Vay von Vaja und Luskod, Sarolta Gfn.; nannte sich Vay Sándor Gf., weitere Ps. Celesztin, D’Artagnan, Vayk (1859–1918), Schriftstellerin und Journalistin

Vay von Vaja und Luskod Sarolta Gfn., nannte sich Vay Sándor Gf., weitere Ps. Celesztin, D’Artagnan, Vayk, Schriftstellerin und Journalistin. Geb. Gyón (Dabas, H), 6. 12. 1859; gest. Lugano (CH), 23. 5. 1918; röm.-kath. Aus einer der ältesten ung. Adelsfamilien stammend. Tochter von László Gf. V. v. V. u. L. (geb. Berkesz / H, 15. 8. 1823; gest. ebd., 25. 11. 1884), kgl. ung. Obst., Obergespan des Kom. Marmarosch, Kronhüter, Adj. und Obersthofmeister des Palatins Erzhg. →Joseph, und dessen Frau Sarolta Gfn. V. v. V. u. L., geb. Beniczky v. Benicze u. Micsinye (geb. 1837; gest. Baden-Baden, Dt. Reich/D, 8. 4. 1913), Schwester von Péter Gf. V. v. V. u. L. (s. u.), verwandt mit →Miklós (I.) Baron V. v. Vaja, →Miklós (II.) Baron V. v. Vaja und →Miklós (III.) Baron V. v. Vaja. – Nach erstem Unterricht im Elternhaus, wo V. sowohl von ihrem Vater als auch vom Schriftsteller und Off. Dániel Kászonyi v. Csíkszereda als Mann erzogen wurde, lebte sie um 1872 in einem Dresdner Mädcheninternat und kehrte dann nach Ungarn zurück. In den Folgejahren unternahm V. in väterl. Begleitung, als Mann gekleidet, mehrere Auslandsreisen und soll auch Vorlesungen an den Univ. Berlin, Dresden, Leipzig und Budapest gehört haben. Nach der Verarmung der Familie wandte sich V. ab 1877 der Schriftstellerei bzw. der Journalistik zu, veröff. in diversen Z. (u. a. „A Petőfi-Társaság Lapja“, „Képes Családi Lapok“) zunächst unter ihrem weibl. bürgerl. Namen Ged. und Novellen, um später in erster Linie als Vay Sándor auch in den Bll. „Magyar Salon“, „Pesti Hírlap“, „Új Idők“ und „Vasárnapi Újság“ zu publ. Zwischenzeitl. in Fiume erfolglos im Kaffeehandel tätig, lebte V. nach Ausbruch des 1. Weltkriegs in Zürich. Nach Veröff. mehrerer Erzählbde. Anfang der 1900er-Jahre (u. a. „Régi nemes urak, úrasszonyok“, 1900; „Régi magyar társasélet“, 2 Bde., 1900, 2. Aufl. 1986; „D’Artagnan meséi“, 1903; „Pestvármegyei históriák“, 1907) erschienen 1909–10 die gesammelten Werke V.s in einer zehnbändigen Ausg. („Gróf Vay Sándor munkái“). Der Erzählstil zeugt vom Einfluss →Kálmán Mikszáths, die nostalgiegeladene Sprache des Erzählers, die anekdotenhaften Reminiszenzen an hist. Persönlichkeiten bzw. an den Lebenswandel des Adels im 18. und 19. Jh. regten Gyula Krúdy an. Geschlechts- oder Identitätswechsel werden in den Werken nie thematisiert. Obwohl von den Ausgrenzungsmechanismen des zeitgenöss. Literaturbetriebs – wie weibl. Autoren im Allg. – betroffen, war die Verwendung eines Pseudoandronyms im Fall V.s weder gesellschaftl. Zwängen geschuldet, noch lässt sie sich als ein im Kontext der Moderne zu verortendes literar. Spiel mit der kunstvollen Schöpfung eines andersgeschlechtl. Alter Egos interpretieren: