Ursin (Ursinn), Josef d. J.; bis 1886 Unsinn (1863–1932), Politiker und Mediziner

Ursin (Ursinn) Josef d. J., bis 1886 Unsinn, Politiker und Mediziner. Geb. Tulln (Tulln an der Donau, NÖ), 27. 6. 1863; gest. Wien, 29. 10. 1932; röm.-kath. Sohn von Josef U. d. Ä. (s. u.) und Elisabeth U., geb. Klausberger, Vater des Mediziners Karl U. (1901–1973), der gem. mit dem Neurologen und Rassenhygieniker Karl Thums den völk. Ast der österr. Wandervogelbewegung verkörperte, sowie des Politikers Fritz U., nö. Geschäftsführer der NSDAP-LT-Fraktion und in den 1950er-Jahren Bundesobmann der von ihm mitbegründeten Freiheitl. Smlg. Österr. (FSÖ); verheiratet mit Marie U., geb. Sichinger. – U. besuchte das Gymn. in Krems sowie das Schottengymn. in Wien und maturierte in Freistadt. Bereits während seines Med.stud. an der Univ. Wien (ab 1882) war U., Mitgl. der schlagenden Wr. akadem. Burschenschaft Teutonia, ein Wegbegleiter →Georg v. Schönerers. Im Zuge der „Affäre Tomaszczuk“ wurde er im Juni 1887 auf Betreiben des Ministers →Paul Frh. Gautsch v. Frankenthurn von der Univ. Wien relegiert und stud. 1888–89 in Innsbruck weiter, wo er 1895 zum Dr. med. prom. Später wirkte er als Neurologe in Wien und Tulln und befasste sich v. a. mit Erkrankungen des Rückenmarks sowie mit Gehirntumoren. Bereits 1892 war U. in Innsbruck an der Gründung der akadem. Burschenschaft Germania beteiligt und initiierte daneben zahlreiche völk. Ver. in Tirol und Vbg. Des Weiteren spielte er eine maßgebende Rolle in Schönerers Schulver. für Deutsche (gegr. 1886) und dessen Bund der Germanen (gegr. 1893). Als Festredner auf zahlreichen Veranstaltungen trat er für den Anschluss der dt. Gebiete Österr. an ein Großdt. Reich ein und übte sich als Protagonist des Rassenantisemitismus und der „Los-von-Rom“-Bewegung. 1904 übernahm er die Obmannschaft des Alldt. Bez.ver. Josefstadt-Neubau und im folgenden Jahr jene des Dt. Jugendbunds in Wien. Bei den RR-Wahlen 1907 bzw. 1911 scheiterte U. jeweils. Er bekleidete zahlreiche Ämter in dem 1902 ebenfalls von Schönerer gegr. Alldt. Ver. in der Ostmark (ab Juli 1918 Obmann). Unter der Ägide U.s, doch gegen den Willen Schönerers, schlossen sich der Alldt. Ver. in der Ostmark, der Dt.nationale Ver. für Österr. (Karl Hermann Wolf) sowie der Dt. Volksbund zur Großdt. Vereinigung zusammen; von März 1919 bis November 1920 war U. Mitgl. der konstituierenden Nationalversmlg. (gem. mit dem Alldeutschen Sepp Straffner). Im August 1920 ging die Großdt. Vereinigung in der Großdt. Volkspartei auf (insgesamt 17 dt.nationale Splittergruppen). Im November 1920 wurde U. mit den ehemaligen Alldeutschen Friedrich Waneck und Viktor Zeidler für die Großdeutschen in den Nationalrat gewählt (1. Geschäftsperiode), schied aber bereits im November 1923 unter Protesten des Ver. dt. Ärzte in Österr. und der völk. Studentenschaft wieder aus. Auf Betreiben U.s wurden ab Juni 1920 Wolfs „Ostdeutsche Rundschau“ und Schönerers „Alldeutsches Tagblatt“ zur „Wiener Deutschen Tageszeitung“ (später „Deutsch-österreichische Tageszeitung“) zusammengelegt. Ebenfalls im Juni 1920 brachte U. gem. mit Leopold Kunschak (CSP) eine antisemit. Entschließung vor, die eine „Inschutznahme“ aller Ostjuden, den Abschub von Juden in ihre Heimat, die Beschlagnahme „erwucherten“ Vermögens sowie einen Numerus clausus für Juden an den