Visconti Venosta, Emilio Marchese (1829–1914), Politiker, Kunstkritiker und Sammler

Visconti Venosta Emilio Marchese, Politiker, Kunstkritiker und Sammler. Geb. Mailand, Lombardo-Venetien (Milano, I), 22. 1. 1829; gest. Rom (Roma, I), 28. 11. 1914. Angehöriger einer Seitenlinie der aus dem Vinschgau (Val Venosta) stammenden Adelsfamilie Matsch, die sich an ihrem neuen Hauptsitz im Veltlin nach der ursprüngl. Herkunftsregion nannte; Sohn des Ökonomen, Statistikers und Fachautors Francesco Nobile V. V. (1797–1846) und dessen Frau Paola Borgazzi, Bruder von →Giovanni Nobile V. V.; ab 1876 verheiratet mit Luisa Alfieri di Sostegno, der Großnichte von Camillo Benso Gf. v. Cavour. – Gem. mit seinem Bruder nahm V., der in Pavia Rechtswiss. stud., an den lombard. Aufständen von 1847/48 teil und näherte sich den Positionen Giuseppe Mazzinis an. Auch während der sog. Fünf Tage von Mailand an den Kämpfen beteiligt, floh er anschließend in die Schweiz. Nach seiner Rückkehr in die Lombardei frequentierte er den Salon der Clara Gfn. Maffei und arbeitete an Carlo Tencas Z. „Il Crepuscolo“ mit. 1853 rückte er von Mazzini ab, um sich der Partei von Ministerpräs. Cavour anzuschließen, der ihm das Amt des kgl. Kommissars von Varese übertrug. Von 1859 bis März 1860 Sekr. des piemontes. Abgesandten Luigi Carlo Farini in Modena und von November 1860 bis Jänner 1861 in gleicher Funktion in Neapel tätig, wurde er 1862 in die Abg.kammer des italien. Parlaments gewählt. Ende 1862 kurzfristig zum Gen.sekr. im Außenmin. ernannt, fungierte er unter den Regierungen Minghetti I (1863–64), Ricasoli II (1866–67), Lanza (1869–73), Minghetti II (1873–76), Di Rudinì III und IV (1896–98), Pelloux II (1899–1900) und Saracco (1900–01) als Außenminister. 1866 war er vorübergehend ao. Gesandter und bevollmächtigter Minister in Konstantinopel; 1886 Senator. V. sprach sich für eine Verlegung der italien. Hauptstadt von Turin nach Florenz aus, war jedoch 1870 gegen die Eroberung Roms. Er unterstützte 1871 die sog. Legge delle Guarentigie, die die friedl. Koexistenz von Staat und Kirche regelte. Im Parlament betonte er die Bedeutung der Außenpolitik für den noch jungen italien. Staat und war 1876 aktiv an der Wiederherstellung diplomat. Beziehungen zu Österr.-Ungarn beteiligt, indem er das Treffen zwischen Kg. Viktor Emanuel II. und K. →Franz Joseph I. in Venedig organisierte. Die Machtübernahme der Liberalen sowie Anfeindungen von Seiten des Kg. bewirkten, dass sich V. zu jener Zeit aus der italien. Außenpolitik, die zusehends antifranzös. und preußenfreundl. Züge annahm, für längere Zeit zurückzog. Nach seiner Vermählung übersiedelte er in das Castello di Santena bei Turin und widmete sich dort – nicht zuletzt unter dem Einfluss seines Freunds →Giovanni Morelli – intensiv seiner Kunstsmlg. und der Kunstkritik. Seine Gemäldegalerie, die v. a. Werke mittel- und norditalien. Schulen des 15. und 16. Jh. umfasste, ging 1973 bzw. 1983 im Rahmen von Schenkungen tw. in den Besitz des Mus. Poldi Pezzoli in Mailand über. In einer unter dem Titel „Una nuova critica dell’antica pittura italiana“ veröff. Besprechung von Morellis „Die Werke italienischer Meister in den Galerien von München, Dresden und Berlin“ erläuterte und verteidigte V. dessen Zuschreibungsmethoden (in: Nuova Antologia 46, 1884). 1899–1901 ließ er sein Elternhaus im Veltliner Grosio im Neorenaissance-Stil restaurieren und brachte dort einen Tl. seiner Smlg. unter. V. war Mitgl. in Beratungsgremien des Mus. Patrio Archeologico sowie des Mus. Poldi Pezzoli (beide Mailand), Vizepräs. des Consiglio Superiore delle Antichità e Belle Arti des Ministero della Pubblica Istruzione sowie 1886–1914 Präs. der Accad. di Belle Arti di Brera in Mailand. Anlässl. seiner Eheschließung wurde V. zum Marchese ernannt. Er war Träger zahlreicher in- und ausländ. Ehrenzeichen, u. a. des Ordine della Corona dʼItalia, des kgl. ung. St. Stephans-Ordens (1874), des belg. Leopold-Ordens sowie des preuß. Roten Adler-Ordens.

L.: Wurzbach; E. Comitti, E. V. V., 1915 (m. B.); S. W. Halperin, Diplomat under Stress. V.-V. and the Crisis of July, 1870, 1963, s. Reg.; F. Cantaluccio, in: I personaggi della storia del Risorgimento, 1976, S. 567ff.; E. Morelli, E. V. V. da Mazzini a Cavour, 1986; F. Chabod, Storia della politica italiana dal 1870 al 1896, 1990, S. 600ff.; „Il costume è di rigore“. 8 febbraio 1875: un ballo a Palazzo Caetani, ed. G. Gorgone – C. Cannelli, Roma 2002, S. 112f. (Kat., m. B.); A. Trotta, in: Annali di critica d’arte 9, 2013, S. 67ff.; G. Angelini, La patria e le arti. E. V. V. patriota, collezionista e conoscitore, 2013 (m. B.); Website Senato della Repubblica (m. B., Zugriff 29. 9. 2016).
(G. Angelini)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 68, 2017), S. 293f.
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