Tusar, Vlastimil (Wlastimil) (1880–1924), Politiker, Diplomat und Journalist

Tusar Vlastimil (Wlastimil), Politiker, Diplomat und Journalist. Geb. Prag, Böhmen (Praha, CZ), 18. 10. 1880; gest. Berlin, Dt. Reich (D), 22. 3. 1924; röm.-kath., ab ca. 1900 konfessionslos. Sohn des Advokatursbeamten Josef T. (1847–1895) und von Antonia T., geb. Zemann (geb. 1853), Bruder des Graphikers Slavoboj T. (geb. 17. 10. 1883; gest. 15. 10. 1950), der die Schriftart T. Roman schuf; ab 1906 in 1. Ehe verheiratet mit Štěpánka (Stefanie) T., geb. Pelišková (1885–1927), ab 1917 in 2. Ehe mit Hedvika (Hedwig) T., geb. Welzel. – T. besuchte die Unterstufe des Gymn. und später eine Handelsschule, danach arbeitete er als Handlungsgehilfe und Advokatursbeamter. Schon von Jugend an war er in der tschech. sozialdemokrat. sowie in der Gewerkschaftsbewegung engagiert (1900–03 Sekr., später Vors. der Česko-německá odborová organizace obchodního pomocnictva / Dt.-tschech. Gewerkschaft der Handlungsgehilfen). 1902 sandte ihn die Prager Parteiführung nach Brünn, wo er 1903–08 als Red. und 1908–11 als Chefred. der sozialdemokrat. Tagesztg. „Rovnost“ wirkte. Daneben arbeitete er an den in Wien erscheinenden „Dělnické listy“ mit und gehörte zum Führungskreis der tschechoslaw. sozialdemokrat. Partei in Mähren (autonomist. und national orientierter Flügel). Um 1911 plädierte er für eine Zusammenarbeit mit den tschech. Bürgerparteien in Mähren (Antiklerikaler fortschrittl. Block), war zugleich jedoch um eine dt.-tschech. Versöhnung bemüht. T. nahm als sozialdemokrat. Delegierter an den Internationalen Sozialistenkongressen in Stuttgart (1907) und Kopenhagen (1910) teil. 1913–18 saß er als Abg. im mähr. LT, 1911–18 im AH des RR. Er war ferner 1916–18 Mitgl., Sekr. und später (zusammen mit →František Staněk) auch Kovors. des Verbands der tschech. RR-Abg. (Český svaz). Im Vorfeld bzw. während des 1. Weltkriegs verfolgte T. zunächst eine österr.loyale Politik, ab Herbst 1917 rückte er von dieser allerdings immer weiter ab, näherte sich dem tschech. Widerstand im In- und Ausland an und war Mitverf. der sog. Dreikönigserklärung von 1918. Als erster tschechoslowak. Gesandter in Wien (1918–19) vertrat er den neu entstandenen Staat bei den Grenzverhh. mit Österr. 1918 war er Mitgl. des Nationalausschusses in Prag, 1918–20 Abg. der tschechoslowak. Revolutionären Nationalversmlg. und 1920–21 der Nationalversmlg. Von Juli 1919 bis September 1920 hatte er das Amt des Ministerpräs. in der sog. rot-grünen Regierungskoalition von Sozialdemokraten, Sozialisten und Agrariern inne, 1920 war er auch kurzzeitig Verteidigungsminister. 1921–24 wirkte T., der als begabter Diplomat und Redner sowie gewandter Stilist galt, als Botschafter in Berlin. Sein Nachlass befindet sich im Archiv Ministerstva zahraničních věcí und im Vojenský ústřední archiv in Prag.

W.: Vzpomínky na 28. říjen 1918, in: Naše revoluce 2, 1924/25.
L.: Adlgasser; Luft; Masaryk; Z. Kárník, V. T. Novinář, politik, diplomat, 2005; J. Malíř u. a., Biografický slovník poslanců moravského zemského sněmu v letech 1861–1918, 2012 (m. B.); J. Dejmek, Diplomacie Československa 2, 2013, S. 250; J. Tomeš, Průkopníci a pokračovatelé. Osobnosti v dějinách české sociální demokracie 1878–2013, 2013, S. 199f.
(L. Velek)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 67, 2016), S. 17f.
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