Unger, William (1837–1932), Illustrator und Kupferstecher

Unger William, Radierer, Illustrator und Kupferstecher. Geb. Hannover, Kg.reich Hannover (D), 11. 9. 1837; gest. Innsbruck (Tirol), 5. 3. 1932 (begraben: Ober-St.-Veit, Wien); evang. AB. Sohn des Juristen und Kunsthistorikers Friedrich Wilhelm U. (1810–1876) und der Ernestine U., geb. Wurm, Bruder der Bildnis- und Historienmalerin Johanna U. (geb. Hannover, 6. 3. 1837; gest. Pisa, I, 11. 2. 1871), Vater der Kunstgewerblerin Else U. (geb. Wien, 25. 2. 1873), die mit dem Gewerbeschul-Prof. und Architekten Emil Holzinger (geb. Gmunden, OÖ, 11. 9. 1877; gest. Innsbruck, 21. 7. 1938) verheiratet war, und der Bildhauerin Hella U. (geb. Wien, 6. 1. 1875), Schwager von →Julius Lott; ab 1870 verheiratet mit Therese U. (gest. 1919). – U. verbrachte seine Kindheit in Göttingen. Nach Besuch der Realschule stud. er 1854–57 an der Düsseldorfer Akad. bei Josef Keller und verkehrte im Künstlerver. „Malkasten“. Mit seinem ersten Honorar für Radierungen nach anatom. Präparaten finanzierte er eine Stud.reise nach Kassel, Dresden, Wien und Venedig. 1858 bildete er sich an der ABK in München fort und stud. ein Jahr an der Kupferstecherschule bei Julius Thäter, danach ein weiteres Jahr erneut in Düsseldorf. Erste Arbeiten für den Leipziger Verleger Ernst Arthur Seemann und dessen „Zeitschrift für bildende Kunst“ sowie für den Brockhaus-Verlag entstanden. U.s Spezialität war die Reproduktion von Gemälden alter, v. a. niederländ., aber auch italien. Meister (Meisterwerke der Braunschweiger Galerie, 1868, der Kasseler Galerie, 1869, der Bilder Franz Hals’ in Haarlem, 1871, oder des Trippenhuis in Amsterdam legte er in Alben vor). Diese Arbeiten bedingten zahlreiche Ortswechsel. Wesentl. für seine Wohnortwahl (ab 1872 Wien) wurde die Zusammenarbeit mit der Ges. für vervielfältigende Kunst in Wien und der Wr. Kunsthandlung Miethke, die auch sein Album „Die Kaiserl. Königl. Gemälde-Galerie in Wien“ (1886, mit Texten von →Karl v. Lützow) herausbrachte. War U. bereits 1871 vom Großhg. von Sachsen-Weimar-Eisenach in Anerkennung seiner Leistungen als Radierer zum Prof. ernannt worden, so erhielt er 1881 eine Professur an der Kunstgewerbeschule des Österr. Mus. für Kunst und Ind., dessen Radierklasse er erst aufbauen musste; 1895–1908 o. Prof. an der ABK und Leiter der Spezialschule für Kupferstecherei. Zu seinen Schülern zählten etwa Alfred Cossmann, →Rudolf Jettmar, Oswald Roux und →Ferdinand Schmutzer, die ihre erlernte Technik auch in sog. Originalradierungen erprobten. In seinem Werkkat., der über 800 heute noch nachweisbare Radierungen (er selbst spricht von 1.200) auflistet, sind ca. 200 Radierungen nach Eigenerfindungen, meist von Stadt- und Landschaftsmotiven, enthalten, so aus Lovrana bei Abbazia, wo er sich wiederholt aufhielt, aber auch aus Amalfi, Messina, Amsterdam und Ober-St.-Veit, wo er lange Zeit mit seiner Familie eine Villa bewohnte. Von zahlreichen Persönlichkeiten schuf er (z. Tl. nach Vorlagen) radierte Porträts (K. →Franz Joseph I., Papst Pius IX., Erzhg. →Franz Ferdinand, →Johannes Brahms, →Franz Grillparzer, Wilhelm v. Kaulbach). Im Alter widmete er sich der Zeichnung und dem Aquarell und verbrachte den Lebensabend in Innsbruck bei seiner Tochter Else. U. gilt als einer der Hauptmeister der modernen dt. und österr. Radierkunst und als Neuschöpfer der farbigen Radierung. Seine Werke zeigte er u. a. auf Ausst. in Berlin, München, Wien und Innsbruck; Arbeiten finden sich etwa in der Albertina (Wien). Seine Kunstsmlg. ließ er 1908 im Wr. Dorotheum versteigern (mit gedrucktem Kat.). U. erhielt 1891 die Große goldene Medaille (Berlin), 1908 die Große goldene Staatsmedaille und war ab 1872 Mitgl., ab 1908 Ehrenmitgl. der Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens (Künstlerhaus), ab 1874 Ehrenmitgl. der Wr. ABK, ab 1892 Mitgl. der Preuß. Akad. der Künste, Berlin und Ehrenmitgl. der ABK in München, Stockholm und Brüssel.

Weitere W.: s. Kirkovits. – Publ.: Aus meinem Leben, 1929.
L.: NFP, 10. 3. 1932; Innsbrucker Nachrichten, 15. 9. 1937; Tiroler Tagesztg., 22. 6. 1963; Eisenberg 1; Fuchs, 19. Jh.; Jb. der Wr. Ges.; Thieme–Becker; Wurzbach; K. Fischnaler, Innsbrucker Chronik 5, 1934; H. Cloeter, in: Bergland 20, 1938, H. 8, S. 25ff.; H. Hochenegg, Die Tiroler Kupferstecher …, 1963, S. 98ff.; Dieses Buch zeigt Kunst und ist unseren Gästen gewidmet, 1994, S. 160; C. Kraus, Zwischen den Zeiten. Malerei und Graphik in Tirol 1918–45, 1999, S. 299; Tirols Künstler 1927, ed. E. Hastaba, 2002; A. E. Kirkovits, Der Illustrator, Kupferstecher und Radierer W. U. (1837–1932), geisteswiss. DA Graz, 2011; digital belvedere (nur online, Zugriff 3. 9. 2015).
(E. Hastaba)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 67, 2016), S. 105f.
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