Wähner, Franz (1856–1932), Geologe und Paläontologe

Wähner Franz, Geologe und Paläontologe. Geb. Goldenhöhe, Böhmen (Zlatý Kopec, CZ), 23. 3. 1856; gest. Praha, Tschechoslowakei (CZ), 4. 4. 1932; röm.-kath. Sohn des Forstbeamten Adolf W. (1822–1887) und von Marie W., geb. Much (1827–1889), Neffe von →Matthäus Much, Bruder von →Theodor W.; verheiratet mit Marie Finger, Tochter von →Josef Finger. – W. übersiedelte im Alter von zehn Jahren mit der Familie nach Wien, wo er das Theresianum besuchte. Die 8. Gymn.kl. absolv. er am Staatsgymn. in Salzburg, wohin sein Vater dienstversetzt worden war, und legte dort die Reifeprüfung ab. 1874 begann W. ein Stud. der Naturwiss. mit Schwerpunkt Geol. und Paläontol. an der Univ. Wien, das er 1874/75 wegen seines einjährigen Militärdiensts unterbrechen musste (1876 Lt. der Res.). 1879 legte er seine Diss. mit dem Titel „Die Ammonitiden-Fauna der Zone des Aegoceras angulatum vom Breitenberg …“ →Eduard Sueß und →Melchior Neumayr vor; 1880 Dr. phil. Im selben Jahr unternahm W. im Auftrag der k. Akad. der Wiss. in Wien eine ausgedehnte Stud.reise nach Kroatien, um Daten über das Erdbeben von Agram zu sammeln. 1881 Volontär an der Geolog. Reichsanstalt, nahm er zunächst unter →Alexander Bittner an der geolog. Kartierung in den salzburg. Alpen sowie 1882 an einer Expedition nach Persien teil, in deren Verlauf er sich eine schwere Verletzung zuzog. 1882–85 Ass. bei Sueß am Inst. für Geol., habil. sich W. 1885 für dieses Fach. 1886 wechselte er an die geolog.-paläontolog. Abt. des Naturhist. Hofmus. in Wien (1893–97 Kustosadjunkt, 1897–1901 Kustos II. Kl.). 1901 wurde er in Nachfolge →Viktor Uhligs als o. Prof. für Mineral. und Geol. an die dt. TH in Prag berufen (mehrmals Dekan, 1905/06 Rektor), ehe er 1910 →Gustav Laube als o. Prof. für Geol. und Paläontol. an der dt. Univ. in Prag ablöste; 1912–18 Dekan, 1920/21 Rektor, 1926 emer. W.s Arbeitsschwerpunkt lag in der Erforschung des Lias, insbes. im Sonnwendgebirge in Tirol. Aus dieser Beschäftigung ging 1903 sein Hauptwerk „Das Sonnwendgebirge im Unterinntal“ hervor, in dem er diesen bisher als einfach gebaut geltenden Gebirgsstock als überaus komplexen Falten- und Überschiebungsbau erklärte. Auch in Böhmen hatte sich W. mit der Orogenese auseinandergesetzt, indem er die Längsstörungen des mittelböhm. Faltengebirges als gegen auswärts gerichtete Überschiebungen deutete. Zudem befasste er sich mit dem Paläozoikum der Umgebung Prags. W. entfaltete eine reiche Vortragstätigkeit im Ver. zur Verbreitung naturwiss. Kenntnisse in Wien sowie im Ver. Lotos in Prag, wodurch er sich große Verdienste um die Volksbildung erwarb. 1899 wurde er zum Mitgl. der Dt. Akad. der Naturforscher Leopoldina gewählt, weiters war er Mitgl. der Ges. zur Förderung dt. Wiss., Kunst und Literatur in Böhmen.

Weitere W. (s. auch Spengler, 1933): Beitrr. zur Kenntnis der tieferen Zonen des unteren Lias der nordöstl. Alpen, in: Beitrr. zur Paläontol. Österr.-Ungarns und des Orients 2–6, 1882–88, 8, 1891 (Fortsetzung in: Beitrr. zur Paläontol. und Geol. Österr.-Ungarns und des Orients 9, 1895, 11, 1898); Das Erdbeben von Agram am 9. November 1880, in: Sbb. Wien, math.-nat. Kl. 88, Abt. 1, 1883; Aus der Urzeit unserer Kalkalpen, in: Z. DÖAV 22, 1891; Zur Beurteilung des Baues des mittelböhm. Faltengebirges, in: Jb. der k.-kgl. geolog. Reichsanstalt 66, 1917.
L.: NFP, 26. 9. 1910, 5. 4. 1932; Prager Tagbl., 21. 3. 1926; Egerländer Biograf. Lex. 2; Eisenberg 2; Kürschner, Gel.Kal., 1926, 1931; Die k. k. Dt. TH in Prag 1806–1906, red. F. Stark u. a., 1906, S. 383; E. Spengler, in: Lotos 80, 1932, S. 134ff.; E. Spengler, in: Annalen des Naturhist. Mus. in Wien 46, 1933, S. 309ff. (m. W.); H. Zapfe, Index Palaeontologicorum Austriae (= Cat. Fossilium Austriae 15), 1971; AVA, Geolog. Bundesanstalt (m. B.), UA (m. B.), alle Wien.
(J. Seidl)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 69, 2018), S. 394
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