Tyl (Týl), Josef Kajetán; Ps. Antonín Čermák, Horník, J. K. Kopecký, Kutnohoran, Skalný, Týl Horník etc. (1808–1856), Schriftsteller, Journalist, Kritiker und Schauspieler

Tyl (Týl) Josef Kajetán, Ps. Antonín Čermák, Horník, J. K. Kopecký, Kutnohoran, Skalný, Týl Horník etc., Schriftsteller, Journalist, Kritiker und Schauspieler. Geb. Kuttenberg, Böhmen (Kutná Hora, CZ), 4. 2. 1808; gest. Pilsen, Böhmen (Plzeň, CZ), 11. 7. 1856. Sohn eines Schneidermeisters und Musikers. – 1819–22 erhielt T. seine erste schul. Ausbildung, 1822 besuchte er das Akadem. Gymn. in Prag. 1826 wechselte er an das Gymn. in Königgrätz zu →Václav Kliment Klicpera, bei dem er als Erzieher wirkte. 1828 inskribierte T. die phil. Jgg. in Prag. Doch bereits im März 1829 wurde er Schauspieler in der dt. Wandertruppe von Karl Hilmer; nach deren Auflösung spielte er u. a. in Bayern. 1831–42 war er als Fourier im Gen.kmdo. des böhm. IR Nr. 28 in Prag-Neustadt tätig. Daneben arbeitete er als Regisseur, Schauspieler, Adaptor und Übers. bei der tschech. Bühne des Ständetheaters. 1834–37 leitete er die Theatergruppe der jungen tschech. Dilettanten (Kajetantheater). Außerdem wirkte er 1833–45 als Red. der Literaturz. „Jindy a nyní“, später der „Květy české“ und 1840–41 des „Vlastimil“. Kurze Zeit war er auch Regisseur und dramaturg. Leiter der tschech. Schauspiele von →Johann August Stöger in der Rosengasse. Nach der negativen Besprechung seines Romans „Poslední Čech“ (1846) durch →Karel Havlíček wurde T. – bis dahin eine der herausragenden Persönlichkeiten der tschech. patriot. Kreise – etwas in den Hintergrund gedrängt. 1846–51 Dramaturg der tschech. Bühne des Prager Ständetheaters, gründete er 1846 die volksaufklärer. Z. „Pražský posel“, in deren Nachfolgeorgan „Sedlské noviny“ er sich 1848–49 gesellschaftl. und polit. Themen widmete. Daraufhin wurde er als Abg. in den RT gewählt. 1851 folgte jedoch aus finanziellen Gründen seine Entlassung als Dramaturg, kurz darauf erlebte T. auch eine polit. Schikane. I. d. F. spielte er in Josef Kullas’ neu gegr. Theaterges. in mehreren Städten Süd- und Südwestböhmens (Neuhaus, Wittingau, Tabor, Pisek, Wodňan, Netolitz, Strakonitz, Klattau und Taus). Dabei kämpfte er mit finanzieller Not sowie mit behördl. Schwierigkeiten. Außerdem scheiterte der Versuch, seine gesammelten Werke im Verlag I. L. Kober zu veröff. Ab Juni 1853 leitete er weiter die tschech. Schauspiele in der Theaterges. von Philipp Zöllner und Josef Štandera, die in Ost- und Südböhmen gastierte. T.s letzter Auftritt fand im April 1856 in Budweis statt. Sein Begräbnis wurde zu einer polit. Demonstration; zugleich entstand in den tschech. Theaterkreisen ein T.