Wagner-Jauregg, Julius; 1883-1919 Wagner Ritter von Jauregg (1857–1940), Psychiater und Neurologe

Wagner-Jauregg Julius, 1883–1919 Wagner Ritter von Jauregg, Psychiater und Neurologe. Geb. Wels (OÖ), 7. 3. 1857; gest. Wien, 27. 9. 1940 (Ehrengrab: Wr. Zentralfriedhof); röm.-kath. Sohn des 1883 mit dem Zusatz „von Jauregg“ in den Ritterstand erhobenen Finanzbeamten Adolf Wagner (geb. Jägerndorf, Schlesien / Krnov, CZ, 1816; gest. 1894) und der Ludovika, geb. Schmeidel, Bruder von →Friedrich Wagner Frh. von Jauregg, Vater der Sahara-Forscherin Julia W.-J. (geb. 1900) und des Chemikers Theodor W.-J. (geb. 2. 5. 1903; gest. 19. 2. 1992); ab 1890 in 1. Ehe mit Balbine Frumkin, geb. Goldstein (gest. 1924) (getrennt ab 1902/03), in 2. Ehe ab 1924 mit Anna W.-J., geb. Koch (1880–1946), verheiratet. – Nach Besuch des Gymn. in Krems an der Donau und Wien stud. W. ab 1874 Med. an der Univ. Wien, u. a. bei →Ernst Wilhelm v. Brücke, →Theodor Billroth und →Heinrich v. Bamberger; 1880 Dr. med. Ab 1876 wiss. Hilfskraft, wirkte W. 1881–82 als Ass. am Inst. für Pathol. bei →Salomon Stricker, ab 1883 als Ass. der psychiatr. Klinik am AKH bei →Maximilian Leidesdorf und zugleich als Sekundararzt an der nö. Landesirrenanstalt; 1885 Habil. für Neurol., 1888 auch für Psychiatrie an der Univ. Wien. 1889 folgte W. einer Berufung als ao. Prof. für Psychiatrie an die Univ. Graz, 1893 kehrte er als o. Prof. für Psychiatrie und Neuropathol. an die 1. psychiatr. Univ.klinik nach Wien zurück. 1902 wechselte er als o. Prof. an die 2. psychiatr. Klinik; 1895/96 Dekan der med. Fak., 1928 emer. W.s wiss. Œuvre ist vielfältig. In Graz befasste er sich mit den psychiatr.-neurolog. Folgen von Suizidversuchen sowie mit Kretinismus. 1893 gelang ihm der Nachweis, dass eine Schilddrüsenfehlfunktion die Ursache dieser Krankheit ist. Ab 1900 etablierte er, mit Hilfe der staatl. San.verwaltung, v. a. in der Stmk., wo bes. viele Patienten daran litten, flächendeckende Therapien mit Schilddrüsenpräparaten. I. d. F. befasste sich W. systemat. mit der Rolle von Jod bei der Pathogenese, was zur Primärprävention von Kretinismus und Kropf mittels jodierten Salzes führte. Dieses wurde in Österr. 1923 eingeführt und ist – mit Unterbrechung 1938–44 – bis heute in Verwendung. In Wien wurde W. vermehrt mit forens. Gutachten betraut, so z. B. 1896 im „Fall Girardi“, der sich nicht nur negativ auf das Ansehen der Psychiatrie als Fach, sondern auch auf jenes W.s auswirkte. W. ignorierte Probleme bei der Unterbringung und Behandlung psych. Kranker an seiner Klinik keineswegs und wirkte 1901/02 federführend in einer Komm. für die – 1916 realisierte − Reform der Irrengesetzgebung mit. Er betonte zudem die Notwendigkeit der Vergrößerung und Neugestaltung der psychiatr. Klinik. In seinen somatolog. Forschungen beschäftigte sich W. ab 1900 u. a. mit dem Zusammenhang von Depressionen und Magen-Darm-Krankheiten sowie mit Fieber- und Infektionstherapien von Psychosen und Progressiver