V. nahm nicht nur in der Sphäre des Literar., sondern auch im Privatleben eine männl. Ich-Identität an und führte das affärenreiche Leben eines aus der ung. Gentry-Schicht stammenden Literaten. Ab 1883 in Budapest in Scheinehe mit der Schauspielerin Emma Eszéki lebend, lernte V. 1887 am Wörthersee die Lehrerin Marie Engelhardt kennen und fingierte 1889 in Ungarn eine Trauung mit ihr. Im November 1889 vom Schwiegervater wegen Betrugs und Urkundenfälschung angezeigt, wurde V. verhaftet und im Lauf des Verhörs bzw. einer gerichtsmed. Untersuchung als Frau enttarnt. Das Verfahren wurde zwar eingestellt, der Fall erregte dennoch großes Aufsehen und wird auch in →Richard Frh. v. Krafft-Ebings „Psychopathia sexualis“ (1892) unter dem Stichwort Gynandrie ausführl. behandelt. V.s Bruder, der Bischof und Schriftsteller Péter Gf. V. v. V. u. L. (geb. Gyón, 26. 9. 1863 oder 1864; gest. Assisi, I, 28. 2. 1948; röm.-kath.), stud. nach dem Schulbesuch in Budapest Theol. in Rom; 1898 Priesterweihe. I. d. F. Apostol. Protonotar und während des 1. Weltkriegs Militärseelsorger, richtete er in seinem Schloss in Gyón ein Heim für Kriegswaisen ein. Ab 1918 Tit.bischof von Scopi, bereiste er Missionen in der ganzen Welt und sammelte insbes. in Asien Kunstschätze („Gr. Vay Péter-féle Japán-gyűjtemény“, 1908), die er später dem Szépművészeti Múz. schenkte. Des Weiteren veröff. er Reiseberr. („Kelet császárai és császárságai“, 1906; „The inner life of the United States“, 1908; „Amerikai naplókivonatok ...“, 1910; „Gross-Britannien jenseits des Ozeans. Tl. 1. Kanada und Indien“, 1910) sowie die erste ung.sprachige Monographie über japan. Kunstgeschichte („Kelet művészete és műízlése“, 1908). Péter V. war ab 1918 o. Mitgl. der theol.-phil. Kl. der Szent István-Akad.

Weitere W.: Európa bál, ed. G. Szávai, 2006.
L. (tw. auch zu Péter Gf. V. v. V. u. L.): Neuigkeits Welt-Bl., 9., Die Presse, 12., 14. 11. 1889, 29. 1. 1890; Katolikus Lex.; M. Életr. Lex.; M. Irodalmi Lex. I, II; Szinnyei; ÚMÉL; C. Birnbacher, in: Friedreich’s Bll. für gerichtl. Med. und San.polizei 42, 1891, Nr. 1, S. 2ff.; Gy. Krúdy, A tegnapok ködlovagjai, 1961, S. 377ff.; ders., A szobrok megmozdulnak, 1974, S. 409ff.; H. Hacker, Frauen und Freundinnen, 1987, S. 70ff.; Magyar utazók lex., ed. D. Balázs, 1993; A. Fábri, „A szép tiltott táj felé“, 1996, S. 177ff.; Új magyar irodalmi lex. 3, 2. Aufl. 2000; Magyar múz. arcképcsarnok, ed. S. Bodó, 2002; G. Mak, in: Journal of Women’s History 16, 2004, Nr. 1, S. 54ff.; A. Borgos, in: Holmi 19, 2007, S. 185ff.; M. Beke, Az Esztergomi (Esztergom-Budapesti) Főegy-házmegye papsága 1892–2006, 2008; Zs. Rakovszky, VS, 2011; J. J. Gudenus, Magyar főnemességi adattár (online, Zugriff 14. 8. 2016).
(Á. Z. Bernád)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 68, 2017), S. 202f.
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