Vernay, Johann N(epomuk) (1817–1887), Buchdrucker

Vernay Johann N(epomuk), Buchdrucker. Geb. 1817 oder 1818; gest. 28. 11. 1887; röm.-kath. Schwager von Emil Hochenadl (geb. Wien, 1838; gest. 12. 2. 1890), der ab 1870 mit Anna Hochenadl, geb. Stiebitz, verheiratet war und die erste private Druckerei mit Dampfbetrieb von →Leopold Sommer leitete; verheiratet mit Josefine V., geb. Hochenadl (gest. Wien, 8. 2. 1908). – V. übernahm 1877 die Druckerei von Sommer, dem Neffen von →Anton Strauß, und dessen Stiefsohn Emil Hochenadl. 1868 war das Unternehmen in die von Sommer und Hochenadl gegr. Fa. Leopold Sommer & Comp. eingebracht worden, geriet in der Krise 1873 in wirtschaftl. Schwierigkeiten und ging 1875 schließl. in Konkurs. Im Exekutivweg wurde der Betrieb 1877 an eine KG verkauft, die V. leitete. Er erhielt im selben Jahr die Buchdruckereikonzession mit Statthaltereidekret und beschäftigte Hochenadl weiter als Geschäftsführer. Das Unternehmen in der Mariannengasse in Wien 9 firmierte als Commandit-Ges. für Buchdruckerei, Lithografie, Schriftgießerei u. Stereotypie Johann N. Vernay, gegr. von V. als persönl. haftendem Ges. gem. mit Josef Heiser, Eisengießereibesitzer und Hof-Eisenwarenfabrikant in Gaming, Rosa Stiebitz, Prokuristin der Fa. Alois Stiebitz & Co., und Anna Hochenadl als Kommanditisten. Unter V. gewann das Unternehmen wieder an Ansehen. Bereits in den 1870er-Jahren waren dort rund 160 Mitarb. beschäftigt. Man arbeitete an 22 Schnellpressen, 11 Handpressen, 4 Steindruckschnell- und 10 Steindruckhandpressen sowie mehreren Gieß- und Stereotypiegeräten. Bei V. wurden ca. 20 Periodika (u. a. „Kikeriki“; „Der Bautechniker“; „Neues Wiener Theater“; „Inhalts-Verzeichniss des Oesterreichisch-Ungarischen Eisenbahnblatts“; ab 1885 „Oesterreichisch-ungarische Eisen-Zeitung“; ab 1884 „Statistische Daten über die Stadt Wien“; „Jahrbuch der österreichischen Papier- und Druckindustrie“; „Compass“), Adressbücher („Adressbuch für den Buch-, Kunst-, Musikalienhandel und verwandte Geschäftszweige der österreichisch-ungarischen Monarchie“, ed. →Moritz Perles, 1866ff.) sowie Drucksorten und Plakate (Chromolithographie) gedruckt. 1879 erschienen die „Denkschrift zu der … 50jährigen Jubelfeier der Herren Josef v. Wohlfarth, Oberfactor, und Carl Hraschanzky, Schriftsetzer, der Commandit-Gesellschaft für Buchdruckerei, Lithographie, Stereotypie und Schriftgießerei …“ und das von →Friedrich Umlauft veröff. mehrbändige Werk „Die Länder Oesterreich-Ungarns in Wort und Bild“ mit Holzstichen (1881ff., Reprint 1998ff.). In der „Oesterreichischen Buchdrucker-Zeitung“ vom Mai 1882 wurden V.s Druckwerke als „typographische Kraftleistung“ gelobt, v. a. das „Allgemeine Original-Adressenbuch aller Länder der Erde“ von Joseph Rosenzweig in 2 Bde. mit 197 Signaturen und 586 Kolumneninseraten mit verschiedenen Einfassungen und Liniensätzen, das „Handels-Adressbuch der Kaufleute und Fabrikanten von Oesterreich-Ungarn“ (1880–83) von Franz Stehlik als Großoktavbd. mit mehr als 1.000 Kolumnen und „Die Gemeinde-Verwaltung der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien in den Jahren 1877 bis 1879“ (1881) mit rund 100 Kolumnen, 29 Plänen und 366 Tabellen auf rund 1.000 Seiten. 1889 druckte V. die „Denkschrift“ von →Helene Freifrau v. Vetsera zum Tod von →Maria Alexandrine (Mary) Freiin v. Vetsera, die im Selbstverlag erschien und unmittelbar nach Erscheinen konfisziert wurde. Nach V.s Tod wurde das Unternehmen an den dt. Drucker Jacob Plaut verkauft, dessen Sohn Bernhard Plaut es mit seiner Druckerei Plaut & Cie. zusammenführte und ab 1898 als Buchdruckerei und Lithographie Johann N. Vernay (Besitzer Bernhard Plaut), vorm. A. Strauß weiterführte. Er druckte insbes. Z. und Ztg., u. a. „Bécsi Magyar Ujság“, „Der Abend“ oder „Der (Wiener) Tag“. 1913 wurde der Betrieb in eine AG umgewandelt, in die Rudolf Hanel und Siegfried Rosenbaum auch den Compass Verlag einbrachten. Formell bestand die Vernay KG bis 1930 und wurde erst dann aus dem Handelsreg. gelöscht. V. war Verw.R. der 1872 gegr. Allg. österr. Transport-Ges. (1875 2., ab 1876 1. Vizepräs.), Insp. der k. k. priv. K. Ferdinands-Nordbahn, Ritter des k. russ. Stanislaus-Ordens und des kgl. Preuß. Kronen-Ordens.

L.: NFP, 29. 11. 1887 (Parte); G. Fritz, Geschichte der Wr. Schriftgießereien, 1924, S. 70; A. Durstmüller, 500 Jahre Druck in Österr. 1–2, (1982–86), s. Reg.; F. C. Heller, Die bunte Welt, 2008, S. 422; M. Koscher, (…) noch hübscher ausgestattet wie der vorige. Über Kal. & Kal.verlage im Wien des 19. Jh., phil. DA Wien, 2008, S. 281f.; T. Bojankin, in: Die Vermessung Wiens. Lehmanns Adressbücher 1859–1942, ed. S. Mattl-Wurm – A. Pfoser, 2011, S. 338ff.; I. Nawrocka, in: Mitt. der Ges. für Buchforschung in Österr., 2016, H. 2, S. 23ff.; Website Kampf der Symbole (Zugriff 10. 11. 2016); Zedhia, Zentraleurop. digitales wirtschafts- und gesellschaftshist. interaktives Archiv (online, Zugriff 19. 1. 2017); Pfarre Votivkirche, WStLA, beide Wien.
(I. Nawrocka)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 68, 2017), S. 239
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