Urban, Anton (II.) (1852–1906), Großindustrieller

Urban Anton (II.), Großindustrieller. Geb. Wien, 24. 12. 1852; gest. Pörtschach am See (Pörtschach am Wörthersee, Ktn.), 5. 9. 1906; röm.-kath. Sohn von →Anton (I.) U., Bruder von →Ludwig U. d. Ä., Vater von Anton (III.) U. (s. u.). – U. arbeitete als techn. Privatbeamter im Unternehmen seines Vaters und begründete mit diesem sowie seinem Bruder die Fa. A. U. & Söhne. Die Beteiligung der Fa. an der Jubiläums-Gewerbeausst. 1880 in Wien brachte U. als techn. Leiter das Goldene Verdienstkreuz mit der Krone ein. 1883 unternahm er mit Ludwig U. d. Ä. eine Stud.reise nach England, um Erfahrungen in der Massenproduktion von Schrauben und Muttern zu sammeln. Als der Betriebsstandort Wien-Margareten zu klein wurde, übersiedelte man nach Floridsdorf. 1888 kaufte U. auf einer weiteren Stud.reise in England mehrere Spezialmaschinen. Die Weltausst. in Chicago 1893 nutzte er, um amerikan. Werkzeugfabriken kennenzulernen. Nachdem die Modelltischlerei 1892 durch einen Brand zerstört worden war, ließ er 1893 mit Ludwig U. d. Ä. eine Hydrantenanlage in Verbindung mit einem 27 m hohen Wasserturm erbauen. Für ihre Privatbeamten und Arbeiter richtete die Familie zwei Pensionsfonds von jeweils 100.000 Kronen ein. Zusätzl. wurde laut Fabriksordnung jedem verunglückten Arbeiter ein Zuschuss von 50 % zu der Beihilfe der Unfallversicherung gewährt. Nach 1867 bezogen die Kgl. Ung. Staatsbahnen immer weniger Waren aus der österr. Reichshälfte. Daraufhin kauften die Brüder 1894 zusammen mit der Fa. Brevillier & Cie. sämtl. Aktien der Ersten ung. Schraubenfabrik-AG und verlegten einen Tl. ihrer österr. Schraubenfabrikation nach Budapest. 1899 fusionierten beide Firmen zur Schrauben- und Schmiedewarenfabriks-AG Brevillier & Cie. und A. U. & Söhne mit einem Anfangskapital von 6,5 Mio. Kronen. Der Firmensitz lag im sog. Schraubenhof in Wien 6. 1902 erwarb die Ges. die Schrauben- und Metallwarenfabrik der Fa. Brevillier & Co. in Neunkirchen sowie die Nieten-, Schrauben- und Schraubenmuttern-Fabriken der Fa. A. U. & Söhne in Floridsdorf und Gradenberg in der Stmk. mit Niederlagen in Wien und NÖ. Um das neu erworbene Werksgelände in Wr. Neustadt zu erweitern, wurde der Feuerbach trockengelegt. Auf den Flächen entstanden 1904 ein Beizereigebäude, 1905 eine Gießerei und 1906 ein zentral gelegener Werkstättentrakt. 1906 trat U.s Sohn Anton (III.) U. (geb. 27. 9. 1881; gest. 7. 8. 1946) in den Verw.R. der Schrauben- und Schmiedewarenfabriks-AG Brevillier & Co. und A. U. & Söhne ein. Zu der Zeit beschäftigte das Unternehmen ca. 1.600 Arbeiter und exportierte u. a. nach Italien, Südosteuropa und Ägypten. Nach U.s Tod folgte ihm Anton (III.) U. als Verw.R. der Schraubenwerke in NÖ, der Ersten galiz. Schrauben-, Nieten- und Muttern-Fabriks-AG in Auschwitz und der Ersten ung. Schraubenfabrik-AG, Budapest, nach. Letztere, 1889 begründet, zählte 500 Mitarb. und 20 Tagelöhner sowie 500-HP-Dampfmaschinen. 1911 wurden die Eisen- und Metallwarenfabrik der Fa. Hinterleitner & Co. und das Metallwerk der Fa. Mahn & Co. dem Unternehmen angegliedert und beide Betriebe nach Neunkirchen verlegt. 1912 erwarb man die Neunkirchner Schrauben- und Mutternfabrik der Ternitzer Stahlwerke, das Eisenwerk der Österr. Berg- und Hüttenwerke im poln. Ustroń sowie das Werk in Sporysz bei Żywiec der Galiz. Schraubenfabrik A.-G. Der Arbeiterstand betrug 1916 4.500 Mitarb. Das Unternehmen erzeugte Nieten, Schrauben, Muttern, Präge- und Schmiedeartikel, Schraubstöcke und -nägel, Pflugbleche, Messing-, Kupfer- und Aluminiumstangen, Bestandtle. für den Waggon- und Lokomotivenbau, für Dampfheizungen, Dachbauten, Schiffswerften, Mühlen, Papierfabriken, den Telegraphenbau und die Elektrotechnik, für Fahrräder- und Automobilfabriken, Möbelfabriken etc. Um 1932 hatte Brevillier und U. Fabriksanlagen in Wien 21, Neunkirchen, Gösting bei Graz, Ustroń, Sporysz, Budapest sowie Repräsentanzen in Budapest und Ustroń. Anton (III.) U. war Vizepräs. des Verw.R. und techn. Zentraldir., zuletzt Vorstandsvors. der Schrauben- und Schmiedewarenfabriks-AG Brevillier & A. Urban & Söhne mit Zweigniederlassungen in Neunkirchen und Graz-Gösting.

L.: NFP, 7. 9. 1906 (Parten); H. Smital, Geschichte der Großgmd. Floridsdorf, 1903, S. 371ff.; Compass. Finanzielles Jb. für Österr.-Ungarn 1905, 38/2, 1904, S. 274, 1915, 48/2, 1914, S. 959, 1932, 65, 1932, S. 750ff.; Die Ind. Z. für die Interessen der Ind. 9, 1906, Nr. 37, S. 5; Mariahilf einst und jetzt, ed. E. Blaschek, 1926, S. 192f.; Das Wr. Heimatbuch: Mariahilf, 1963, S. 280f.; R. Granichstaedten-Czerva u. a., Altösterr. Unternehmer, 1969, S. 125f.; M. Fasan – W. Haider-Berky, Geschichte von Neunkirchen 4, 1987; R. Reschny, Brevillier & U. – eine betriebsgeschichtl. Fallstud., wirtschaftswiss. DA Wien, 1996, S. 4f., 31f., 43f., 66f., 80; WStLA, Wien.
(J. Mentschl – I. Nawrocka)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 67, 2016), S. 122f.
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