Turecek, Emilie; auch Wagner Emilie, verehel. Demel, genannt Fiaker-Milli (1848–1889), Volkssängerin und Lebedame

Turecek Emilie, auch Wagner Emilie, verehel. Demel, genannt Fiaker-Milli, Volkssängerin und Lebedame. Geb. Chotěboř, Böhmen (CZ), 30. 6. 1848; gest. Wien, 13. 5. 1889. Unehel. Tochter von Anna T. und Michael Pemer (Pemmer); ab 1874 mit dem Fiaker Ludwig Demel verheiratet. – T. begann in Wien eine Karriere als Volkssängerin in der Ges. Man(n)sfeld. Sie entwickelte sich in den 1860er-Jahren zum attraktiven Mittelpunkt der Lebewelt Wiens und erregte privat durch ihr frivoles Auftreten mehr Aufsehen als auf der Bühne. T. wurde zum Gegenstand eines „Milli-Kults“ in der Wr. Unterhaltungswelt, gleichzeitig berühmt und beliebt, berüchtigt und gehasst als „Fiaker-Milli“. Sie war übermütig und temperamentvoll, genoss einen Ruf als zügellose Liebhaberin und wurde in den Polizeiakten als Prostituierte geführt. Ihr Kostüm wurde zum Markenzeichen: ein eng anliegender Jockeydress, Reitgerte und Stiefel im Gegensatz zur hochgeschlossenen Kleidung ihrer Kolleginnen Antonie Man(n)sfeld (→Antonie Montag), →Fanni Hornischer und anderer. Sie trat in Vergnügungslokalen wie den Thaliasälen, den Drei-Engel-Sälen, im Diana-Saal, im Sperl und in der Walhalla auf. T. führte die Patronanz über die Fiakerbälle beim Zobel in Fünfhaus, erschien dort ebenso wie bei den Wäschermädelbällen mit ihrem Anhang aus den verrufenen Tanzlokalen, heizte die Stimmung an, schäkerte mit ihren Kavalieren und trat um Mitternacht mit einem Repertoire an kecken Gstanzeln, Jodlern, Liedern „aus der untersten Lad’“ und Couplets auf (Beispiel: Liedflugbl. „Ich bin halt noch unerfahr’n“, Clemens Franz Stix). →Friedrich Schlögl machte sie wegen ihres dominanten Auftretens verantwortl. für den Wandel des Charakters der Fiakerbälle und für das Eindringen des Cancans in das Tanzprogramm. Nach ihrer Hochzeit übernahm sie das Fiakerunternehmen ihres Mannes, trat aber weiterhin in der Öffentlichkeit auf. Nach dem Konkurs des Betriebs starb sie in Armut und wurde in einem Schachtgrab auf dem Dornbacher Friedhof begraben. T.s großer Bekanntheitsgrad ist nicht in ihrer künstler. Leistung begründet. Als Symbolfigur für die freizügige Unterhaltungsszene Wiens in den 1860er- und 1870er-Jahren wurde sie später vielfach idealisiert und realitätsfern dargestellt und sogar als Beispiel für eine emanzipierte, „aufmüpfige“ Frau hervorgehoben (Nö. Landesausst. 1998). Mehrfach wurde sie zur Bühnenfigur, so in der Operette „Wiener Volkssänger“ (→Viktor Hirschfeld und Robert Mahler, 1919), im Singspiel „Fiaker-Milli“ (Ludwig Gruber, 1924), in der Oper „Arabella“ (→Hugo Hofmann v. Hofmannsthal und →Richard Strauss, 1933), in einer Revue der Femina-Bar Wien mit dem Lied „Die Fiakermilli“ (Franz Thurner und Leo Förster, ca. 1935, Schallplattenaufnahme mit Gretl Rath), im Film „Schrammeln“ (Ernst Marischka, 1944), im Volksstück „Die Fiakermilli“ (Martin Costa, 1945) sowie im Film „Fiakermilli – Liebling von Wien“ (nach Costa, Regie: Arthur Maria Rabenalt, Musik: Hans Lang, 1953). Zuletzt erinnerte ein Theaterabend auf der Freien Bühne Wieden an die „Fiakermilli“ (Buch und Regie: Gerald Szyszkowitz, 2014).

L.: Czeike (s. Fiakermilli, m. B.); oeml (s. Demel Emilie); F. Schlögl, Wr. Blut, 4. Aufl. 1875, S. 140ff.; J. Schrank, Die Prostitution in Wien in hist., administrativer und hygien. Beziehung 1, 1886, S. 378; J. Koller, Das Wr. Volkssängertum in alter und neuer Zeit, 1931, s. Reg. (m. B.); R. Holzer, Wr. Volks-Humor. Harfenisten und Volkssänger, 1943, S. 173 (m. B.); R. Waldegg, Sittengeschichte von Wien, 1957, S. 152, 178f.; B. F. Sinhuber, Der Wr. Heurige, 1986, s. Reg. (m. B.); ders., Die Fiaker von Wien, 1992, S. 78ff. (m. B.); A. Sixtus v. Reden – J. Schweikhardt, Eros unterm Doppeladler, 1993, s. Reg. (m. B.); S. Mauthner-Weber, Venuswege. Ein erot. Führer durch das alte Wien, 1995, S. 158; M. Schuster – H. Schikola, Das alte Wienerisch, 1996, S. 46f.; E. Weber, in: Wien. Musikgeschichte 1, ed. E. Th. Fritz – H. Kretschmer, 2006, S. 192; K. Dieman Dichtl-Jörgenreuth, Schrammelmusik – Schrammelwelt, 2007, s. Reg. (m. B.); M. Lindinger, Sonderlinge, Außenseiter, Femmes fatales. Das „andere Wien“ um 1900, 2015, S. 9.
(E. Weber)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 67, 2016), S. 9f.
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