Ungar, Clara (1840–1916), Sängerin und Schauspielerin

Ungar Clara, Sängerin und Schauspielerin. Geb. Wien, 1840; gest. Berlin, Dt. Reich (D), 19. 5. 1916. Schwester von Louise U. und Marie U. (beide s. u.). – Über U.s Eltern und ihre Jugend ist nichts bekannt, außer dass ihre Mutter trotz anders lautenden Angaben 1865 noch bei ihr lebte. U. stud. als Jugendliche Gesang bei →Heinrich Proch in Wien, erst nach Beginn ihrer Karriere auch Schauspiel bei Adele Peroni-Glaßbrenner in Berlin. Bereits 1855 debüt. sie als Agathe („Freischütz“) und Adalgisa („Norma“) am Stadttheater Linz, darauf folgten Engagements in Neustrelitz und Stettin sowie 1858/59 am Kroll’schen Theater in Berlin. 1859/60 war sie erste Koloratursängerin in Riga (Isabella in „Robert le Diable“ und Marguerite in „Les Huguenots“, Donna Anna in „Don Giovanni“, Adina in „L’elisir d’amore“). Über Danzig ging sie nach Berlin, wo sie 1861–73 am Friedrich-Wilhelmstädt. Theater engag. war und zuerst äußerst erfolgreich als Sängerin in Opern und Operetten auftrat. Bes. lagen ihr die Werke Jacque Offenbachs, etwa die Metella in „Pariser Leben“, „Die Großherzogin von Gerolstein“, „Die Prinzessin von Trapezunt“, die transponierte Partie des Valentin in „Fortunios Lied“, aber auch Rollen wie jene der Madeleine im „Postillon von Lonjumeau“ oder der Marie im „Waffenschmied“. Schon ab 1863 versuchte sie sich daneben in reinen Sprechrollen (Schauspieldebüt als Leonie in „Eine Tochter des Südens“ von Charlotte Birch-Pfeiffer), die mit den Jahren einen immer größeren Anteil ihres Repertoires einnahmen. So wirkte sie an Auff. von Offenbachs „Schöner Helena“ im Mai 1865 nicht etwa als Sängerin, sondern in der Sprechrolle der Thalia in einem eigens geschriebenen Prolog mit. Einer lebensbedrohenden Erkrankung im September 1865 folgten Stimmprobleme, Streitigkeiten mit der Dion., ein kurzes Gastspiel in Königsberg und ein mehrmonatiges Schauspiel-Engagement am Hoftheater Braunschweig (1865–66). Bei ihrer Rückkehr nach Berlin wurde sie für das feine Lustspiel engag. (→Eduard v. Bauernfeld, Roderich Benedix, Victorien Sardou etc., auch zahlreiche für sie geschriebene oder bearb. Werke, z. B. „Moderne Geschäfte“ von Carl Görlitz), bis 1873 wirkte sie zudem noch vereinzelt in Operetten mit. Der altersbedingte Fachwechsel zu Heldinnen und Anstandsdamen, später noblen Mütterrollen in Lustspielen führte U. an viele größere und kleinere Theater, denen sie oft nur kurz verbunden blieb: Oktober–November 1873 Budapest, 1874/75 Stadttheater Hamburg, 1875/76 Stadttheater Breslau, April 1876 Prag, 1876/ 77 Magdeburg, 1877/78 Düsseldorf, 1878–81 Dessau, 1883–85 Lobetheater Breslau, 1885 Budapest, 1886/87 Halle an der Saale, 1887–89 Brünn, 1889 Bad Freienwalde an der Oder, 1889–95 Großherzogl. Theater Oldenburg, dazwischen 1892 und 1893 Sommertheater im Kgl. Kursaaltheater Bad Ems, 1895/96 Königsberg, 1896/97 Stadttheater Breslau, 1897/98 Schauspielhaus München, 1898/99 Belle-Alliance-Theater Berlin. U. begeisterte bes. durch ihre Vielseitigkeit, ihr graziöses, natürl. elegantes, geschmackvolles Spiel, den noblen, aber immer wahrheitsgetreuen Ausdruck, die der jeweiligen Rolle prägnant angemessene Aussprache (vom feinen Konversationston bis zum Wr. Dialekt) und nicht zuletzt die dezente, einnehmende Persönlichkeit. Ihre ältere Schwester Louise U. war eine ebenfalls sehr erfolgreiche, wenn auch weniger berühmte Schauspielerin, die zuerst als jugendl., dann als erste Liebhaberin, später als Salondame in Lustspielen und Konversationsstücken v. a. durch ihre Anmut, Frische und Natürlichkeit überzeugte. Die Stationen ihrer Karriere waren 1843/44 Olmütz, 1844–46 Pest, 1847/48 Pressburg, 1848 Wien (Theater an der Wien und Nationaltheater), 1848/49 Wr. Neustadt, 1849 Triest und Ofen, 1850 Budweis, 1850/51 Wien (Theater in der Josefstadt), 1851–56 Mannheim, 1856–60 Leipzig, 1860–62 Braunschweig, 1862/63 Danzig, 1863/64 Krefeld und 1864/65 Elberfeld, welches sie nach Streitigkeiten mit der Dion. vorzeitig verließ. Über Barmen kehrte sie zu einem ehrenvollen Gastspiel nach Krefeld zurück, wo sie anlässl. des 25-jährigen Künstlerjubiläums von Dir. Ferdinand Wenzel 1865 das Hannchen in „Das bemooste Haupt“ (Roderich Benedix) spielte. Ab Juni jenes Jahres war sie schließl. in Berlin, wo sie an U.s Seite 1865/66 zahlreiche Vorstellungen am Friedrich-Wilhemstädt. Theater gab. 1866/67 wechselte sie nach Nürnberg, 1867/ 68 nach Mainz, 1869/70 nach Stettin, 1870 sogar nach New Orleans an das Dt. National Theater (bis mindestens 1873), 1875/76 nach Barmen und schließl. 1876/77 wieder nach Berlin an das Woltersdorff-Theater. Die Bühnenlaufbahn der jüngeren Schwester Marie U. liegt im Dunkeln. Sie soll sich nach vielversprechendem Karrierebeginn in Berlin verheiratet und der Bühne entsagt haben. Möglicherweise ist sie ident. mit einer Marie U., die 1878/79 in St. Petersburg, 1880/81 in Mainz, 1883 in Sarajevo, 1884 in Heidelberg, 1887/88 in Budweis, 1888/ 89 in Esseg, 1889/90 in Baden bei Wien und Ödenburg, 1892/93 in Wien (Theater in der Josefstadt), 1893/94 in Hermannstadt und ab 1894 als verheiratete Marie Fender an stark wechselnden Orten gastierte, doch lässt sich dies nicht mit Sicherheit sagen, da zur selben Zeit eine weitere Schauspielerin und Soubrette gleichen Namens existiert zu haben scheint.

L.: Neue Berliner Musikztg., 11. 2., Bll. für Musik, Theater und Kunst, 19. 6. 1863; Neues Fremden-Bl., 1., FB, 7. 9. 1865; Wr. Salonbl., 4. 10. 1885; Eisenberg, Bühne; Wurzbach; Dt. Bühnen-Almanach, 1854–89 (auch für Louise und Marie U.); Die Dt. Schaubühne 11, 1870, H. 1–2, S. 94; Neuer Theater-Almanach 1–3, 1890–92. – Louise U.: Der Humorist, 16. 6. 1849; Almanach für Freunde der Schauspielkunst 9–18, 1844–53 (auch für Marie U.).
(Ch. Pollerus)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 67, 2016), S. 97f.
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