Tůma (Tuma), Karel (Karl); Ps. Alf. Slavík, Karel Volný, Štípný (1843–1917), Journalist, Politiker und Schriftsteller

Tůma (Tuma) Karel (Karl), Ps. Alf. Slavík, Karel Volný, Štípný, Journalist, Politiker und Schriftsteller. Geb. Prag, Böhmen (Praha, CZ), 6. 9. 1843; gest. ebd., 9. 5. 1917; röm.-kath. Sohn eines Juristen und böhm. Gerichtsrats, Vater von Marie (Maria Antonie) Tůmová (s. u.) und des Journalisten, Romanciers und Verf. von Jugend- und Pfadfinderliteratur Ladislav T. (Tůma-Zevloun), Ps. Zevloun, Zorro, Sirius (geb. Prag, 3. 12. 1876; gest. ebd., 11. 11. 1956), der 1900–33 in der Red. der „Národní listy“ (ab 1917 als verantwortl. Red. sowie Feuilletonist) arbeitete und Vors. des Klubs der tschechoslowak. Ztg.red. sowie 1936–39 Präs. des Ver. tschech. Journalisten war; ab 1865 verheiratet mit der Sängerin und Pianistin Marie Tůmová, geb. Čelakovská (geb. Breslau, Preußen / Wrocław, PL, 4. 2. 1841; gest. Prag, 17. 12. 1892), der Tochter von →František Lad. Čelakovský, Schwester von →Jaromír Čelakovský und Halbschwester von →Ladislav Čelakovský, die seit den 1860er-Jahren zum Kern des linksliberalen Kulturlebens in Prag gehörte. – T. absolv. das Gymn. u. a. in Königgrätz (Hradec Králové) und Prag, engagierte sich bereits ab 1860 in der tschech. Nationalbewegung und trat früh durch Ged., Lieder und andere literar. Arbeiten hervor (so gab er etwa 1862 für den neu entstandenen Turnverband Sokol ein Liederbuch heraus). Sein Stud. am Prager Polytechnikum 1861/62 brach der sprachl. und musikal. Begabte bald ab und trat 1862 in die Red. der Ztg. „Národní listy“ ein, der er hauptberufl. bis 1912 und als Seniorred. bis zu seinem Tod angehörte; ab 1870 verf. T. als verantwortl. polit. Red. ca. 5.000 Leitartikel für das Blatt. Daneben publ. er in weiteren Ztg. wie der „Svoboda“ und in Literaturzeitschriften wie „Květy“ oder „Lumír“. Polit. trat der nationalliberale bzw. radikaldemokrat. Journalist für die nationale und soziale tschech. „Selbstverantwortlichkeit“ (Emanzipation) ein und agitierte gegen eine dt.orientierte Zentralisierung des habsburg. Staats: In einem polit. Prozess 1868 wurde T. zusammen mit →Josef Barák und anderen Journalisten zu drei Jahren schweren Kerkers verurteilt, aber im April 1870 amnestiert. In enger Verbindung mit →Julius Grégr, Barák und →Karel Sladkovský stehend, gründete er 1874 die tschech. Freisinnige Nationalpartei (Jungtschechen) und repräsentierte den linken, arbeiterfreundl. Parteiflügel. Nachdem er mehrfach bei Wahlen zum RR und zum böhm. LT gescheitert war, gehörte er 1883–95 dem LT an. Der brillante Redner forderte das allg. Männerwahlrecht und attackierte konsequent die an der Regierung beteiligten Alttschechen. 