Ulmann, Regine; geb. Kohn, Ps. Gertrud Bürger, Agnes Thal (1847–1939), Vereinsfunktionärin, Journalistin und Frauenrechtlerin

Ulmann Regine, geb. Kohn, Ps. Gertrud Bürger, Agnes Thal, Vereinsfunktionärin, Journalistin und Frauenrechtlerin. Geb. Wien, 1. 9. 1847; gest. ebd., 13. 3. 1939; mos. Tochter des Kaufmanns Wolf (Wilhelm) Kohn (geb. Nikolsburg, Mähren / Mikulov, CZ, ca. 1810; gest. Wien, 3. 1. 1884) und von Netty Kohn, geb. Bisenz (geb. Nikolsburg, ca. 1813; gest. Wien, 16. 2. 1855), Mutter u. a. von Ernst Walther U. (s. u.); ab 1867 verheiratet mit dem Kaufmann Sigmund U. (geb. Pirnitz, Mähren / Brtnice, CZ, 15. 5. 1835; gest. Wien, 14. 1. 1914). – Nach dem frühen Tod ihrer Mutter genoss U. häusl. Privatunterricht unter Anleitung der Stiefmutter. 1867 beteiligte sie sich an der Gründung des Mädchen-Unterstützungs-Ver., in dem sie anfangs Schriftführerin war. Ziel war es, jüd. Mädchen den kostenlosen Zugang zu schul. Bildung und die Erlernung eines Handwerks oder eine andere berufl. Ausbildung zu ermöglichen (später wurden auch nicht-jüd. Schülerinnen zugelassen). Der Ver. betrieb i. d. F. Arbeits- und Fortbildungsschulen. Während die Ersteren der unmittelbaren Berufsvorbereitung für die Tätigkeit in Haushalt, Gewerbe, Handwerk und Büro dienten, sollten die Letzteren eine weiterführende Ausbildung anbieten. 1889 begründete U. einen Kurs für Kinderpflegerinnen und 1905 einen solchen zur Heranbildung von Advokaturs- und Gerichtsbeamtinnen. Schon 1890 trat sie für die Öffnung der Mittelschule für Mädchen und für den obligator. Haushaltungsunterricht schulentlassener Mädchen ein. Als U.s Familie durch den Börsenkrach von 1873 schwer getroffen wurde, übernahm sie die finanzielle Verantwortung: Sie absolv. die zur Ausübung des Lehrberufs an berufsbildenden Schulen erforderl. Prüfungen und wurde zunächst Leiterin an der Arbeitsschule und 1874 Dir. weiterer Einrichtungen des Mädchen-Unterstützungs-Ver. In den folgenden Jahrzehnten stieg v. a. die Anzahl der Schülerinnen in der Arbeitsschule, in der eine Vielzahl an Kursen angeboten wurde (auch zwei ihrer Töchter hielten Kurse). Nach dem Tod von Paula Frankl-Hochwart wurde U. 1895 Präs. des Ver., der sich 1902 dem Bund Österr. Frauenver. anschloss, in welchem sie die Gewerbekomm. leitete, die 1912 einen von ihr angestoßenen „Wegweiser zur Berufswahl für Mädchen“ veröff. Außerdem leitete sie seit 1896 die überkonfessionelle Frauenvereinigung für soziale Hilfstätigkeit, die Fürsorgearbeit auf dem Prinzip der Selbsthilfe leistete. U. war neben →Marianne Hainisch, zu deren wichtigsten Mitarb. sie zählte, eine von allen geschätzte Integrationsfigur der österr. Frauenbewegung überhaupt. Sie war auch in mehreren anderen Frauenver. aktiv. Im April 1914 konstituierte sich der Verband Weibl. Fürsorge, deren Präs. U. später bis 1938 war, ein Zusammenschluss von 40 nichtpolit. Wohlfahrtseinrichtungen zur besseren Koordination ihrer Hilfstätigkeit während des Kriegs. 1916 beteiligte sich U. an der Gründung des Israelit. Frauenwohltätigkeitsver. und 1923 an der des Jüd. Frauenbunds. U. war neben ihrer pädagog. Tätigkeit jahrzehntelang journalist. tätig, nicht nur für die wichtigsten Frauenzeitschriften der bürgerl.-liberalen Frauenbewegung, sondern insbes. als Chefred. der in Wien erscheinenden Z. „Das Blatt der Hausfrau“, an deren Gründung (1890) sie wesentl. Anteil hatte. Ihre Artikel behandelten verschiedenste Themenkreise, bes. Aspekte der weibl. Bildung und Erziehung, widmeten sich aber auch organisator. Fragen der Frauenbewegung. Die Z. ging 1906 in den Besitz des Berliner Ullstein-Verlags über, doch hatte U. die redaktionelle Leitung bis 1916/17 weiter inne und schrieb noch nach ihrem Ausscheiden jahrelang für das Bl. Daneben war sie als Mitarb. der „Neuen Freien Presse“, der „Österreichischen Volkszeitung“, der „Wiener Mode“, der „Vossischen Zeitung“, des „Neuen Wiener Tagblatts“, des „Fremden-Blatts“, des „Berliner Tageblatts“, Prager und Schweizer Bll. sowie einer großen Zahl anderer Frauenzeitschriften tätig. Sie zählt damit neben Betty Paoli (→Babette Glück), →Aloisia (Lola) Kirschner, Bertha Zuckerkandl und →Ottilie Bondy zu den ersten Journalistinnen Österr.-Ungarns. Gem. mit Anita Müller-Cohen und Hainisch organisierte sie 1923 in der Wr. Hofburg die Weltkonferenz jüd. Frauen. Für ihre jahrzehntelangen Verdienste um die weibl. Fortbildung und Fürsorge wurde sie mehrfach ausgez.: u. a. Goldenes Verdienstkreuz mit der Krone, 1937 Goldenes Verdienstzeichen des österr. Verdienstordens. Auch ihr Sohn, der Rechtsanwalt Ernst Walther U. (geb. Wien, 9. 2. 1877; gest. Ghetto Opole Lubelskie, Gen.Gouvernement/PL, nach dem 26. 2. 1941), war journalist. und schriftsteller. tätig. Während seines Stud. wirkte er 1899–1902 als Red. in verschiedenen Abt. des Telegraphenkorrespondenzbüros. 1906–07 red. er neben seiner Tätigkeit als Rechtsanwaltskonzipient die „Oesterreichische Konzipienten-Zeitung“.

L.: NFP, 30. 8. 1927; NWT, 30. 9. 1937; Das Bl. der Hausfrau 42, 1926/27, H. 26, S. 1; Die Österreicherin 10, 1937, Nr. 7, S. 2; G. Benedikt, Das Frauenbild im Bl. der Hausfrau von 1891 bis 1918, DA Wien 1987, S. 22f., 115ff.; E. Torggler, Jüd. Frauenwohltätigkeitsver. in Wien von 1867–1914, geisteswiss. DA Wien, 1999, S. 146; E. Malleier, in: Im Namen des Herrn? …, red. C. Wenzel, 1999, S. 28ff.; E. Malleier, Jüd. Frauen in Wien (1816–1938) …, phil. Diss. Wien, 2000, S. 175ff.; AdR, Wien; Mitt. Marianne Baumgartner, Barbara Sauer, beide Wien.
(Th. Venus)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 67, 2016), S. 84f.
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