Wagner, Franz (1853–1930), Zitherspieler, Komponist und Schriftsteller

Wagner Franz, Zitherspieler, Komponist und Schriftsteller. Geb. Wien, 23. 8. 1853; gest. Graz (Stmk.), 7. 3. 1930. Vater des Pianisten und Komponisten Robert W. (Michely-W.) (geb. Wien, 3. 6. 1898; gest. ebd., 31. 1. 1977); verheiratet mit seiner Konzertpartnerin und ehemaligen Schülerin, der Zitherspielerin und Komponistin Clementine W., geb. Kaindl (geb. 12. 11. 1867; gest. 14. 4. 1891). – W. erlernte das Zitherspiel ab 1867 bei Anton J. Paschinger (einem Schüler von Franz Kropf), eventuell auch bei →Carl Ignaz Franz Umlauf. Bereits mit 17 Jahren wirkte er unter →Josef Strauß bei der Auff. von „Die Naßwalderin“ im Wr. Kursalon mit. W.s erste Tanz-Kompositionen (für Klavier) erschienen 1874. Nach Absolv. der Oberrealschule und der Wr. Handelsakad. war er bis 1875 gleichzeitig Beamter im Ersten allg. Beamtenver. in Wien. 1875 bildete W., der v. a. die Elegiezither spielte, zusammen mit Josef Riener und Alois R. Lerche das Wr. Zithertrio, dessen erster bedeutender Auftritt im Bösendorfer-Saal (Palais Liechtenstein) stattfand. Noch im selben Jahr unternahm das Trio eine Tournee durch Dtld., Dänemark, England, Belgien und die Niederlande. 1877 gründete W. eine Zitherschule in Wien 2. Nach Kropfs Tod 1879 wurde er Esterházy’scher Kammervirtuose. 1882–90 gab er das „Erste Wiener Zither-Journal“ unter Mitwirkung vieler prominenter Zitherspieler (u. a. Umlauf) heraus. 1883–84 unternahm W. eine Konzertreise nach Südfrankreich. Ab 1886 arbeitete er vermehrt für Bernhard Herzmansky (Doblinger Verlag) als Librettist von Kompositionen u. a. von Carl Michael Ziehrer, beginnend mit dessen „Neue Welt-Blümchen, Polka française“, durch W.s Text zur Gesangs-Polka „Blumen-Polka“ umgearbeitet. 1887 gründete W. die „Wiener Zither-Zeitung“, die er bis 1903/04 aktiv führte (Beil.: „Neues Wiener Zither-Album“). Er trat 1891 dem neu gegr. Wr. Zither-Bund bei, zusammen mit den Virtuosen August Huber, Eduard Kleibl, Paschinger, Carl Praschinger und Hans Ruderer. 1892 gründete er die „Internationale Musik- und Instrumenten-Zeitung“ (ab 1895: „Neue musikalische Presse. Zeitschrift für Musik, Theater, Kunst, Sänger- und Vereinswesen“). Anfang 1894 ging die Leitung der W.’schen Zitherschule an seinen Schüler →Ferdinand Kollmaneck über, der gleichzeitig Red.mitgl. der „Wiener Zither-Zeitung“ wurde. 1899/1900 und 1905/06 dürfte W. in Berlin gewirkt haben. Er verbrachte seine letzten Jahre in der Stmk. W. war mit →Alexander Girardi befreundet und bildete nach eigenen Angaben kurzzeitig eine Kompositionsgemeinschaft mit ihm und Ziehrer. Neben Paschinger und Umlauf war er Hauptvertreter bzw. -verteidiger der traditionellen Wr. Zitherstimmung und -spielweise. Mit dem Tod jener beiden und nach einem Grundsatzstreit (Wr. Stimmung versus Normalstimmung) mit Lerche bzw. mit anderen ehemaligen Weggefährten zog sich der populäre „Ur-Wiener“ W. aus der Öffentlichkeit zurück. Von ihm stammen drei pädagog. Werke, „Der Wiener Zither-Lehrer. Kurzgefasste, theoretisch-praktische Schule für das Zitherspiel (Wiener Stimmung) …“ (1890), „Schule der Geläufigkeit für das Zitherspiel“ und „Schule zum Selbstunterricht für die Streich-Zither“ (beide 1892). Hinzu kommen über 200 Kompositionen für Zither (u. a. „Das ist mein Wien“), Klavier (u. a. „Die Bergkraxler“) und Orchester. Seine Operetten, Singspiele und Possen gelangten 1885–97 sowie 1901 am Carltheater, am Theater in der Josefstadt und am Theater an der Wien zur Auff. Die Burleske mit Gesang und Tanz „Wiener Bilder“ (Text: Benno Jacobson – Rudolf Schanzer) erlebte über 50 Vorstellungen im Jantsch-Theater im Prater. Auch eine große Anzahl populär gewordener Lieder wie „Das ist mein Wien“ und „Nur für Natur“ (Musik: →Johann Strauß Sohn) oder „Liebesbrief“ (Musik: Ziehrer) geht auf W. zurück. Er wurde mit der großen Verdienstmedaille des Hg. Maximilian in Bayern ausgez.

Weitere W.: Possen und Schwänke: Ypsilon Z (Text: Th. Taube); Singspiel: Herzbub (Text: F. Edler v. Manussi-Montesole – F. Mai); Zithermusik: Opern-Album, Der Salon für Zitherspieler, Wanderbilder; Transkriptionen für Zither von Opern- und Operettenmelodien, u. a. von C. M. Ziehrer. – Publ.: Mein Wien, 1885; In froher Ges., 1892; Wr. Musikererinnerungen, in: RP, 27. 5., 3., 10., 17. 6. 1928.
L.: Eisenberg 1; oeml; Wurzbach; C. M. Ziehrer’s Dt. Musikztg. 3, 1876, H. 14, S. 1 (B.), 8; R. Baczyński v. Leszkowicz, Für Freunde der Zither, 1883, passim; Wr. Zither-Ztg. 5, 1891, H. 7, S. 6; A. V. Nikl, Die Zither, 1927, S. 110f.; J. Brandlmeier, Hdb. der Zither, 1963, s. Reg.; Hofmeister XIX (Onlinedatenbank, Zugriff 3. 11. 2017).
(J. M. Bloderer)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 69, 2018), S. 402f.
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