Ueberreuter, Georg; bis 1809 Ueberreitter (um 1765–1836), Drucker und Verleger

Ueberreuter Georg, bis 1809 Ueberreitter, Drucker und Verleger. Geb. Wien, um 1765; gest. ebd., 12. 7. 1836. Stief- und Adoptivvater von Carl (Rauch-)U. (s. u.); verheiratet mit Theresia U. (geb. Wien, um 1784; gest. ebd., 15. 10. 1861). – U. lernte die Buchdruckerei bei Johann Thomas v. Trattner d. Ä., war zwei Jahre Geselle und arbeitete danach 15 Jahre als Druckereileiter in dessen bereits 1548 gegr. Druckerei, die er 1805 selbst von Trattners Enkel Johann Thomas v. Trattner d. J. erwarb. Das durch die Gründung der Staatsdruckerei in Schwierigkeiten geratene Unternehmen verlegte er in die Alser Gasse (Wien 9). Trattner überließ seinem Faktor die Univ.buchdruckerfreiheit und den Betrieb um den geringen Kaufpreis von 5.000 fl. Außerdem erhielt U. das Verlagsrecht für sämtl. Kal. und Schulbücher. Er druckte vorwiegend Gebetbücher, auch in Tschech., sowie den „Neuen Krakauer Schreib-Kalender“, den er 1814 bereits in 12.000 Exemplaren herstellte. 1834 erweiterte er den Betrieb durch den Bau eines Hoftrakts. 1835 nahm er seinen Adoptivsohn als Ges. in die Offizin auf und nannte sein Unternehmen fortan G. U. & Sohn, setzte jedoch seine Frau als Universalerbin ein. Nach seinem Tod benannte diese die Fa. in G. U.s Witwe & Sohn um. 1838 übernahm Carl (Rauch-)U. (geb. Wien, 10. 10. 1806, Taufdatum; gest. ebd., 3. 1. 1873) das Unternehmen. Die C. U.sche Buchhandlung und Schriftgießerei erledigte zahlreiche Ztg.druckaufträge (u. a. „Wiener Allgemeine Musik-Zeitung“, ab 1847 die „Pharmazeutische Zeitschrift“, „Wiener Zuschauer“, 1855–61 die „Oesterreichische Zeitung“, die Nachfolgeztg. des Wr. „Lloyd“), polit. Schriften und bes. Militärdrucksorten. 1861 wurde diesbezügl. eine Vereinbarung mit dem Reichskriegsmin. getroffen. Carl U. brachte der Offizin techn. und kommerziell einen Aufschwung. Er besaß Schnellpressen, Eisenpressen und eine große Auswahl an modernen Haupt- und Zierschriften. Carl U. druckte zahlreiche Diss. (u. a. →Ignaz Philipp Semmelweis, „De vita plantarum“, 1844), →Franz Stelzhamers „Neue Gesänge in obderenns’scher Volksmundart“ (1841), das Jb. „Oesterreichisches Odeon“ (1842) und die Ztg. „Der Radikale“. Er übernahm 1848 den Druck der ersten drei Bde. von Friedrich Unterreiters „Die Revolution in Wien …“. 1852 schloss er einen Ges.vertrag mit Gregor Waranitsch über den Verkauf geistl. Druckschriften, 1854 einen Vertrag mit der Redemptoristen-Kongregation. 1857 überließ Carl U. die Leitung der Offizin seinem Faktor Fr. W. Völkl, nach dessen Tod dem früheren Faktor der Staatsdruckerei W. Fickert. Carl U. druckte Werke jeder Gattung, Kunstdrucke, Plakate, Vignetten und Etiketten, Parten, Briefpapier und kaufmänn. Formulare. Die der Druckerei angeschlossene Verlagsbuchhandlung sowie der Verlag befanden sich in Wien 1. Carl U. knüpfte Geschäftsverbindungen mit Verlagen wie F. A. Brockhaus in Leipzig und Braumüller in Wien. Für Brockhaus druckte er 1848–60 „Die Gegenwart“, für Braumüller jurid., med., naturwiss., phil., theol., geschichtl., geograph. und mathemat. Bücher. Außerdem förderte er den 1842 gegr. Unterstützungsver. für erkrankte Buchdrucker und Schriftgießer Wiens sowie den Fortbildungsver. für Buchdrucker. 1866 verkaufte Carl U. Buchdruckerei, Schriftgießerei und die Verlagsbuchhandlung an →Matthäus Salzer, der die Offizin als C. U.’sche Buchdruckerei und Schriftgießerei (M. Salzer) weiterführte.

L. (meist auch für Carl (Rauch-)U.): Czeike; J. Goldfriedrich, Geschichte des Dt. Buchhandels 3, 1909, S. 497; E. Castle, Geschichte einer Wr. Buchdruckerei 1548–1948, 1948, S. 137ff.; H. Cloeter, J. T. Trattner, 1952, S. 112f.; C. U. Druck und Verlag – 100 Jahre im Besitz der Familie Salzer, 1966 (m. B.); G. Martin, 175 Jahre M. Salzers Söhne, 1973, S. 62ff.; A. Wolf, Alsergrund-Chronik, 1981, S. 149; N. Bachleiter u. a., Geschichte des Buchhandels in Österr., 2000, s. Reg.; C. Junker, Zum Buchwesen in Österr., ed. M. G. Hall, 2001, S. 132, 140; P. R. Frank – J. Frimmel, Buchwesen in Wien 1750–1850, 2008, s. Reg.
(I. Nawrocka)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 67, 2016), S. 46f.
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