Ulbrich, Josef (1843–1910), Jurist und Politiker

Ulbrich Josef, Jurist und Politiker. Geb. Eger, Böhmen (Cheb, CZ), 23. 10. 1843; gest. Prag, Böhmen (Praha, CZ), 20. 8. 1910. Sohn des Oberfinanzrats Johann U. und dessen Frau Anna U., geb. Bernard. – Nach dem Besuch des Neustädter Gymn. in Prag stud. U. an der Univ. Prag Rechtswiss.; 1867 Dr. iur. I. d. F. fungierte er als Auskultant am Handelsgericht Prag, 1869 als Gerichtsadjunkt in Tabor und am Kreisgericht Budweis sowie 1871 beim Landesgericht in Prag. 1873 wurde er Adjunkt bei der Finanzprokuratur Prag, 1876 Supplent für Nationalökonomie, Handels- und Ind.statistik am dt. polytechn. Inst. in Prag. 1876 Priv.Doz. für allg. Strafrecht, 1878 auch für österr. Straf- und Verwaltungsrecht an der Univ. Prag; 1875–84 daneben Lehrer für Handelsrecht und Nationalökonomie an der Handelsakad. Prag; 1879 ao. Prof., 1884 o. Prof. für österr. öff. Recht, ab 1888 auch für Völkerrecht an der (dt.) Univ. Prag. 1891/92 und 1907 Dekan der rechts- und staatswiss. Fak., in den Stud.jahren 1897/98 und 1898/99 sowie 1904 Rektor. U. war 1891 Gründungsmitgl. der Ges. zur Förderung dt. Wiss., Kunst und Literatur in Böhmen sowie 1898–99 Obmann des Dt. Juristen-Ver. 1897–98 sowie 1904 war er Mitgl. des böhm. LT und ab 1905 Mitgl. des HH (auf Lebenszeit, Verfassungspartei). In seiner Habil.schrift „Über öffentliche Rechte und Verwaltungsgerichtsbarkeit mit Rücksicht auf die Errichtung eines Verwaltungsgerichtshofes in Österreich“ (1875) zeigte U. die Bedeutung der Spruchpraxis der Gerichtshöfe des öff. Rechts auf. Er war Verf. einer Reihe von Lehr- und Hdbb. des österr. Staats- und Verwaltungsrechts. Gem. mit →Ernst Mischler gab er das wichtige Nachschlagewerk „Österreichisches Staatswörterbuch“ (2 Bde., 1895–97; 2. Aufl. in 4 Bde., 1905–09) heraus. U.s Rektoratsrede vom November 1897 behandelte das Thema „Das Verwaltungsrecht im Rechts- und Culturstaate der Gegenwart“. Er war der erste systemat. Bearb. des öff. Rechts und trat für die Trennung des Staatsrechts in die Disziplinen Verfassungs- und Verwaltungsrecht ein. Sein mit →Emil Pfersche ausgearbeiteter Entwurf eines Sprachengesetzes für Böhmen scheiterte am tschech. Widerstand. Als Rektor trat er 1897 bei Unruhen für die Rechte der dt. Univ. und der Studenten ein. Die staatsrechtl. Ausbildung des Erzhg. Karl Franz Joseph, des späteren K. →Karls, wurde ihm übertragen. Auch am sog. Kronprinzenwerk („Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild“, 24 Bde., 1886–1902) wirkte U. mit (Kapitel über die Verkehrsmittel in Böhmen). 1898 wurde er zum HR ernannt.

Weitere W.: Die rechtl. Natur der österr.-ung. Monarchie, 1879; Lehrbuch des österr. Staatsrechtes, 1883; Grundzüge des österr. Verwaltungsrechtes, 1884; Hdb. der österr., polit. Verwaltung für die im RR vertretenen Kg.reiche und Länder, 3 Bde., 1888–92; Lehrbuch des österr. Verwaltungsrechtes, 1903; Das österr. Staatsrecht, 3. Aufl. 1904.
L.: NFP, 18. 8., 23. 11. 1905, 2., 20. 8., 18. 10. 1910; Prager Tagbl., 20. (Abendausg.), WZ, 21., RP, 23. 8. 1910, 20. 10. 1918; Adlgasser; Biograph. Jb. 15, 1910, Sp. 86; Egerländer Biograf. Lex. 2; Kosel 2; E. Lohsing, in: Jurist. Bll. 39, 1910, S. 414; E. Tezner, in: Jurist. Vjs. 26, 1910, S. 147ff.; L. Spiegel, in: Dt. Arbeit 10, 1910/11, S. 293ff.; E. Mischler, J. U., 1912; F. Jaksch, Lex. sudetendt. Schriftsteller für die Jahre 1900–29, 1929; B. Sutter, Die Badenischen Sprachenverordnungen von 1897, 2, 1965, S. 53, 446; H. Partisch, Österreicher aus sudetendt. Stamme 7, 1970; G. Oberkofler, Stud. zur Geschichte der österr. Rechtswiss., 1984, S. 430, 436; Juristen in Österr. 1200–1980, ed. W. Brauneder, 1987, s. Reg.; Státní oblastní archiv v Plzni, Plzeň, CZ.
(G. Wesener)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 67, 2016), S. 73f.
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