Wackernell, Joseph Eduard (1850–1920), Germanist

Wackernell Joseph Eduard, Germanist. Geb. Göflan, Tirol (Göflan/Covelano, I), 22. 11. 1850; gest. Innsbruck (Tirol), 29. 9. 1920; röm.-kath. Sohn des Steinmetzen und Bildhauers Josef W. (gest. 1861); ab 1891 verheiratet mit Sidonie W., geb. Dragoni (gest. 1911). – Nach dem Besuch des Gymn. (1865–72 in Meran, 1872–73 in Hall) stud. W. dt. Sprache und Literatur, klass. Philol. und Geschichte an den Univ. Innsbruck (1873–77), Wien (1877), München (1877/78) und Berlin (1878), ehe er mit der Arbeit „Walther von der Vogelweide in Oesterreich“ (1877) als erster Dissertant am Innsbrucker Seminar für Germanistik 1878 prom. wurde. 1882 folgte die Habil. mit der 1881 publ. Schrift „Hugo von Montfort. Mit Abhandlungen zur Geschichte der deutschen Literatur, Sprache und Metrik im 14. und 15. Jahrhundert“ (nachdem ein erstes Habil.gesuch mit einer Arbeit über Schillers „Wilhelm Tell“ 1878 noch abgelehnt worden war). W. hatte zunächst die Venia legendi für Neuere Literaturgeschichte angestrebt; weil die Lehrbefugnis aber nur für das Gesamtfach vergeben wurde, musste er sich auch auf das ältere Fach spezialisieren. Er ed. neben Werken von Montfort altdt. Passionsspiele aus dem Tiroler Raum und beschäftigte sich mit der Geschichte des dt. Volkslieds, in der Lehre jedoch auch mit Lessing, Herder, Goethe, Schiller und →Franz Grillparzer, mit Metrik und mit der Grammatik der neuhochdt. Schriftsprache. 1882–87 Priv.Doz. für Dt. Sprache und Literatur, 1887–88 tit. ao. Prof., war er 1888–90 der erste ao. Prof., 1890–1920 der erste o. Prof. für Neuere dt. Literaturgeschichte an der Univ. Innsbruck 1896–97 und 1910–11 auch Dekan der phil. Fak. und ab 1897 ständiger Beisitzer des Tiroler Landesschulrats. Während einige der prominentesten Germanisten seiner Zeit mit W. in Kontakt standen und ihn unterstützten, darunter Otto Behaghel (Gießen), Michael Bernays (München), →Richard Heinzel (Wien), Rudolf Hildebrand (Leipzig), →Matthias v. Lexer (Würzburg) und Eduard Sievers (Jena), war ihm der erste Prof. der dt. Sprache und Literatur in Innsbruck Ignaz V. Zingerle (im Amt 1859–90) nicht sonderl. wohlgesonnen. W. betrachtete denn auch →Adolf Pichler v. Rautenkar, den Gegenspieler Zingerles, als seinen wichtigsten Lehrer und er war wohl, neben dem Anglisten →Alois Brandl, mit dem er ebenfalls zeitlebens freundschaftl. verbunden blieb, der bedeutendste Schüler Pichlers. 1875 wurde W. Gründer und erster Präs., später Ehrenmitgl. des Innsbrucker Germanistenver., 1888 Mitbegründer der Zweigstelle des Allg. Dt. Sprachver. in Innsbruck, 1892 Mitgl. im Direktorium der Österr. Leo-Ges., 1898 k. M. der Zentralkomm. für Erforschung und Erhaltung der Kunst- und hist. Denkmale, 1904 schließl. Mitbegründer und Leiter des Tiroler Volksbunds; 1917 wurde er ins österr. HH berufen. W.s grundlegende Stud. zur neueren Literatur in Tirol sind nach wie vor nicht überholt. In seinem Buch „Beda Weber 1798–1858 und die tirolische Litteratur 1800–1846“ (1903) befasst er sich eingehend mit der Biographie des zu seiner Zeit umstrittensten Tiroler Schriftstellers. Die geplante Fortsetzung sollte, method. ähnl. angelegt, das Buch über „Adolf Pichler (1819–1900). Leben und Werke“ liefern; es wurde indes erst nach dem Tod des Verf. von seinem Schüler Anton Dörrer abgeschlossen und 1925 hrsg. Darüber hinaus beschäftigte sich W. mit dem Kriegsgeschehen, der Zensur und dem Weiterwirken der „alten Religions- und Rechtszustände“, die (aus seiner Warte) vielfach nur „Tagespoesie“ zugelassen hatten.

Weitere W. (s. auch Germanistenlex.): Die ältesten Passionsspiele in Tirol, 1887; Das dt. Volkslied, 1890. – Ed.: Quellen und Forschungen zur Geschichte, Litteratur und Sprache Österr. und seiner Kronländer, 14 Bde., 1895ff. (gem. m. J. Hirn); Altdt. Passionsspiele aus Tirol, 1897. – Nachlass: UA, Innsbruck, Tirol; Goethe- und Schiller-Archiv, Weimar, D.
L.: Adlgasser; L. Beirer, Die Lehrkanzel für Germanistik an der Phil. Fak. Innsbruck und ihre Träger (1859–1920), Hausarbeit Innsbruck, 1958, S. 29ff., 88ff.; E. Thurnher, in: Der Schlern 51, 1977, S. 579ff.; 150 Jahre Germanistik in Innsbruck, ed. S. P. Scheichl, 2009, S. 43f. (m. B.); Internationales Germanistenlex. 1800–1950, 3, 2003 (m. W.); UA, Wien; UA, Innsbruck, Tirol.
(J. Holzner)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 69, 2018), S. 389f.
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