Wächter, Otto Frh. von; Deckname Alfredo Reinhardt (1901–1949), Politiker, Beamter und Rechtsanwalt

Wächter Otto Frh. von, Deckname Alfredo Reinhardt, Politiker, Beamter und Rechtsanwalt. Geb. Wien, 8. 7. 1901; gest. Rom (Roma, I), 14. 7. 1949; röm.-kath. Sohn von →Josef Frh. v. W. und dessen Frau Martha Freifrau v. W., geb. Pfob; ab 1932 verheiratet mit der Industriellentochter Charlotte Bleckmann (1908–1985). – Nach der Matura am Gymn. in Budweis 1919 stud. W., der in jungen Jahren als Rudersportler zahlreiche nationale und internationale Wettkämpfe gewann, 1919–24 Rechtswiss. an der Univ. Wien; 1925 Dr. iur. 1932–34 praktizierte er als selbstständiger Strafverteidiger in Wien. Bereits in seiner Studentenzeit hielt sich W. in dt.national-rechtsextremen Kreisen auf. 1923 schloss er sich der NSDAP an, ließ aber seine Mitgl.schaft bald ruhen. Nach seinem Wiedereintritt 1930 stieg er rasch in führende Positionen auf und galt als „Parteianwalt“ der Wr. NSDAP. 1932 wurde er zum Hauptamtsleiter der NS-Landesleitung ernannt. Zu dieser Zeit trat er auch der SS bei. Nach dem NS-Verbot in Österr. vom Juni 1933 blieb W. als Stellv. des nach Dtld. emigrierten Führers der österr. NSDAP Theodor Habicht in Wien. Im Sommer 1934 wurde W. von Habicht mit der polit. Leitung des von →Adolf Hitler befohlenen Putschs gegen die österr. Regierung betraut. Der Juliputsch von 1934 scheiterte, Bundeskanzler →Engelbert Dollfuß starb, insgesamt 230 Menschen wurden getötet. W. konnte auf abenteuerl. Weg über Budapest nach Berlin entkommen. Während seiner Zeit in Dtld. 1934–38 war er in führender Position im Hilfswerk für NS-Flüchtlinge aus Österr. tätig. Nach dem „Anschluss“ 1938 wurde er mit Spitzenfunktionen in der österr. Landesregierung betraut (Staatskommissar, Staatssekr.). Ab November 1939 leitete W. unter der Amtsbezeichnung Gouverneur die Zivilverwaltung des Distrikts Krakau im besetzten Polen; von Jänner 1942 bis August 1944 übte er dieselbe Funktion im Distrikt Galizien mit Sitz in Lemberg aus. Auf beiden Posten war W. führend an Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt, wenngleich man ihn trotz seines hohen SS-Rangs (zuletzt Gruppenführer) nicht zu den Haupttätern des Holocaust zählen kann. Nach der Besetzung Galiziens durch die Rote Armee wurde er im September 1944 als Chef der Militärverwaltung nach Italien abkommandiert und im Februar 1945 ins SS-Hauptamt nach Berlin versetzt. Als Verbindungsmann zu der mit Dtld. kollaborierenden Ukrain. Nationalarmee verbrachte W. die letzten Kriegswochen im Süden Österr. Nach Kriegsende hielt er sich jahrelang in österr. Alpenregionen verborgen, bis er sich schließl. Anfang 1949 unter einem Decknamen über Südtirol nach Rom absetzte. Vermutl. plante er, über die „Rattenlinie“ (Fluchtroute für NS-Kriegsverbrecher) nach Südamerika zu entkommen. W. starb jedoch vorher in einem röm. Spital.

L.: N. v. Preradovich, Österr. höhere SS-Führer, 1987, s. Reg. (m. B.); G. Steinacher, Nazis auf der Flucht. Wie Kriegsverbrecher über Italien nach Übersee entkamen, 2010, s. Reg.; W. Graf, Österr. SS-Gen., 2012, S. 68ff. (m. B.), 209ff.; A. Schulz – D. Zinke, Die Gen. der Waffen-SS und der Polizei 6, 2012 (m. B.); K. Bauer, Hitlers zweiter Putsch. Dollfuß, die Nazis und der 25. Juli 1934, 2014, s. Reg.; UA, Wien.
(K. Bauer)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 69, 2018), S. 393
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