-Kult, später wurde T. auch in den tschech. nationalen Pantheon aufgenommen. Durch eine populär-marxist. Auslegung seiner Biographie und seines Werks wurde T. in den 1950er-Jahren zum Aufbau einer neuen „volkstümlichen“ und sozialen Kunst instrumentalisiert. Sein breites Schaffen umfasst sowohl Belletristik (Erz., Romane, Satiren, Reisebeschreibungen, Skizzen, Feuilletons, Gelegenheitsged.) als auch Dramatik. Außerdem schrieb er Theater- und Literaturkritiken. In seiner Belletristik versuchte er die national ausgerichtete erzieher. Kunst mit stark exponiertem sozialem Thema („Od nového roku do postu“, 1846) anhand der Schilderung des tschech. Alltagslebens in der Großstadt („Poslední Čech“, 1844) sowie in der Kleinstadt und auf dem Land („Kusy mého srdce“, 1844) zu verbreiten. In seinen hist. Erz. und Romanen („Rozina Ruthardova“, 1839, überarb. 1844; „Dekret Kutnohorský“, 1841) suchte er hingegen ein warnendes Beispiel für die Gegenwart zu finden. T. ist v. a. als Autor, Übers. und Bearb. von Dramen als Besserungsstücken („Čestmír“, Urauff. 1835; „Strakonický dudák“, Urauff. 1847) nach dem Vorbild der Wr. Vorstadtbühnen bekannt. Im Zuge der Entstehung anspruchsvollerer Dramen und des Übergangs vom Laien- zum professionellen Theater verf. T. weiters hist. Theaterstücke („Krvavý soud aneb Kutnohorští havíři“, Urauff. 1848; „Jan Hus“, Urauff. 1848; „Krvavé křtiny čili Drahomíra a její synové“, Urauff. 1848) mit national-emanzipator. Themen sowie erste Versuche im Bereich des bürgerl. Trauerspiels mit bes. Hervorhebung der sozialen Thematik („Paličova dcera“, Urauff. 1847), wobei er auch die damals aktuelle Diskussion zur jüd. Emanzipation nicht ausließ („Tvrdohlavá žena“, Urauff. 1849). T. ist nach wie vor populär als Autor der heutigen tschech. Nationalhymne „Kde domov můj“, ursprüngl. Tl. seiner zu Lebzeiten nur zweimal aufgef. Posse „Fidlovačka aneb žádný hněv a žádná rvačka“ (Urauff. 1834, Musik: →František Škroup). T. übers. und bearb. auch dt.sprachige Bühnenwerke u. a. von →Ignaz Franz Castelli, →Johann Ludwig Deinhard-Deinhardstein, Karl Gutzkow, →Karl Friedrich Hen(n)s(e)ler, →Johann Nestroy und Ernst Raupach.

Weitere W. (s. auch LČL; Laiske): Sebrané spisy, 4 Bde., 1867–68; Sebrané spisy, 17 Bde., 1870–82; Spisy, ed. J. L. Turnovský, 15 Bde., 1888–92; Spisy J. K. T., 20 Bde., 1952–89. – Nachlass: Archiv města Plzně, Plzeň, Státní okresní archiv Kutná Hora, Literární archiv PNP, Praha, alle CZ.
L.: Bohemia, Prager Ztg., 13., Pražské noviny, 13., 25., WZ, 15. 7. 1856; LČL (m. W.); Otto; Wurzbach; V. Filípek, J. K. T., jeho snažení a působení, 1859; J. L. Turnovský, O životě a působení J. K. T., 1881 (m. B.); ders., Život a doba J. K. T., 1892; M. Hýsek, J. K. T., 1926; J. Procházka, Pražská dramaturgie J. K. T., 1954; M. Laiske, J. K. T. Soupis literárního díla, 1956 (m. W.); M. Otruba – M. Kačer, J. K. T., 1959 (m. B.); J. Kopecký, Kniha o T., 1959; Tvůrčí cesta J. K. T., 1961; Monology o J. K. T., ed. F. Černý, 1993; D. Tureček, Rozporuplná sounáležitost, 2001, s. Reg.; Lex. der Weltliteratur. Fremdsprachige Autoren 2, ed. G. v. Wilpert, 4. Aufl. 2004; J. K. T. 1808–1856–2006–2008, ed. J. Vostrý – Z. Sílová, 2008; F. B. Mikovec, Pražská Thalie kolem 1850, 2010, S. 313ff.
(V. Petrbok)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 67, 2016), S. 28f.
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