Tschurtschenthaler, Paul (1874–1941), Schriftsteller und Jurist

Tschurtschenthaler Paul, Schriftsteller und Jurist. Geb. Bruneck, Tirol (Brunico/Bruneck, I), 2. 7. 1874; gest. Bregenz (Vbg.), 19. 12. 1941. Sohn des Kaufmanns Gottfried T. und einer Wirtstochter; ab 1915 mit Olga Brunner (1889–1945) verheiratet, fünf Kinder. – T. besuchte 1886–92 das Privatgymn. Vinzentinum in Brixen und ab 1892 das städt. Gymn., wo er 1895 maturierte. 1895–99 absolv. er ein Jusstud. an der Univ. Innsbruck. Danach war er im Justizdienst tätig, u. a. in Brixen (Bressanone), Trient und Bozen (Bolzano), wo er 1904 die Richterprüfung ablegte. 1905–09 war er Richter in Imst und gründete 1909 gem. mit dem Maler Thomas Walch das dortige Ortsmus. 1910 kehrte er nach Bruneck zurück, wo er als Grundbuchanlegungskommissar für die Bez. Welsberg, Ahrntal und Enneberg tätig war. 1912 begründete er das Stadtmus. in Bruneck und engagierte sich als Leiter der Ortsgruppe im dt.nationalen Tiroler Volksbund. 1914 wurde T. nach Landeck versetzt. Aus dem Kriegsdienst – er versah Kanzleiarbeiten in Innichen und Schärding – wurde er im Juli 1915 entlassen und trat eine Stelle als Bez.richter im Sarntal an. Außerdem arbeitete er an der 1920 gegr. Z. „Der Schlern“ mit und übernahm 1927 die Leitung der literar. Beilage. Ab den 1920er-Jahren war T. LGR in Bozen. 1928 wurde er vom faschist. Regime als Tribunalrat nach Turin versetzt. Nach wenigen Monaten ließ er sich pensionieren und eröffnete eine Rechtsanwaltskanzlei, zunächst in Bozen, um 1933/34 in Bruneck. 1939 optierte er für das Dt. Reich und übersiedelte – gesundheitl. bereits schwer angeschlagen – 1940 nach Bregenz, wo er eine Stelle als OLGR erhielt. T. war sehr naturverbunden und viel auf Wanderungen. Dies brachte ihn ebenso wie seine Arbeit als Grundbuchanlegungskommissar in engen Kontakt mit Land und Leuten. Auch wenn T. unter dem starken Eindruck seines Landsmanns Bruder Willram (→Anton Müller) mit einem Lyrikbd. („Saitengold und Lieder“, 1907) debüt., so lag seine Begabung doch mehr im Erzähler., in der Schilderung von Landschaften und Wanderungen („Auf Wanderungen. Reisebilder und Fahrten“, 1910; „Berg- und Waldwege“, 1921; „Bozner Landschaften“, 1926; „Über den Ritten“, 1933). Er wurde als einer der besten Kenner und Schilderer der Südtiroler Landschaft geschätzt und kann somit als Heimatschriftsteller bezeichnet werden. Dem (techn.) Fortschritt stellte er eine verklärende Sicht auf die gute alte Zeit gegenüber. In seine Schilderungen und Erz. („Bergluft“, 1928; „Gestalten aus dem Etschland“, 1930; „Ein Krügl Wein aus Sankt Urbans Land“, 1937) mischte er immer auch hist. Begebenheiten sowie kunst- und volkskundl. Betrachtungen. Außerdem verf. er volkstumspolit. Aufsätze und Bücher („Das Bauernleben im Pustertal“, 1936; „Es lebt ein Volk an Rienz, Eisack und Etsch“, 1936). In Letzterem ging es ihm darum, gegenüber den starken Italianisierungstendenzen des Faschismus das Dt.tum in Südtirol hervorzuheben. Die Erhaltung der dt. Sprache und Kultur hatte er sich seit der Annexion Südtirols zur Lebensaufgabe gemacht. Seine Tagebücher aus den Jahren 1935–41 („Nirgends mehr daheim“, 2000; „So geh ich als einsamer Mensch hinweg“, 2011) sind eine wichtige Quelle für die Geschichte Südtirols zur Zeit der Option und des Nationalsozialismus.

Weitere W.: s. Oberkofler; Lex. Literatur in Tirol.
L.: E. Oberkofler, in: Der Schlern 10, 1974, S. 514ff. (m. B. u. W.); A. Dörrer, in: Brunecker Buch, 2. Aufl. 2003, S. 249ff.; St. Lechner, in: Der Schlern 85, 2011, S. 38ff. (m. B.); A. Unterkircher, ebd., S. 54ff. (m. B.); Lex. Literatur in Tirol (m. B. u. W., online, Zugriff 20. 7. 2014).
(A. Unterkircher)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 66, 2015), S. 496f.
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