Wagner, Josef (1818–1870), Schauspieler und Regisseur

Wagner Josef, Schauspieler und Regisseur. Geb. Wien, 15. 3. 1818; gest. ebd., 5. 6. 1870; röm.-kath. Sohn eines Billeteurs und Kopisten am Theater an der Wien, später Beamter bei der Nordbahn, Bruder von Karl W. (1819–1866) und Therese Maria W., verheiratete Kleemann (1820–1851), die gleichfalls zur Bühne gingen, Vater des Schauspielers Karl W.; ab 1849 verheiratet mit Bertha W.-Unzelmann (s. u.) sowie ab 1860 in 2. Ehe mit der Sängerin Marianne Herzfeld (geb. Wien, 12. 1. 1826; gest. ebd., 11. 1. 1898), die unter dem Namen Gilbert 1847–52 an verschiedenen Bühnen auftrat. – W. besuchte die Normalschule bei St. Anna in Wien und begann anschließend eine Setzerlehre. Er sollte nach dem Willen der Eltern Geistlicher werden, wandte sich aber schon früh dem Theater zu. 1835 debüt. er am Meidlinger Theater und wechselte noch im selben Jahr auf Vermittlung des Schriftstellers und Theaterleiters Karl v. Holtei an die vereinigten Theater in der Josefstadt und Baden, wo er bis 1837 blieb. Es folgten Engagements in Prag (1837/38), Pressburg und auch wieder am Josefstädter Theater (1838/39) sowie 1839–45 als erster Liebhaber und jugendl. Held am Dt. Theater in Pest. Hier sah ihn 1844 der Schauspieler und Regisseur Heinrich Marr, der ihn nach Leipzig holte, wo W. 1845 als Ingomar in Friedrich Halms (→Eligius Franz Josef Frh. Münch v. Bellinghausen) „Sohn der Wildnis“ debüt. An dieser Bühne hatte er als Heldendarsteller die ersten nachhaltigen Erfolge und wurde zum Liebling des Publikums. Unter der Regie Marrs erarbeitete er sich die Rolle des Hamlet (Shakespeare, „Hamlet“), die schon in Leipzig zu einer seiner besten Darstellungen wurde. Gastspiele in Hamburg, Weimar, Berlin und Wien machten ihn im dt. Sprachraum bekannt. In Wien gastierte er im Mai und Juni 1847 u. a. als Hamlet, Ferdinand (Schiller, „Kabale und Liebe“) und Max Piccolomini (ders., „Die Piccolomini“), konnte aber noch nicht ganz überzeugen. Im Mai 1848 gastierte er in diesen Rollen am Kgl. Schauspielhaus Berlin und wurde i. d. F. engag. 1850 holte ihn →Heinrich Laube gem. mit seiner Frau zu einem weiteren Gastspiel an das Burgtheater nach Wien. Diesmal führte der Erfolg, v. a. seine Darstellung des Mortimer (Schiller, „Maria Stuart“), zum Engagement. Nach Lösung seines Berliner Vertrags trat W. Ende April 1850 in der Titelrolle von Karl Gutzkows „Uriel Acosta“ sein Engagement als jugendl. Liebhaber und Held an. Seine attraktive, bühnenbeherrschende Erscheinung, verbunden mit einer außerordentl. kräftigen und wohlklingenden Stimme, unterstützten sein leidenschaftl. Spiel, das →Jakob Minor zufolge begeisterte, hinriss und erschütterte. Nach Laube war W. Ende der 1850er-Jahre „der erste tragische Heldenliebhaber der deutschen Bühne“. Figuren im zeitgenöss. Schauspiel lagen ihm jedoch bis auf wenige Ausnahmen wie Uriel Acosta, Essex (Laube, „Graf Essex“) oder Lord Rowland Rochester (Charlotte Birch-Pfeiffer, „Die Waise von Lowood“) weniger und solche im Lustspiel oder Konversationsstück gar nicht. Auch der Übergang ins ältere Charakterfach gelang ihm nicht ganz. Unerreicht als jugendl. Held und Liebhaber, konnte er als Lear (Shakespeare, „König Lear“) und Wallenstein (Schiller, „Die Piccolomini“), wenngleich vom Publikum gefeiert, nicht vollends überzeugen. Im Frühjahr 1868 erkrankte W. schwer. Bei seinem Wiederauftreten im Oktober 1869 als Wilhelm Tell (Schiller, „Wilhelm Tell“) wurde er vom Publikum stürm. gefeiert, aber sein Spiel hatte nicht mehr die einstige Kraft und Leidenschaft. Im April 1870 trat er das letzte Mal auf. W. war Ritter des Herzogl. Sachsen-Ernestin. Hausordens. Seine Frau Bertha W.-Unzelmann (geb. Berlin, Preußen/D, 29. 12. 1822; gest. Wien, 7. 3. 1858; evang. AB) entstammte einer Schauspielerfamilie. Sie beschloss 14-jährig, zur Bühne zu gehen, und debüt. nach intensivem Stud. im März 1842 als Louise mit Erfolg am Theater in Stettin. 1842/43 war sie am Königsstädt. