Volkelt, Johannes (1848–1930), Philosoph

Volkelt Johannes, Philosoph. Geb. Lipnik, Galizien (Bielsko-Biała, PL), 21. 7. 1848; gest. Leipzig, Dt. Reich (D), 8. 5. 1930; evang. Sohn des Leinenwebers Johann Gottlob V. (geb. Schönberg, Sachsen / Sulików, PL, 1786), Vater des an der Univ. Leipzig tätigen Psychologen und Pädagogen sowie engagierten Nationalsozialisten Hans V. (geb. Basel, CH, 4. 6. 1886; gest. Göppingen, D, 18. 1. 1964), Schwager des Dir. der Sternwarte in München Hugo v. Seeliger, des Historikers an der Univ. Leipzig Gerhard Seeliger, des Zoologen an der Univ. Rostock Oswald Seeliger sowie des Diplomaten Rudolf Seeliger; ab 1879 mit Meta Seeliger (gest. 1923), der Tochter des Bgm. von Biala, verheiratet. – V. besuchte die evang. Schule in Biala und ab 1862 das Gymn. in Teschen. Anschließend absolv. er ein Stud. der Phil. an den Univ. Wien (1867/68), Jena und Leipzig (1872 Dr. phil.). In Jena gab Kuno Fischer seinem phil. Denken die entscheidende Wendung zu Kant, während er sich in Leipzig der Phil. Hegels zuwandte und sich eingehend mit den Schriften von David Friedrich Strauß und Ludwig Feuerbach beschäftigte. Der Einfluss Hegels wurde in seiner 1871 in Leipzig veröff. Diss. „Pantheismus und Individualismus im System Spinoza’s“ deutl. In Fragen der Welterkenntnis kam er aber auf die krit. Position Kants zurück, dem er das Buch „Immanuel Kants Erkenntnistheorie in ihren Grundprinzipien analysiert“ (1879) widmete. 1879 wurde V. ao. Prof. in Jena, nachdem er sich unter dem Eindruck Friedrich Theodor Vischers der Ästhetik zugewandt und 1876 mit der Arbeit „Der Symbol-Begriff in der neuesten Aesthetik“ habil. hatte. Sein Bemühen um eine Habil. an der Univ. Wien war am Einspruch Robert Zimmermanns und →Franz Brentanos gescheitert. 1883 wechselte V. als o. Prof. der Phil. nach Basel, 1889 nach Würzburg und 1894 als o. Prof. für Phil. und Pädagogik an die Univ. Leipzig, wo er 1904–05 auch als Dekan fungierte. V. wandte sich immer wieder dem dt. Idealismus zu, von Herder und Kant bis Schopenhauer und Herbart, insbes. Schiller und Goethe. In seinen Publ. widmete er sich v. a. erkenntnistheoret. und ästhet. Fragestellungen. Während es ihm in „Erfahrung und Denken“ (1886, 2. Aufl. 1924) um die krit. Grundlegung der Erkenntnistheorie ging, gilt „Gewißheit und Wahrheit“ (1918, 2. Aufl. 1930) als sein Hauptwerk auf diesem Gebiet. Auf die Schrift „Die Gefühlsgewißheit“ (1922) und die tiefschürfende „Phänomenologie und Metaphysik der Zeit“ (1925) folgten „Das Problem der Individualität“ (1928) sowie „Versuch über Fühlen und Wollen“ (1929). Auf ästhet. Gebiet hinterließ V. u. a. das dreibändige „System der Ästhetik“ (1905–14). Er war ferner Mithrsg. der „Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik“. 1910 wurde er o. Mitgl. der Kgl. Sächs. Ges. der Wiss. zu Leipzig.

Weitere W. (s. auch Barth): Das Unbewußte und der Pessimismus, 1873; Die Traum-Phantasie, 1875; F. Grillparzer als Dichter des Tragischen, 1888; Ästhetik des Tragischen, 1897; A. Schopenhauer, 1900; Die Quellen der menschl. Gewißheit, 1906; Das ästhet. Bewußtsein, 1921.
L.: NFP, 24. 10. 1908; Schles. Ztg., 29. 7. 1928, 15. 5. 1930, 25. 6. 1933; MGG I; P. Barth u. a., FS. J. V. zum 70. Geburtstag, 1918 (m. B. u. W.); J. V., in: Die dt. Phil. der Gegenwart in Selbstdarstellungen, ed. R. Schmidt, 1921, S. 201ff. (m. B.); F. Krueger, in: Berr. über die Verhh. der Sächs. Akad. der Wiss. zu Leipzig. Phil.-hist. Kl. 82, 1930, H. 1, S. 1ff.; C. Decurtins, Kleines Philosophen-Lex., 1952; Prof. der Univ. Basel aus fünf Jhh., ed. A. Staehelin, 1960, S. 234f. (m. B.); W. Kuhn, Geschichte der dt. Sprachinsel Bielitz (Schlesien), 1981, S. 363; Biograph. Enz. dt.sprachiger Philosophen, bearb. B. Jahn, 2001; H. Seubert, in: Ostdt. Biographie (m. B., nur online, Zugriff 28. 4. 2016); Prof.kat. der Univ. Leipzig (m. B., nur online, Zugriff 28. 4. 2016).
(H. Patzelt)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 69, 2018), S. 340f.
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