Vogl, Erwin; Ps. Ralph Erwin, Harry Wright (1896–1943), Pianist und Komponist

Vogl Erwin, Ps. Ralph Erwin, Harry Wright, Pianist und Komponist. Geb. Bielitz, Schlesien (Bielsko-Biała, PL), 31. 10. 1896; gest. Beaune-la-Rolande (F), 15. 5. 1943; mos. Sohn des in Raab geb. Organisten Theodor V. (1867–1933), der 1886–90 bei →Anton Bruckner Harmonielehre, Kontrapunkt und Orgel stud. hatte und danach als Kapellmeister und Musikpädagoge u. a. in Bielitz tätig war, Bruder des in Wien praktizierenden Arztes Alfred V. – Von seinem Vater erhielt V. Unterricht in Klavier, Kontrapunkt und Kompositionslehre. Als Zehnjähriger hatte er in seiner Heimatstadt seinen ersten öff. Auftritt im Rahmen eines Schülerkonzerts, begleitet von der örtl. Stadtkapelle. Spätestens ab 1912 lebte die Familie in Wien, wo sein Vater Klavierunterricht erteilte und V. das Gymn. besuchte. Dort trat er 1914 bei zwei Schülerakad. als Pianist und Klavierbegleiter auf. Nach der vorgezogenen Matura im April 1915 meldete sich V. als Kriegsfreiwilliger. Ab 1918 stud. er an der Univ. Wien drei Semester lang Phil. und Musikwiss., u. a. bei →Guido Adler, Wilhelm Fischer und Hans Gál. 1921 erschienen im Wr. Bohême-Verlag seine ersten Kompositionen: der „Grotesk-Rag“ für Klavier unter dem Ps. Ralph Erwin sowie die beiden Onesteps für Gesang und Klavier „Pardon! Pardon!“ und „Du bist so schön!“, Letzterer unter dem Ps. Harry Wright. Das Ps. Ralph Erwin verwendete er danach sowohl als Komponist als auch als Interpret. Ebenfalls 1921 wurde sein Operetteneinakter „Nathan, der Kluge“ (Text: Ernst Wengraf – Max Berndt) in den Künstlerspielen Pan aufgef. Seinen Lebensunterhalt verdiente sich V. zunächst allerdings als Barpianist und Kaffeehausmusiker v. a. in Wien, wo er teils solist., teils mit Partnern auftrat. Mit dem Geiger Berndt Buchbinder bildete er 1922/23 ein Duo, das als „das populärste Wiener Bar-Duo“ beworben wurde. Gem. mit dem Schlagzeuger Lajos Löwy alias Negro traten die beiden 1923 als „Virtuosen-Jazz-Band“ auf. 1924/25 war V. Pianist in der Jazzkapelle von Buchbinder, im Herbst 1925 spielte er im Trio mit Oskar Neuhaus (Gesang) und Oskar Virág (Violine). V. war außerdem zeitweise Pianist in der Kapelle von Charly Gaudriot. Anfang 1927 wurde sein Vaudeville „Oscar, laß dich nicht verführen“ (Text: Julius Horst – Fritz Lunzer, Gesangstexte: Beda, s. →Fritz Löhner) in Prag uraufgef., im März 1927 folgte die österr. Erstauff. an den Wr. Kammerspielen. Im selben Jahr ging V. nach Berlin, wo er anfangs ebenfalls als Barpianist arbeitete. 1928 gelang ihm mit dem Schlager „Ich küsse Ihre Hand, Madame“ ein Welterfolg, der seinen Namen international bekannt machte. Unter den vielen Schallplattenaufnahmen wurde v. a. jene von →Richard Tauber berühmt. 1929 wurde „Ich betrüg’ dich nur aus Liebe“ (Text: Robert Blum, Gesangstexte: Fritz Rotter) in Berlin uraufgef. Die österr. Erstauff. am Wr. Raimundtheater 1930 leitete V. selbst. Im selben Jahr startete er eine neue Karriere als Filmmusikkomponist, zunächst für die französ. Fa. Pathé. Ab 1931 komponierte er auch für einige dt. Filme die Musik bzw. die Filmschlager. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierte V. 1933 nach Paris, wo er die Musik für rund 30 Filme schuf. Neben französ. Schlagern schrieb er 1936 zwei Titel für einen amerikan. Film, „One Rainy Afternoon“, die französ. Version von „Monsieur Sans-Gêne“, für den er die Filmmusik geschrieben hatte. Bei Kriegsausbruch 1939 wurde V. gem. mit seiner Frau als feindl. Ausländer interniert, kam nach fünf Monaten aber wieder frei. Nach der Besetzung Frankreichs durch dt. Truppen tauchte er zunächst unter, wurde jedoch im Mai 1941 festgenommen und im Durchgangslager Beaune-la-Rolande interniert. Im September 1941 wurde V. krankheitsbedingt entlassen und lebte als Untermieter weiter in der Nähe des Lagers. Nach einem Luftangriff durch die Alliierten verletzt, wurde er ins örtl. Krankenhaus eingeliefert, wo er schließl. starb.

Weitere W.: Musik zum Volksstück Das Mädel vom Alsergrund (A. Bleyer – C. M. Grohmann), 1924; Operetten; Schlager, u. a. Leb wohl, schwarzbraunes Mägdelein, Im Ural (Text: jeweils Beda), Wo hast du nur die schönen blauen Augen her (Text: R. Katscher), Vier Worte möcht’ ich Dir jetzt sagen (Text: F. Rotter); Filmmusik: Der König der Blitzer, 1930, Madame hat Ausgang, 1931, So ein Mädel vergißt man nicht, 1932, Drei von der Kavallerie, 1932, Vielleicht bist du das große Glück, 1932. – Teilnachlass: Österr. Nationalbibl., Musiksmlg., Wien.
L. (teils unter Erwin): Die Stunde, 22. 7. 1923, 15. 1. 1925; Tages-Post (Linz), 15. 8. 1925; Frank–Altmann; Österr. Film-Ztg., 1930, Nr. 11, S. 14; S. Lang, Lex. Österr. U-Musik-Komponisten im 20. Jh., (1986); Tondokumente der Kleinkunst und ihre Interpreten, ed. B. Leimbach, 1991; J. Wölfer, Das große Lex. der Unterhaltungs-Musik, 2000; Schles. Musiklex., 2001; K. Weniger, „Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben …“, 2001, S. 157f.; K. Schulz, Jazz in Österr. 1920–60, 2003, S. 20; K. Weniger, Zwischen Bühne und Baracke, 2008; K. Nowakowski, in: Jazz Unlimited, ed. Ch. Glanz – M. Permoser, 2012, S. 19ff.; Ch. Bennet, Pianist L. Kartun, Composer R. E.: From their celebrity to internment in the French département of Loiret, 2015 (m. B., nur online); Website Musique dans les Camps d’Internement (Zugriff 1. 8. 2016); UA, Wien.
(M. Kornberger)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 69, 2018), S. 323f.
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