Wachstein, Bernhard (Berel, Dov Ber ben Moshe) (1868–1935), Bibliothekar, Bibliograph und Historiker

Wachstein Bernhard (Berel, Dov Ber ben Moshe), Bibliothekar, Bibliograph und Historiker. Geb. Tłuste, Galizien (Tovste, UA), 18. oder 19. (nicht: 31.) 1. 1868; gest. Wien, 15. 1. 1935; mos. Sohn des Geschäftsmanns Moses W. und der Sura W., Vater des Arztes Maximilian W. (geb. Wien, 1905; gest. Passaic, NJ, USA, 1965) und der Lehrerin und Sprachtherapeutin Sophie (Sonia) W. (geb. Wien, 1907; gest. New York City, NY, USA, 2001); ab 1904 verheiratet mit Marie (Ritschi) W., geb. Weiss (geb. Mähr. Weißkirchen, Mähren / Hranice, CZ, 3. 11. 1878; gest. New York City, 23. 2. 1977). – W. war der Sohn armer Eltern und wuchs im chassid.-jüd. Umfeld seiner Heimatgmd. auf. Nach einer rein traditionellen Ausbildung ging er Mitte der 1880er-Jahre nach Radautz, wo er sich autodidakt. so weit weltl. Wissen aneignete, dass er 1893 als öff. Schüler in die 8. Kl. des dortigen Staatsgymn. aufgenommen werden konnte. 1894 legte er an dieser Schule die Matura ab und inskribierte anschließend an der Univ. Wien. Er beschäftigte sich hier hauptsächl. mit Phil. sowie mit der Literatur und Geschichte der oriental. Sprachen. Zu seinen Lehrern gehörten →Gustav Bickell, Robert Zimmermann, →Jakob Minor, →Wilhelm Jerusalem, →Emil Reich und →Friedrich Jodl, er hörte aber auch Vorlesungen bei →Ernst Mach und →Theodor Gomperz. 1899 wurde W. bei Jodl mit seinen „Kritischen Studien zur Interpretierung der Leibniz’schen Philosophie“ zum Dr. phil. prom. Parallel dazu stud. er 1894–99 an der Wr. Israelit.-Theol. Lehranstalt. 1903 trat er in die Bibl. der IKG ein und wurde 1919 nach dem Tod von →Bernhard Münz zu deren Dir. ernannt, eine Stelle, die er bis zu seinem Tod innehatte. Unter W. erlebte diese Einrichtung ihre Blütezeit und galt als eine der bestorganisierten jüd. Bibl. W. ordnete sie von Grund auf neu, katalogisierte die umfangreichen Bestände und legte detaillierte Spezialkat. zur Erforschung und Bibliographierung hebr. Drucke an. Bes. interessierte er sich für genealog. Fragestellungen. Sein 1912 und 1917 in zwei Bde. erschienenes Hauptwerk „Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien“ zeichnet sich v. a. dadurch aus, dass in ihm nicht wie damals übl. nur die transkribierten Grabinschriften wiedergegeben werden, sondern dass jeder Epitaph einer genauen Analyse unterworfen wird. Darüber hinaus lieferte W. zu vielen der dort bestatteten Personen umfangreiche biograph. und genealog. Informationen. Er arbeitete hierbei, damals ungewöhnl., sowohl mit inner- als auch mit außerjüd. Quellen und beleuchtete die in Wien zwischen 1660 und 1848 aufscheinenden jüd. Familien mit meisterhafter Gründlichkeit. Ähnliches gelang ihm mit den 1922 und 1926 erschienenen Bde. zur jüd. Gmd. in Eisenstadt. Seine jahrzehntelange Erfahrung als Bibliothekar und Bibliograph mündete im ersten Tl. des Bd. „Die hebräische Publizistik in Wien“ (1930, gem. mit →Israel Taglicht und Alexander Kristianpoller), in dem es ihm gelang, fast alle Beitragenden zu den 1821–89 in Wien erschienenen, der Haskala verpflichteten jüd. Z. biograph. aufzulösen. In den 1930er-Jahren begann er, zusammen mit Taglicht, die sozioökonom. Verhältnisse der Wr. Juden zwischen 1780 und 1848 genauer zu untersuchen, eine Arbeit, die er aus gesundheitl. Gründen nicht mehr abschließen konnte. 1936 erschien posthum als seine letzte Publ., trotz ihres prov. Charakters, eine umfangreiche und gründl. Auswertung des Wr. Merkantilprotokolls („Die Wiener Juden in Handel und Industrie …“). W.s Frau und seine Kinder flohen 1941 in die USA. Sein wiss. Nachlass wie auch seine Kat. in der Bibl. der IKG wurden während des 2. Weltkriegs vernichtet. W. gilt als Vorbild des Sinologen Peter Kien in Elias Canettis Roman „Die Blendung“ (1936).

Weitere W. (s. auch S. Chajes, Bibliographie der Schriften B. W.s, 1933): Wr. hebr. Epitaphien, in: Sbb. Wien, phil.-hist. Kl. 156, 1907; Jüd. Privatbriefe aus dem Jahre 1619, 1911 (gem. m. A. Landau); Kat. der Salo Cohn’schen Schenkungen, 2 Bde., 1911–14; Die Grabschriften des alten Judenfriedhofes in Eisenstadt, 1922; Zur Bibliographie der Gedächtnis- und Trauervorträge in der hebr. Literatur, 4 F., 1922–32; Die ersten Statuten des Bethauses in der Inneren Stadt …, 1926; Urkunden und Akten zur Geschichte der Juden in Eisenstadt und den Siebengmd., 1926; Geograph. Reg. zu „Katalog der Salo Cohn’schen Schenkungen“ …, 1934; Randbemerkungen zu meinen Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien 1912 und 1917, 1936.
L.: Enc. Jud.; Hdb. jüd. AutorInnen; Jüd. Lex.; Universal Jew. Enc.; Wer ist’s?, 1922; Wininger; B’nai B’rith Mitt. für Österr. 35, 1935, S. 38ff.; Die neue Welt 9, 1935, Nr. 431, S. 2; Die Stimme 8, 1935, Nr. 418, S. 3 (m. B.); Die Wahrheit 51, 1935, Nr. 3, S. 3f.; M. Freudenthal, in: Z. für die Geschichte der Juden in Dtld. 6, 1936, H. 1, S. 1ff.; Philo-Lex., ed. E. bin Gorion u. a., 1937; Enc. judaica castellana 10, 1951; Leks. fun der naier jid. Literatur 3, 1960; W. Tetzlaff, 2000 Kurzbiographien bedeutender Dt. Juden des 20. Jh., 1982; Bibliographia Judaica 3, bearb. R. Heuer, 1988; S. Wachstein, Hagenberggasse 49, 1996 (m. B.); P. Landesmann, Rabb. aus Wien, 1997, s. Reg.; Lex. dt.-jüd. Autoren 20, 2012; UA, WStLA, beide Wien; Leo Baeck Inst., New York City, NY, USA.
(G. Gaugusch)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 69, 2018), S. 384f.
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