1890 verurteilte er etwa in Reden im LT und mit seiner Enthüllungsschrift „Pravda o vyrovnání“ scharf den böhm. Ausgleichsversuch der sog. Wr. Punktationen; 1896 zog sich T. aus der aktiven Politik zurück. Seiner journalist. Tätigkeit sind auch seine polit. Aufklärenden Schriften zuzurechnen, insbes. seine Smlg. „Dějinné karaktery“ (1881, 2. Aufl. 1901: „Bojovníci za svobodu“) sowie Biographien, u. a. „Léon Gambetta“ (1883) und „Život Dra. Julia Grégra“ (1896). Zeitweise wirkte er in den Red. der „Humoristické listy“ und des Satirebl. „Šípy“ mit und trat auch als Autor von Erz. und Lustspielen in Erscheinung; populär bis in die Gegenwart sind seine ab 1885/86 in mehreren Aufl. erschienenen und später auch verfilmten Humoresken „Z českých mlýnů“. T. zählt zu den bedeutendsten tschech. Journalisten des 19. Jh. und nahm mit seinen Artikeln großen Einfluss auf die öff. Meinung. Sein Nachlass befindet sich im Literární archiv PNP in Prag. Seine Tochter Marie (Maria Antonie) Tůmová (geb. Prag, 12. 6. 1866; gest. ebd., 1. 5. 1925) initiierte als eine der wichtigsten Akteurinnen der parteiungebundenen tschech. bürgerl. Frauenbewegung gem. mit Františka Plamínková 1903 in Prag die Gründung des Frauenver. Ženský klub český sowie 1905 den Ausschuss für das Frauenwahlrecht. 1908 und 1909 trat sie als dessen Kandidatin zu den böhm. LT-Wahlen in der Städtekurie an und legte 1911 ihre Agitationsschrift „Pro volební právo žen“ vor. Sie arbeitete als Lehrerin in Prag-Smichow und in Prag-Žižkow, bevor sie dort eine der ersten Dir. einer Bürgerschule für Mädchen wurde. Zudem leitete sie als Präs. den Mädchenschulver. Minerva in Prag. Nach 1918 ging sie als Lehrerin in die Slowakei und dann in die Karpato-Ukraine, wo sie in Užhorod zur Schulinsp. ernannt wurde. Marie Tůmová war Vizepräs. des Ver. tschech. Lehrerinnen, 1911 Gründungs- und Führungsmitgl. des Verbands tschech. Frauenver., 1923 Mitgründerin der tschechoslowak. Ženská národní rada (Frauen-Nationalrat) und repräsentierte als tschech. bzw. tschechoslowak. „Suffragette“ ihre Nation auf internationalen Frauenrechtskongressen.

Weitere W. (s. auch LČL): Apoštol svobody, 1873; V plamenech kostnických, 1876; Chtějme všeobecné právo hlasovací!, 1881; etc. – Ed.: K. Havliček, Vybrané spisy, 1886.
L.: Bohemia, 9. 5. 1917; Národní listy, 9. (A.), 10., 11. (A.) 5. 1917; ČHS; DČL; LČL (m. W.); Lišková; Masaryk; Otto; Rieger; Wurzbach; R. Schránil – J. Husák, Der LT des Kg.reiches Böhmen 1861–1911, 1911, S. 161; J. Vopravil, Slovník pseudonymů v české a slovenské literatuře, 1973, S. 1333; Čeští spisovatelé 19. a počátku 20. století, red. K. Homolová u. a., 3. Aufl. 1982, S. 307; J. Čelakovský, Moje zápisky 1871–1914, ed. L. Velek – A. Velková, 2004; J. Peřina, in: Perla v hrubé kazajce, ed. V. Viktora, 2005, S. 27ff.; D. Řehák, in: Cizí, jiné, exotické v české kultuře 19. století, ed. K. Bláhová – V. Petrbok, 2008, S. 156ff. (m. B.). – Marie (Maria Antonie) Tůmová: Národní listy, 2. 5. 1925 (A.); Nová síla, 27. 5. 1926; Ženský obzor 18, 1924/25, S. 91; M. L. Neudorflová, České ženy v 19. století, 1999, passim.
(R. Luft)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 14 (Lfg. 66, 2015), S. 511f.
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