Vorovka, Karel d. J. (1879–1929), Philosoph und Mathematiker

Vorovka Karel d. J., Philosoph und Mathematiker. Geb. Prag, Böhmen (Praha, CZ), 3. 2. 1879; gest. ebd., 15. 1. 1929. Sohn von Karel V. d. Ä. (s. u.) und seiner Frau Marie, geb. Höhmová, Vater des Skandinavisten und Übers. altisländ. Sagas Karel V. (1911–1992), der als Séra Kári Valsson evang. Pfarrer in Island war, Großvater des Schriftstellers Michael Konůpek (geb. Praha, 1948); ab 1910 mit Jaroslava, geb. Novotná, verheiratet. – V. maturierte am Realgymn. in Prag und stud. dort 1897–1901 an der tschech. Univ. Mathematik und Physik; 1902 Dr. phil. Nach dem Absolutorium lehrte er an Realschulen in Pardubice und Prag (1905–21). 1919 habil. er sich für das Fach phil. Probleme der mathemat. Wiss. an der tschech. Univ. Prag, wo er 1921 ao. und 1924 o. Prof. der Phil. der exakten Wiss. wurde. 1920 war er Mitbegründer (mit Ferdinand Pelikán) und i. d. F. Red. der Z. „Ruch filosofický“. Nach redaktionellen Zerwürfnissen gründete er 1927 mit dem Philosophen Tomáš Trnka und dem Ästhetiker Josef Bartoš die Revue „Filosofie“ (nach V.s Tod eingestellt). Er nahm an internationalen Phil.kongressen in Neapel (1924), Cambridge (Massachusetts, 1926) sowie am Kongress poln. Philosophen in Warschau (1927) teil. Zu Beginn seiner Berufslaufbahn befasste V. sich mit den Beziehungen zwischen den exakten Wiss. und der Phil. Angeregt von Henri Poincaré, entwickelte er phil. Betrachtungen über Mathematik: Wiss. Theorien hielt er für Hypothesen, Axiome für Konvention und wies auch auf die unersetzl. Rolle der Intuition beim wiss. Forschen hin. V. verteidigte Einsteins Relativitätstheorie gegen ihre Kritiker und versuchte aufzuzeigen, dass am Umbau der Physik auf ihre Weise auch die Phil. teilhat. In der Arbeit „Úvahy o názoru v matematice“ (1917) beschäftigte er sich mit Wesen und Wert der mathemat. Wiss. und polemisierte gegen die Ansichten der Logiker, dass die mathemat. Begriffe durch Abstraktion entstehen. Mit seinem Buch „Skepse a gnóse. Vyznání filosofické“ (1921, 2. Aufl. 2017) reihte er sich in die idealist. und irrationale Strömung der tschech. Phil. ein. V. war überzeugt, dass sich die Phil. nicht nur auf rationale, sondern auch auf intuitive Erkenntnis zu stützen hat – auf die die Sicherheit der tägl. oder wiss. Erfahrung übersteigende Gnosis –, und bekannte sich zu einem „theistischen Panpsychismus“, der am besten seiner phil. und zugleich religiösen Gesinnung entsprach. In der Arbeit „Kantova filosofie ve svých vztazích k vědám exaktním“ (1924) analysierte er Kants naturwiss. Ansichten aus dessen sog. vorkrit. Periode. In die Smlg. „Polemos. Spory v české filosofii v letech 1919–1925“ (1926) nahm er seine Polemiken auf, die er als Sprecher der idealist. Philosophen gegen František Krejčí und →Emanuel Rádl über die Freiheit der tschech. Phil. (gegen die Vorherrschaft des Positivismus) sowie über Kant und →Thomas (Garrigue) Masaryk geführt hatte. Ein Aufenthalt in den USA lieferte ihm wertvolles Material für das posthum erschienene Werk „Americká filosofie“ (1929), in dem er eine hist. Übersicht über das amerikan. phil. Denken gab. V. war Mitgl. der Jednota českých matematiků a fyziků und der Jednota filosofická (ab 1917 Vorstandstellv.). Sein Vater Karel V. d. Ä. (geb. Prag, 7. 9. 1842; gest. ebd., 24. 9. 1914) war Prof. an einer Prager Lehrerbildungsanstalt. Auf ihn gehen teils mehrfach aufgelegte Lehr- und Wörterbücher sowie Übers. zurück, darunter „Německo-český slovníček …“ (1888), „Krasočtení a přednášení …“ (1890), „Stylistika a poetika …“ (1885), „Stručné dějiny národa českého“ (1897), „Stručné dějiny mocnářství Rakousko-Uherského“ (1902), „Stručný zeměpis obecný“ (1902) und „Rozmluvy Čecha s Němcem“ (1904).

Weitere W. (s. auch Pavlincová, 2010): Konvencionalismus, in: Česká mysl 10, 1909; Jak soudil Poincaré o vztazích matematiky k logice, in: Časopis pro pěstování matematiky a fyziky 43, 1914; Věda a filosofie, in: Ruch filosofický 1, 1920; Filosofie Bergsonova a fyzika Einsteinova, in: Národní listy, 26. 2. 1922; Dvě studie o Masarykově filosofii, 1926; Věda, filosofie, náboženství, in: Filosofický časopis 52, 2004.
L.: J. L. Fischer, in: Slav. Rundschau 1, 1929, S. 433ff.; J. Popelová, Skepse a gnóse v díle K. V., 1934; K. V. l’Uomo e l’Opera, ed. F. Pelikán, 1936; Vorovkův sborník, ed. F. Pelikán, 1937; J. Čermák – F. Veselý, in: Matematika ve škole 20, 1969–70, S. 38ff.; M. Bednář, in: Masarykův sborník X (1996–98), 2000, S. 141ff.; Cz. Głombik, in: Vita philosophica, ed. A. v. Stockhausen – T. Guz, 2001, S. 26ff.; H. Pavlincová, in: Aluze, 2007, H. 1, S. 85ff., 97ff.; H. Pavlincová, K. V., 2010 (m. W.); Slovník českých filosofů (online, Zugriff 5. 9. 2016).
(H. Pavlincová)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 69, 2018), S. 352f.
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