Hochschulen und ihre Ausschaltung aus der zu gründenden Armee forderte. U. vertrat eine extreme Form des Anschlussgedankens und setzte sich 1922 in der Optionsfrage für „Ostjuden“ für eine strenge Auslegung des Vertrags von St. Germain ein, wonach Juden als „fremde Rasse“ nicht für die österr. Staatsbürgerschaft optieren dürfen. Weiters forderte er anlässl. der Volkszählung 1923 eine eigene Rubrik „Rassezugehörigkeit“ für Juden. Ab 1921 war U., der zahlreiche Reden für den „Antisemitenbund“ hielt und an die Echtheit der „Protokolle der Weisen von Zion“ glaubte, Obmann im sog. Judenausschuss der Großdt. Volkspartei. 1924 legte er seine Stelle als Vorstandsmitgl. der Reichsparteileitung der Großdt. Volkspartei nieder und bekleidete das Amt des Vizepräs. des Kriegsgeschädigtenfonds. 1931 erklärte U. auf einer Versmlg. der NSDAP in Langenlois seinen „offiziellen Beitritt als Mitglied und Mitstreiter der NSDAP“. Bereits im November 1918 hatte Schönerer verfügt, dass alle Gegenstände aus seinem Besitz, die auf seine polit. Tätigkeit hinwiesen, in das Eigentum U.s übergehen sollten. Nach Schönerers Tod übergab U. 1924 die Objekte der Stadtgmd. Zwettl mit der Auflage, sie der Öffentlichkeit zugängl. zu machen. Im Juni 1933 erfolgte die Eröffnung der „Schönerer-Sammlung“ im Zwettler Stadtmus. Sein Vater Josef U. d. Ä., bis 1886 Unsinn (geb. Michelhausen, NÖ, 13. 12. 1822; gest. Tulln, 29. 3. 1896), Sohn des Schuhmachermeisters Franz U. und der Maria Anna U., Kaufmann und Hausbesitzer sowie 1878–85 Tullner Bgm., war ein früher Parteigänger Schönerers, der ihn anlässl. der RR-Wahl 1887 in Wahlversmlgg. unterstützte. Er wurde im Oktober 1887 im Städtewahlbez. St. Pölten bei der engeren Wahl gegen →Georg Granitsch in den RR gewählt und schloss sich Schönerers 1885 gegr. Verband der Dt.nationalen an. Bei den LT-Wahlen setzte sich Josef U. d. Ä. im November 1887 gegen den Liberalen →Karl Heitzler durch. Im RR stellte er Anträge und hielt Reden gegen den Hausierhandel und für eine Zollunion mit dem Dt. Reich. Gem. mit →Karl Lueger brachte er 1888 mehrere Interpellationen gegen die Auslieferung Schönerers nach der „Tagblatt-Affäre“ ein. Im November 1889 wurde der Verband der Dt.nationalen, dessen Obmann Josef U. d. Ä. inzwischen war, durch Austritt aller Mitgl. aufgelöst, da sich der Schönerianer →Josef Fiegl nach „zersetzendem Verhalten“ in der Wehrgesetzdebatte weigerte, seinen Parteiausschluss anzuerkennen. Bei der LT-Wahl 1890 erlitt er eine Niederlage gegen Granitsch.

L.: Grazer Morgenbl., 24. 2. 1920; NFP, 4. 2. 1923; Dt. Zeit, Bote von der Ybbs, 2. 3. 1923; Wr. Morgenztg., 5. 7. 1923; Dt.-österr. Tagesztg., 26. 2., 24. 10. 1924, 5. 12. 1931; Jb. der Wr. Ges.; E. Pichl, G. Schönerer und die Entwicklung des Alldeutschtumes in der Ostmark 1–2, 1912–13, 4, 1923, jeweils s. Reg. (auch für Josef U. d. Ä.); B. Pauley, Eine Geschichte des österr. Antisemitismus, 1993, s. Reg.; F. Moll, in: Stadtmus. Zwettl-NÖ, 2004, S. 60 (Kat.); M. Wladika, Hitlers Vätergeneration, 2005, s. Reg.; L. Höbelt, in: NÖ 1918 bis 1922, ed. W. Rosner – R. Motz-Linhart, 2007, S. 101ff.; UA, Wien; UA, Innsbruck, Tirol; Diözesanarchiv St. Pölten, NÖ (auch für Josef U. d. Ä.).
(M. Wladika)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 67, 2016), S. 137ff.
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