Ullmann (Ulmann), Ignaz (Ignác) (1822–1897), Architekt

Ullmann (Ulmann) Ignaz (Ignác), Architekt. Geb. Prag, Böhmen (Praha, CZ), 23. 4. 1822; gest. Přibram, Böhmen (Příbram, CZ), 17. 9. 1897. Schwager von →Anton Barvitius. – U. stud. vorerst Architektur am polytechn. Inst. in Prag und 1842–45 an der Wr. ABK bei →Eduard van der Nüll und →August Sicard v. Sicardsburg. Seine Ausbildung schloss er mit einem Stud.aufenthalt in München ab. Der erste Abschnitt in U.s Werk zählt zum romant. Historismus. In den 1850er-Jahren arbeitete er v. a. an Aufträgen für den Adel – nach seinen Plänen wurden z. B. die Schlösser Bezděkov (nach 1855) und Chyše (1856–58) im romant. Rundbogenstil umgebaut. In demselben festungsartigen Stil entwarf er das Prager Palais von →Adalbert Lanna (1858–59). Beim Neubau des Krankenhauses des Prager Handelsstands 1861–62 wandete er dagegen die Tudorgotik an. 1854–63 führte er den Bau der Kirche St. Cyrill und Method in Prag-Karolinenthal nach den Projektplänen von →Karl Roesner im neuroman. Stil aus. Ab den 1860er-Jahren überwog in U.s Schaffen der Stil der Neorenaissance. Der nach seinem Entwurf 1858–61 erbaute monumentale Palast der Böhm. Sparkasse, für den Sansovinos Bibl. in Venedig als Vorbild diente, war der erste öff. Neorenaissance-Bau in Prag. Danach folgten bedeutende Prager Aufträge wie das Interimstheater (1862) und die erste Turnhalle des Ver. Sokol (1863). 1864–65 projektierte U. wichtige Werke für tschech. nationale Kreise, so etwa Grabmäler für Persönlichkeiten der tschech. Nationalbewegung und die Restaurierung der Hl.-Kreuz-Kapelle. U.s Entwurf für das tschech. Nationaltheater von 1865 war jedoch nicht erfolgreich. Ein weiteres Projekt war die Höhere Mädchenschule (1866–67) mit ihrer reich mit buntem Sgraffito verzierten Fassade. Um 1870 arbeitete er mit seinem Schwager Barvitius zusammen, wobei Planungen für luxuriöse Prager Villen und den K. Franz-Joseph-Bahnhof in Prag (1871) bzw. Wien (1870–72) entstanden. Der Einfluss von Barvitius’ reizvollem und feinsinnigem Stil ist bei U.s Werk erkennbar, bes. im Projekt für das Gebäude des tschech. polytechn. Inst. (1870, erbaut 1872–74). Zu seinen letzten Entwürfen gehören das Dt. Ver.haus in Budweis (1871–72) und das Gymn. in Pilgram (1872–74). Als das in Zusammenarbeit mit Barvitius entstandene Wettbewerbsprojekt für das Prager Künstlerhaus Rudolfinum (1874) scheiterte, beendete U. seine Tätigkeit. Obwohl er seit 1865 immer mehr im Schatten des Architekten Josef Zítek stand, kann seinem Werk, das durch eine bis dahin ungewöhnl. Plastizität und Mächtigkeit der Form charakterisiert ist, eine beeindruckende Imposanz nicht abgesprochen werden. U., einer der bedeutendsten Architekten der frühen Gründerzeit in Prag, war ab 1870 Mitgl. der Wr. ABK.

Weitere W.: s. Vybíral, 1994; Vybíral – Sekyrková.
L.: Otto; Thieme–Becker; Z. Wirth, in: Zd. Nejedlému Československá Akad. Věd, 1953, S. 529ff.; Enc. českého výtvarného umění, 1975; J. Vybíral, I. V. U., Praha 1994 (Kat., m. W.); ders., in: Dějiny a současnost 17, 1995, S. 56f.; Böhmen im 19. Jh., ed. F. Seibt, 1995, s. Reg.; J. Vybíral – M. Sekyrková, in: Umění 51, 2003, S. 325ff. (m. B. u. W.); M. Marek, Kunst und Identitätspolitik. Architektur und Bildkünste …, 2004, s. Reg.; J. Vybíral, in: zeitenblicke 5, 2006, Nr. 2 (nur online); ABK, Wien.
(V. Laštovičková)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 67, 2016), S. 78f.
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