Wähner, Theodor (1864–1901), Politiker und Zeitungsherausgeber

Wähner Theodor, Politiker und Zeitungsherausgeber. Geb. Joachimsthal, Böhmen (Jáchymov, CZ), 20. 3. 1864; gest. Wien, 11. 12. 1901; röm.-kath. Sohn des Forstbeamten Adolf W. (1822–1887), dessen berufl. Lebensweg über Wien nach Salzburg führte, und von Marie W., geb. Much (geb. 1827; gest. Wien, 18. 7. 1889), Neffe von →Matthäus Much, Bruder von →Franz W., Vater der Malerin Trude W. (1900–1979); ab 1899 mit Gisela Reimer (geb. 1875) verheiratet. – W. legte 1882 die Matura in Salzburg ab und stud. danach Physik in Wien; 1888 Dr. phil. Bis Ende 1892 arbeitete er im mathemat. und statist. Büro des Ersten allg. Beamten-Ver., danach bis Frühjahr 1894 in leitender Funktion bei der Versicherungsges. Patria in Bukarest. Spätestens ab seiner Stud.zeit sozialisierte er sich im (zunehmend antisemit.) dt.nationalen polit. Milieu, v. a. über die Gesangspflege: Ab 1882 war er Mitgl. des Wr. akadem. Gesangver., der sich 1890 in eine von ihm geführte betont dt.nationale, fest im Waidhofener Verband integrierte Organisation wandelte, die sich u. a. intensiv der Pflege der Werke →Anton Bruckners widmete; 1892 Vors. des Dt.-akadem. Sängerfests in Salzburg, wurde er im selben Jahr als Vorstand des Gesangver. in Wien vom ehemaligen Reichskanzler Bismarck empfangen. Nach der Rückkehr aus Bukarest gelang es W., innerhalb der 1891 formierten Dt. Nationalpartei Fuß zu fassen. Entscheidend trug dazu die Übernahme der „Deutschen Zeitung“ im Juli 1894 bei, die W. zu einem antisemit. Organ umgestalten wollte. Rasch wurde er Vertreter der Nationalpartei bei überregionalen Verbandsfeiern und Obmann der Ortsgruppe Wien des Bunds der Dt. in Böhmen und kandidierte 1895 zunächst erfolglos, nach den Neuwahlen 1896 aber erfolgreich für den Gmd.rat und avancierte sofort zum Stadtrat. Im Konflikt um die tatsächl. oder vermeintl. finanzielle Förderung des aus Lueger’schen Antisemiten und Dt.nationalen gebildeten Bürgerclubs – und damit auch der „Deutschen Zeitung“ – durch Ministerpräs. →Kasimir Felix Gf. Badeni, der den Austritt von elf Dt.nationalen aus dem Club zur Folge hatte, verblieb W. in der Koalition. Das führte nicht nur zur raschen polit. Annäherung an die („christliche“) Clubmajorität, sondern v. a. auch zu seiner nachhaltigen Entfremdung von den Dt.nationalen. Seine Ztg. und v. a. die „Ostdeutsche Rundschau“ Karl Hermann Wolfs sollten sich i. d. F. heftige Pressefehden liefern. Die „Deutsche Zeitung“ selbst wurde zum Kampfbl. der Bgm.partei, die weniger einer festen Richtung folgte als vielmehr die jeweilige Gunst des Augenblicks polit. auszuschlachten trachtete. Damit wurde sie zum Feindbild der sich organisierenden Sozialdemokratie. Als Stadtrat war W. z. Tl. federführend mit den polit. höchst umstrittenen, miteinander in Zusammenhang stehenden Bereichen Straßenbahnbetrieb und Kommunalisierung der Gas- und Elektrizitätsversorgung betraut. Deren Finanzierung durch eine Anleihe bei der Dt. Bank war Ergebnis von Verhh., an denen W. 1897/98 ebenfalls beteiligt war. Bedeutend war seine Rolle als Delegierter des Gmd.rats im Kuratorium der Nö. Landes-Brandschadenversicherungsanstalt und v. a. bei der Gründung der städt. K. Franz Joseph Jubiläums-Renten- und Lebensversicherungsanstalt, deren Dion.ausschuss er vorsaß. Weiters wirkte er im Beirat zur Förderung der Angelegenheiten des Versatz-, Verwahrungs- und Versteigerungsamts in Wien und trug entscheidend zur Einführung von städt. Wohnungsvermittlungsämtern bei. Daneben förderte W. bes. Kunst und Kultur: Er lukrierte kommunale Mittel für die Ausstattung öff. Bibl. und den Ankauf von Kunstwerken, war Mitgl. im Ausschuss des (von den Christl.sozialen usurpierten) K.jubiläums-Theaterver., saß im Gmd.ratsausschuss zur Durchführung des Baus des K. Franz Joseph-Stadtmus., engagierte sich in der Rathauskellerkomm. für dessen künstler. Ausgestaltung und wurde 1901 in den k. k. Kunstrat berufen. Der 1894 noch in bescheidenen Verhältnissen lebende und weitgehend unbekannte W. wurde 1897 dem K. persönl. vorgestellt. 1900 errichtete er zentrumsnah einen Prachtbau, für dessen architekton. und innere Ausgestaltung →Josef Urban sorgte. Die Baufinanzierung gab der Presse Anlass zu verschiedentl. Überlegungen über die Einkommensverhältnisse des strikten Antisemiten und also Antikapitalisten; diese blieben im Einzelnen aber ungeklärt.

W.: Über den magnet. Druck in Flüssigkeiten, Diss. Wien, 1886 (publ. als „Bestimmungen der Magnetisirungszahlen von Flüssigkeiten“, in: Sbb. Wien, math.-nat. Kl. 96, 2. Abt., 1887); Bergluft, in: Dt. WS, 1886, Nr. 46f.; Die Kinder. Schauspiel in 4 Aufzügen, 1894.
L.: Dt. Ztg., 11. (Abendausg.) – 13., Neues Wr. Journal, 12., Dt. Volksbl., 13. 12. 1901; Österreichs Illustrierte Ztg. 11, 1901, S. 215f. (m. B.); P. U. Lehner, in: Versicherungsgeschichte Österr. 3, ed. W. Rohrbach, 1988, S. 1047f.; Österr. Nationalbibl. (Hss.-Smlg.), Wienbibl. im Rathaus, UA, alle Wien.
(H. P. Hye)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 69, 2018), S. 394f.
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