Paralyse. Er experimentierte u. a. mit Tuberkulin, das er mit Quecksilber- und Jod-Medikationen kombinierte, ab 1917 vorwiegend mit Malaria tertiana. Bald wurde an der Wr. psychiatr. Klinik durch ständige Bluttransfusion ein Stamm von Plasmodien kontinuierl. erhalten, um v. a. Patienten zu behandeln, die an dem als unheilbar geltenden Spätstadium der Syphilis litten. W. und seine Mitarb. erzielten enorme therapeut. Erfolge, indem sie bis 1925 bei mehreren hundert Kranken nachhaltige Remissionen der Progressiven Paralyse erreichten. Die neue Therapieform fand bereits kurz nach der Erstveröff. 1918/19 weite Anerkennung und wurde in allen größeren Staaten Europas, aber auch in Nord- und Südamerika eingeführt. Die Malariatherapie blieb in Anwendung, bis sie in den 1940er-Jahren durch das effizientere und nebenwirkungsärmere Penicillin abgelöst wurde. Während des 1. Weltkriegs befasste sich W. zudem mit elektrotherapeut. Verfahren zur Beseitigung von „Kriegsneurosen“ im Militär, die an der psychiatr. Klinik mit hoher Effektivität, aber auch erhebl. Brutalität durchgeführt wurden. Dies führte 1919 erneut zu starken publizist. Angriffen gegen W. und seine Klinik sowie zur Einsetzung einer Untersuchungskomm. W. selbst − der übrigens der Psychoanalyse sehr skept. gegenüberstand, sie aber nicht pauschal ablehnte − wurde, nicht zuletzt aufgrund einer Aussage →Sigmund Freuds, durch die Komm. entlastet, einer seiner Ass. jedoch sadist., folterähnl. Praktiken überführt. Ideolog. klar dem dt.nationalen Lager zuzuordnen, war W. ein Befürworter von eugen. Propaganda und Sterilisationen (jedoch auf freiwilliger Basis). Gegen Ende seines Lebens sympathisierte W. mit dem NS-System und geriet dadurch, v. a. seit den 1990er-Jahren, erneut in starke öff. Kritik, auch wenn er weder in med. oder andere NS-Verbrechen involviert war noch solche gutgeheißen hatte. W. war u. a. ab 1925 Mitgl. der Dt. Akad. der Naturforscher Leopoldina und ab 1929 Ehrenmitgl. der Österr. Akad. der Wiss. in Wien. 1927 erhielt er den Nobelpreis für Med., 1935 den Cameron-Preis und 1937 das österr. Ehrenzeichen für Wiss. und Kunst. 1936/37 Dr. iur. h. c., Dr. phil. h. c. der Univ. Wien.

W.: s. Kreuter.
L.: Almanach Wien 91, 1941, S. 171ff., 197ff. (m. B.); Kreuter (m. W.); Lesky (m. B.); J. W.-J., Lebenserinnerungen, ed. L. Schönbauer – M. Jantsch, 1950 (m. B.); K. R. Eissler, Freud und W.-J., 1979; M. Whitrow, J. W.-J. (1857–1940), 2001 (m. B.); D. Angetter, Die österr. Med.nobelpreisträger, 2003, S. 27ff. (m. B.); Gutachten …, „ob der Namensgeber der Landes-Nervenklinik (J. W.-J.) als hist. belastet angesehen werden muß“, bearb. G. Hofmann u. a., 2005; M. Hubensdorf, in: Jb. des DÖW, 2005, S. 218ff.; W. Neugebauer u. a., J. W.-J. im Spannungsfeld polit. Ideen und Interessen – eine Bestandsaufnahme, 2008; UA, Wien (m. B.).
(C. Watzka)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 69, 2018), S. 415f.
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