Ungar, Hermann (1893–1929), Schriftsteller und Beamter

Ungar Hermann, Schriftsteller und Beamter. Geb. Boskowitz, Mähren (Boskovice, CZ), 20. 4. 1893; gest. Praha, Tschechoslowakei (CZ), 28. 10. 1929; mos. Sohn des wohlhabenden Branntweinfabrikanten und Bgm. Emil U. (geb. um 1852; gest. Boskowitz, 1942) und von Jeanette U., geb. Kohn (geb. 1. 3. 1867; gest. KZ Auschwitz, Dt. Reich/PL, nach dem 25. 4. 1942), Vater des Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen Michael Thomas (Tom) U., später Unwin (geb. Praha, 25. 10. 1923; gest. 29. 5. 2012) und des Physikers Alexander Matthias U. (geb. 15. 3. 1929; gest. 24. 1. 2000); ab 1922 verheiratet mit Margarete U. (Margret Unwin), geb. Stránský (geb. Prag, Böhmen / Praha, CZ, 1895; gest. Vancouver, CDN, 21. 2. 1978), die 1939 nach England und nach dem Krieg nach Kanada emigrierte. Die orthodoxe Familie väterlicherseits leitete ihre Herkunft vom Oberrabb. Moses U. sowie vom Gelehrten und Leiter einer Jeschiwa Samuel Kell ha-Levi (1724–1806) ab. – U. erhielt Privatunterricht von seinem Vater und einem jüd. Lehrer und besuchte 1905–11 das II. dt. Staatsgymn. in Brünn. U., der mit der zionist. Bewegung sympathisierte, inskribierte 1911 an der Berliner Univ. Orientalistik (Hebr. und Arab.) und war Mitgl. der Burschenschaft Hasmonäa. 1912 begann er auf Wunsch des Vaters in München Rechts- und Staatswiss. zu stud. und setzte im Sommersemester 1913 seine jurist. und nationalökonom. Stud. in Prag fort. Dort engagierte er sich auch in der zionist. Bewegung, war Vors. der jüd. Studentenverbindung Barissia und Mitgl. der Freimauerloge Freilicht zur Eintracht. Im 1. Weltkrieg kämpfte er als Freiwilliger in Galizien, Wolhynien und in der Bukowina, wo er verwundet wurde. Danach arbeitete er in einer Kanzlei in Königgrätz und beendete sein Jusstud. in Prag (Dr. iur. 1918). Bis April 1919 war er als Konzipient in einer Prager Rechtsanwaltskanzlei und im Herbst 1919 kurze Zeit als Dramaturg am Stadttheater in Eger tätig. 1920 arbeitete U. als Bankangestellter der Escompte-Ges. für Ind. und Handel in Prag. 1921 wurde er in Berlin, wo er sich mit Camill Hoffmann anfreundete, Vertragskonzeptbeamter der Expositur des tschechoslowak. Amts für Außenhandel, ein Jahr später Konsularattaché in der Handelsabt. der tschechoslowak. Gesandtschaft in Berlin. 1926 wurde er Mitgl. der Gruppe 1925, der u. a. auch Kurt Tucholsky angehörte, und unternahm mehrere Reisen nach Italien, Frankreich und in die Schweiz. 1928 zum 2. Legationssekr. ernannt und nach Prag berufen, bekleidete er diese Stelle jedoch nur kurz. Aufgrund psych. und anderer gesundheitl. Probleme reichte U., der bereits seit 1911 schriftsteller. tätig war, 1929 seine Demission aus dem Staatsdienst ein. Seine Prosa ist u. a. eine von der Psychoanalyse beeinflusste Verarbeitung seiner Jugenderfahrungen. 1918 schrieb er an einem Roman aus dem jüd. Milieu (heute verschollen) und veröff. erste Werke im „Prager Tagblatt“. 1920 folgte der expressionist. Erzählbd. „Knaben und Mörder“, in dem die Protagonisten ihr Scheitern an der Welt sowie ihr gestörtes Verhältnis zur Sexualität beschreiben. Das Buch wurde von Thomas Mann sehr positiv besprochen. 1922 veröff. Ernst Rowohlt den Roman „Die Verstümmelten“ (Neuausg. 2001) über einen von sexueller Besessenheit und Geldgier getriebenen und selbstzerstörer. Angestellten. In „Die Klasse“ (1927, Neuausg. 2012) schildert U., den u. a. Berthold Viertel, Ernst Weiß, Franz Werfel und Stefan Zweig schätzten, einen von Wahn und Selbsthass verfolgten jüd. Lehrer. Sein Theaterstück „Der rote General“ über das Schicksal von Leo Trotzki, das 1928 im Berliner Theater in der Königgrätzer Straße Urauff. hatte, wurde ein großer Erfolg. „Die Gartenlaube“ (Urauff. 1929 in Berlin am Theater am Schiffbauerdamm), eine von der Zensur mehrmals abgelehnte antibürgerl. Satire, wurde anfangs nur zögerl. aufgenommen. Schon zu U.s Lebzeiten erschienen mehrere Erz. und Romane in tschech., russ., französ. und engl. Übers. Aus dem Nachlass wurden Erz. und das Drama „Der Krieg“ (1990) veröff. Seit den 1980er-Jahren kam es zu zahlreichen Neuausg. und Übers. seiner Werke in mehrere Sprachen. U.s Nachlass gilt als verschollen.

Weitere W.: Die Ermordung des Hptm. Hanika. Tragödie einer Ehe, 1925; Der getriebene Lehrer, 1927 (Neuausg. 2012); Colberts Reise, eingeleitet von Th. Mann, 1930; Das Gesamtwerk, ed. J. Serke, 1989 (m. W.); Der Bankbeamte und andere vergessene Prosa, ed. D. Sudhoff, 1989; Sämtl. Werke, 3 Bde., ed. ders., 2001–02 (2. Aufl. 2011, m. W.).
L.: Hall–Renner; Killy; Kosch; E. Pátková, in: Acta Univ. Carolinae – Philologica, Germanistica Pragensia 4, 1966, S. 85ff. (m. B.); N. Klemenz, H. U., 1971 (m. B.); M. Linke, H. U., 1971; D. Sudhoff, H. U., 1990 (m. B.); C. Lehnen, Krüppel, Mörder und Psychopathen. H. U.s Roman „Die Verstümmelten“, 1990 (m. B.); J. Bránský, in: Litteraria Pragensia 1, 1991, S. 89ff.; Vlastivědná ročenka Okresního archivu Blansko, 1993, S. 39ff.; Lex. der dt.-jüd. Literatur, 2000 (m. B.); Lex. dt.mähr. Autoren, ed. I. Fialová Fürstová u. a., 2003; A. Bucher, Repräsentation als Performanz, 2004, S. 170ff.; Ch. Jäger, in: Grenzdiskurse: Ztg. dt.sprachiger Minderheiten und ihr Feuilleton in Mitteleuropa bis 1939, ed. S. Schönborn, 2009, S. 181ff.; U. Weinzierl, in: H. Ungar, Die Klasse, 2012, S. 299ff.; Lex. dt.-jüd. Autoren 20, 2012.
(V. Petrbok)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 67, 2016), S. 98f.
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