Urban, Johann (1863–1940), Techniker und Unternehmer

Urban Johann, Techniker und Unternehmer. Geb. St. Lorenzen, Stmk. (Lovrenc na Pohorju, SLO), 7. 6. 1863; gest. Wien, 13. 11. 1940; röm.-kath. Sohn des Pächters Johann U.; verheiratet mit Hermine U., geb. Bauer. – U. absolv. die Realschule in Marburg an der Drau und besuchte anschließend ab 1880 die Maschinenbauschule an der TH Graz. Wegen der Mittellosigkeit seiner Eltern war er auf Stipendien angewiesen. 1884 legte er in Graz die II. Staatsprüfung ab. Anschließend arbeitete er als Ass. an der Staatsgewerbeschule in Reichenberg und befasste sich mit der Einrichtung einer elektr. Beleuchtung im Theater in Riga. Ab 1885 war er in einer Glühlampenfabrik der Electriciteits-Maatschappij in Rotterdam beschäftigt, wo er den dt. Chemiker Max Fremery kennenlernte. 1887 gründete ihr Arbeitgeber einen weiteren Betrieb im hess. Gelnhausen. U. und Fremery übernahmen dessen techn. Leitung und experimentierten mit Kohlefäden als Leuchtfäden. Mit mehreren Finanziers machten sie sich selbstständig und eröffneten 1892 eine eigene Produktionsstätte für Glühlampen in Oberbruch bei Aachen. Dort wurden die Leuchtfäden aus Zellulose mit einer Kupferoxyd-Ammoniak-Flüssigkeit in eine lösl. Form übergeführt und durch feine Spritzdüsen in ein Fällbad gepresst; die Düsen wurden von U. entwickelt. Das Produkt erhielt den Namen Kunstseide. U. und Fremery ließen ihr Verfahren 1897 patentieren. 1899 gründeten sie mit weiteren Kapitalbesitzern in Elberfeld (Wuppertal) die Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG. Inzwischen wurden die Glühlampenfäden zunehmend aus hochschmelzenden Metallen hergestellt, daher konzentrierten sich die Gesellschafter nun auf die Erzeugung von Textilfäden. Als Ableger der Elberfelder Fabrik entstand 1904 die Erste Österr. Glanzstoff-Fabrik AG Wien mit Standort in St. Pölten. Ihr Aktienkapital betrug 2,5 Mio. Kronen, daran beteiligte sich auch die Nö. Escompte-Ges. U. übernahm die Leitung des Unternehmens. Dort erzeugten anfängl. 306 Beschäftigte tägl. 125 kg Kunstseide. Unter Mitwirkung U.s entstanden weitere Werke in Dtld., Frankreich und England. Die zur Herstellung benötigten Materialien waren eher kostspielig. Von England ausgehend, setzte sich aber allmähl. das sog. Viskose-Verfahren durch, das auf Fichtenholz als preiswertem Ausgangsstoff basierte. Um 1911 stellte auch das Werk in St. Pölten auf die Herstellung von Viskose um. Im 1. Weltkrieg gestaltete sich die Beschaffung der Rohstoffe mühsam. 1917 erzeugte die Fabrik unter Heeresaufsicht Stoffe für Kartuschbeutel. Nach dem Krieg folgte ein Wiederaufstieg. Ende 1928 waren in St. Pölten 2.700 Personen beschäftigt, sie erzeugten tägl. rund 6.000 kg Kunstseide. Die Fabriksanlagen wurden erweitert und rund 75 Einzelhäuser sowie ein Beamtenwohnhaus errichtet. Die Produktpalette umfasste nun u. a. Teppiche und Möbelstoffe, Strick- und Wirkwaren, Kabel und Gummibänder, Posamenten und Tressen, Spitzen und Besätze sowie Tapeten. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 führte zu einem zeitweiligen Stillstand des Werks, 1932 waren nur mehr 800 Personen beschäftigt. U. selbst wohnte in St. Pölten, besaß aber weitere Wohnsitze in Wien, NÖ, OÖ und der Stmk.

L.: Fünfundzwanzig Jahre Erste Oesterr. Glanzstoff-Fabrik A.G. Wien – St. Pölten, 1929, passim (m. B.); Erste Österr. Glanzstoff-Fabrik AG. Das Werk im Jubiläumsjahr 1964, 1964, S. 11 (m. B.); F. Mathis, Big Business in Österr., 1987, s. Reg.; W. E. Wicht, Glanzstoff. Zur Geschichte der Chemiefaser, eines Unternehmens und seiner Arbeiterschaft, 1992, s. Reg.; G. Luxbacher, Massenproduktion im globalen Kartell. Glühlampen, Radioröhren und die Rationalisierung der Elektroind. bis 1945, 2003, s. Reg.; G. A. Stadler, Das industrielle Erbe NÖ, 2006, s. Reg.; M. Urban, Bevor der Vorhang fällt. Erinnerungen, 2014; Österr. Patentamt, Wien; TU, Graz, Stmk.
(H. Weitensfelder)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 67, 2016), S. 126
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