Ugoni, Camillo (1784–1855), Literaturhistoriker und Kritiker

Ugoni Camillo, Literaturhistoriker und Kritiker. Geb. Brescia, Republik Venedig (I), 8. 8. 1784; gest. Pontevico, Lombardo-Venetien (I), 12. 2. 1855. Sohn von Marcantonio U. und Caterina Maggi, Bruder von Filippo U. (geb. Brescia, 11. 11. 1794; gest. ebd., 12. 3. 1877), Parlamentarier und Hrsg. von Werken Jean Charles Léonard Simonde de Sismondis und Giuseppe Pecchios. – U. wuchs in einer landaristokrat. Familie auf und besuchte 1799–1806 das renommierte Collegio dei Nobili in Parma, wo er eine solide philolog. Ausbildung erhielt. Nach seiner Rückkehr nach Brescia trat er in die 1802 gegr. Accad. di scienze, lettere, agricoltura ed arti ein, die 1811 zum Ateneo aufgewertet wurde und Mittelpunkt des intellektuellen Lebens war. Dort lernte er u. a. →Cesare Arici, Pietro Giordani, Giuseppe Nicolini sowie →Giovita Scalvini, wichtige zeitgenöss. Kritiker und Schriftsteller, kennen, befasste sich aber auch mit Techniken der Leinenherstellung, die er im Vergleich zu jener in Flandern 1808 in der Accad. vorstellte. Bereits 1807 traf er Ugo Foscolo, der U.s frühe Arbeiten krit. begleitete und ihm als Modell einer Synthese aus Poesie, Moral und Nationalgefühl diente. Mit Scalvini besprach U. die polit.-kulturellen Tendenzen. 1811 widmete er Napoleon die „Commentari di C. Giulio Cesare“ (1812), die ihn als Kenner des Latein. auswiesen und in dem er auch Sonette und Epigramme verf. Als Mitgl. der Brescianer Delegation bei Napoleon besuchte er im selben Jahr Paris. 1812–13 folgten Reisen nach Rom und Florenz mit neuen literar. Kontakten, u. a. zu Gino Capponi, Giovanni Battista Niccolini oder →Angelo Mai. Um U. bildete sich bald ein literar. Kreis, der in Kontakt mit der Mailänder Verlags- und Kritikerszene stand. Als er sah, dass die lombard. Elite im Prestigeprojekt der österr. Kulturpolitik, der „Biblioteca Italiana“ (1816–43), keinen Entfaltungsspielraum vorfand und sich schon 1816–17 Giordani und Scalvini von ihr zurückzogen, um den liberalen „Il Conciliatore“ zu unterstützen, dem sich dann auch U. zuwandte, geriet er ins Visier der Polizei. 1818 wurde er trotzdem Dir. des Lyceums sowie Präs. der Accad. und widmete sich der Fortsetzung von Giambattista Cornianis „I secoli della letteratura italiana dopo il suo risorgimento“ unter dem Titel „Della Lettera Italiana nella seconda metà del secolo XVIII“, 3 Bde., 1820–22, die seinen Ruf als Literarhistoriker begründete. Die Beschäftigung mit August Wilhelm Schlegels Vorlesungen, mit Pierre-Louis Ginguenés „Historia littéraire d’Italie“ und der „Littérature du midi de l’Europe“ von de Sismondi war dabei wegweisend. U.s Interessen konvergierten weitgehend mit den Reformideen der Conciliatore-Gruppe um Pietro Borsieri, Federico Confalonieri, Luigi Porro Lambertenghi und →Silvio Pellico, wenngleich er deren polit.-nationale Ausrichtung nicht offen teilte. Letzteres genügte, um ihn 1821 der Unterstützung von antiösterr. geheimen Ges. zu verdächtigen, zumal sein Bruder sich polit. exponiert hatte. Nach polizeil. Vorladungen seit Juni 1821 und der Verhaftung einiger Freunde beschloss U. gem. mit Giovanni Gf. Arrivabene und Scalvini, sich der drohenden Verhaftung durch Flucht in die Schweiz im April 1822 zu entziehen. In Genf, einem Zentrum der italien. Emigration, verkehrte U. mit de Sismondi. 1823 lebte er kurz in Zürich und emigrierte von dort über Dtld. und Belgien nach London, wo er →Giovanni Berchet, Scalvini u. a. wiedersah. I. d. F. lernte er Lady Morgan (Sydney Owenson) kennen. 1824 verließ U. England in Richtung Paris, wo er u. a. auf François Guizot und Benjamin Constant traf, die ihm Zutritt zu französ. Journalen eröffneten („Biographie universelle et portative des contemporains“, ab 1826 „Le Globe“). Zugleich befasste er sich mit dem Werk von Vittorio Alfieri sowie →Alessandro Manzoni, für dessen Pariser Ausg. von „Tragedie ed altre poesie“ (1830) er das Vorwort verf. und Goethes Essay zu Manzoni ins Italien. übers. („Interesse di Goethe per Manzoni“, 1827). Die Julirevolution von 1830 in Paris verfolgte er mit Distanz, was ihm Kritik eintrug, jene in Mittelitalien dagegen mit großem Interesse. Nach Abschluss seiner Biographie über Pecchio („Vita e scritti di Giuseppe Pecchio“, 1836) kehrte U. 1838 im Zuge der österr. Amnestie nach Brescia zurück, konzentrierte sich wieder auf literarhist. Stud., schloss Freundschaft mit Manzoni und enthielt sich jeglicher polit. Betätigung, auch in den Revolutionsjahren 1848/49.

Weitere W.: Saggi sopra il Petrarca, 1824; Geschichte der italiän. Literatur in der zweyten Hälfte des achtzehnten Jh., 3 Tle., 1825–30.
L.: Enc. It.; Wurzbach; Storia di Brescia 4, 1964, S. 673 (m. B.); M. Petroboni Cancarini, C. U. 1–2, 1974; Letteratura Italiana. Gli Autori. Dizionario Bio-Bibliografico e indici 2, ed. G. Einaudi, 1991, S. 1763.
(P.-H. Kucher)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 67, 2016), S. 53f.
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