die mit Andreas Hofers Schwiegervater Peter Ladurner verheiratet war, bestanden verwandtschaftl. Beziehungen sowie ein enges persönl. Verhältnis zu Hofer; verheiratet mit Maria Josefa T., geb. Krahler. – Obwohl über seine schul. Laufbahn keine Details bekannt sind, zeigen Gewandtheit und Ausdruck seiner Schreiben, dass T. eine solide Ausbildung erfahren hatte. Er beteiligte sich als Unterlt. der Meraner Schützenkomp. unter Hptm. Josef Glatzl bereits am Feldzug von 1797. T. übersiedelte i. d. F. nach Meran und war als Verwalter des Meierhofs von St. Valentin in Obermais tätig; 1808 erwarb er diese Liegenschaft. 1809 schloss er sich der Tiroler Erhebung an und wurde von den Maiser Bauern zu ihrem Anführer gewählt. Im April zog er in Meran ein und ließ den bayer. Landrichter samt seinen Beamten gefangen nehmen; der Kmdt. der Bürgermiliz wurde seines Amts enthoben. T. verkündete im Namen Erzhg. →Johanns die Inbesitznahme des Landes durch Österr. und forderte die Stadtbevölkerung auf, sich der Erhebung anzuschließen. Kurz darauf marschierte er mit rund 2.000 Mann in das von den Franzosen geräumte Bozen (Bolzano) ein und nahm die Stadt in Besitz. Für die Dauer des Aufstands fungierte T. als Oberkmdt. des Landgerichts Meran (Kmdt.schaft Meran) und übernahm damit die Verantwortung für die Stellung, Verpflegung und Munitionsbereitstellung der Schützenkomp. im Burggrafenamt und im Untervinschgau. Dem Aufruf Hofers und einem Appell T.s folgend, zogen die Bewaffneten des Landgerichts Meran Ende Mai 1809 über den Jaufen nach Innsbruck und kämpften unter T.s Kmdo. erfolgreich in der 2. Bergiselschlacht. I. d. F. ernannte →Josef Frh. v. Hormayr zu Hortenburg T. zu einem der 16 Defensionskoär. mit dem Titel eines k. k. österr. Kmdt. von Meran. Die zahlreichen Schreiben Hofers an T. während der Tiroler Erhebung zeigen die Wertschätzung des Anführers für dessen organisator. und militär. Talent. Anstatt sich nach der Niederlage bei Dt.-Wagram, wie von Gen. François-Joseph Lefebvre befohlen, zu stellen, setzten die Führer des Aufstands, darunter auch T., den Widerstand fort und besiegten die Bayern und Franzosen erneut im August in der 3. Bergiselschlacht. In diesem Gefecht befehligte T. 14 Komp. aus dem Burggrafenamt und dem Untervinschgau, die am rechten Flügel zwischen dem Paschberg und Volders unter dem Oberkmdo. von →Josef Speckbacher zum Einsatz kamen. Ende September versuchte er die von Süden her vorrückenden Franzosen zurückzudrängen; diesen gelang allerdings der Ausbruch aus dem belagerten Trient, worauf sich die Bauern nach Lavis zurückziehen mussten. Nach der Niederlage in der 4. Bergiselschlacht Anfang November trat T., der bis dahin zu den treibenden Kräften des Aufstands gezählt hatte, für ein Ende des Widerstands ein. Er schickte daher jene Landesverteidiger, die sich noch im November bei Terlan (Terlano) und Schloss Sigmundskron (Bozen) den Franzosen entgegenstellen wollten, nach Hause und beteiligte sich auch selbst nicht mehr an den letzten Gefechten am Küchelberg oberhalb von Meran sowie beim Kampf um St. Leonhard in Passeier, weshalb er von der Verhaftungswelle der Franzosen verschont blieb. T. kehrte nach der Niederschlagung des Aufstands auf seinen Hof in Obermais zurück. Auf Grund seiner Verdienste im Kampf um die Befreiung Tirols beantragte Hormayr 1809 für T. die goldene Zivilmedaille mit Kette, allerdings ist ungewiss, ob sie ihm angesichts des weiteren Fortgangs der Ereignisse auch wirkl. ausgehändigt worden ist.

L.: B. Mazegger, J. V. T., 1910; Tiroler Schützenztg., Festausg. 1984, S. 80f. (m. B.); Der Aufstand der Tiroler gegen die bayer. Regierung nach den Aufzeichnungen des Zeitgenossen J. Daney, ed. M. Blaas, 2005, S. 451; A. Oberhofer, Weltbild eines „Helden“, 2008, passim; ders., Der Andere Hofer, 2009, S. 142f.; M. Schennach, Revolte in der Region, 2009, passim; T. Albrich – R. Sila, Das Schwarzbuch der bayer. Polizei. Innsbruck 1809, 2010, S. 175f.
(Ch. Haidacher)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 66, 2015), S. 489f.
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