Vraz, Stanko; eigentl. Fras(s) Jakob, Ps. Jakob Rešetar s Cerovca, Nenad Bezimenović, Ilir iz Štajera (1810–1851), Schriftsteller, Kritiker und Übersetzer

Vraz Stanko, eigentl. Fras(s) Jakob, Ps. Jakob Rešetar s Cerovca, Nenad Bezimenović, Ilir iz Štajera, Schriftsteller, Kritiker und Übersetzer. Geb. Scherowetz, Stmk. (Cerovec Stanka Vraza, SLO), 30. 6. 1810; gest. Agram (Zagreb, HR), 24. 5. 1851; röm.-kath. Sohn des Weinbauern Jožef Fras(s) (geb. um 1775) und von Katarina Fras(s), geb. Korotnik (geb. 1789). – Bereits während seiner Gymn.zeit in Pettau 1823–30 schrieb V. gem. mit →Franz v. Miklosich erste Verse auf Slowen. 1830–32 stud. er Phil. und Jus in Graz, schloss das Stud. allerdings nicht ab. Ab 1830 wurden der Einfluss des slowen. Dichters →France Prešeren sowie der patriot. slowen. Ideen des Illyrismus bemerkbar. 1832 trat V. der liberalen slowen. patriot. Ges. Slovenska družba slovenopolitov, einer Gruppe von Studenten um den Priester Jurij Matjašič, bei, der außerdem u. a. →Anton Murko, Janez Klajžar, Julij Kuplež und →Lovro Vogrin angehörten. V. widmete sich i. d. F. intensiv dem Literatur- und Sprachenstud. und plante gem. mit Miklosich ein vergleichendes Wörterbuch der slaw. Sprachen, das allerdings unveröff. blieb. Erste Ged. in seiner lokalen slowen. Mundart lehnte die damals führende slowen.sprachige Z. „Kranjska Čbelica“ ab. Beeinflusst von Adam Mickiewicz, war er ein entschiedener Gegner der Germanisierung, wie im polit. Sonettzyklus „Zvonček“ (1835) zum Ausdruck kommt. V., der ab 1836 unter dem Künstlernamen Vraz publ., beabsichtigte 1837 die Gründung der literar. Z. „Metuljček“, um zwischen der slowen. Gruppe und den Illyristen in Agram zu vermitteln, fand jedoch in Laibach keine Unterstützung, da er sich für einen untersteir. Dialekt als Basis der slowen. Schriftsprache sowie die Schaffung eines gem. südslaw. Idioms einsetzte. Im selben Jahr wandte er sich an Prešeren wegen seines Vorhabens, fortan nur in illyr. bzw. kroat. Sprache zu dichten. Bereits 1833 hatte er in Graz →Ljudevit Gaj, den Anführer der illyr. Bewegung, kennengelernt, gründete deren Zentralorgan, die Z. „Danica“, und gewann →Vjekoslav Babukić, →Dimitrija Demeter, →Ivan Mažuranić und →Dragutin Rakovac als Mitarb. Nach einem ersten Aufenthalt in Kroatien begeisterte sich V. für die illyr. Bewegung mit Zentrum in Nordkroatien. Ab 1839 lebte er in Agram. V., der erste kroat.sprachige Autor und polit. Akteur der kroat. antiung. Tendenzen, gründete mit Rakovac und →Ljudevit v. Vukotinović 1842 die erste Literaturz. in Kroat. „Kolo. Članci za literaturu, umjetnosti i narodni život“. 1846–48 Sekr. des Kulturver. Matica ilirska, gab er 1839 als Vertreter romant. Ideen eine Smlg. slowen. Volksged. und lieder, „Narodne pěsni ilirske, koje se pěvaju po Štajerskoj, Kranjskoj, Koruškoj i zapadnoj strani Ugarske“, heraus. Seine erste Publ. in kroat. Sprache war 1835 eine Übers. der slowen. Ballade „Stana in Marko“ in der „Danica“. Zu Lebzeiten veröff. er weiters die drei Lyrikbde. „Đulabije, ljubezne ponude za Ljubicu“ (1840), die er Julija Cantilly, einer Cousine Gajs und für V. Symbol für Schönheit und Heimat, widmete, „Glasi iz dubrave žerovinske“ (1841), der Illyrikerin Dragojla Štauduar zugeeignet, und 1845 die vier Zyklen „Gusle i tambura“. In „Đulabije …“ sind die Einflüsse der dt. romant. Lyrik und klass. Reminiszenzen vorherrschend, zugleich stellt die subjektive, emotional aufgeladene Liebeslyrik V.ʼ eine wichtige inhaltl. und formale Innovation in der damaligen patriot. orientierten pragmat.-utilitarist. kroat. Dichtung dar. Sein Vorbild war die Lyrik →Ján Kollárs mit seinen panslaw. Ideen. V. führte die neue lyr. Form der sechshebigen Volksverse aus der poln. Volksdichtung (Krakovjak) sowie die lyr. Ged.form Ghasel oder Ghasele (kroat. gazela) in die kroat. Literatur ein. In seinen Balladen bezog er sich auf die mündl. südslaw. Volksdichtung sowie auf die europ. Tradition der Kunstballade (Goethe, Byron, Mickiewicz, Uhland), wobei starke Einflüsse westslaw. Dichter wie →Václav Hanka, →František Ladislav Čelakovský oder →Pavel Josef Šafařík zu finden sind. Seine 47 Hildegard Karvančić gewidmeten Sonette wurden 1846 veröff. („Sanak i istina“). V. schrieb auch Satiren und Epigramme, Kritiken, Berr. sowie Reisebeschreibungen und übers. aus dem Latein., Griech., Tschech., Russ., Poln., Engl. und weiteren Sprachen, v. a. romant. Poesie (z. B. Mickiewicz, „Dziady“, 1850). Er beherrschte außerdem Dt., Französ., Span. sowie zahlreiche slaw. Sprachen und prägte die zeitgenöss. Literaturkritik. Neben →Petar Preradović und Mažuranić war er einer der bedeutendsten Dichter und Literaturvermittler der kroat. Romantik.

Weitere W.: Děla St. V. Djulabije, 5 Bde., 1863–77; Izabrane pjesme, 1880 (m. B.); Izabrane pjesme, ed. D. Grdenić, 1924.
L.: SBL (m. B.); S. Ježić, Ilirska antologija ..., 1934, S. 251ff.; F. Petrè, V. graška leta (1830–38), Diss. Ljubljana, 1938; A. Slodnjak, St. V. Slovenska djela 1–2, 1952; S. Ježić, Pjesnička djela St. V., 1953; M. Gavrin, in: Filologija, 1963, Nr. 4, S. 63ff.; I. Slamnig, Poezija i proza, 1963, S. 59ff.; J. Wierzbicki, in: Umjetnost riječi 11, 1967, S. 129ff.; M. Živančević, in: Zbornik za slavistiku 1, 1970, S. 52ff.; M. Živančević, in: Godišnjak Filozofskog fakulteta u Novom Sadu, 1973, S. 255ff.; J. Kos, Pregled slovenskega slovstva, 1976, S. 123; Jugoslovenski književni leks., red. Ž. Boškov, 2. Aufl. 1984 (m. B.); M. Mitrović, Geschichte der slowen. Literatur, 2001, s. Reg.; S. Coha, St. V., 2010 (m. B.).
(M. Car)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 69, 2018), S. 359f.
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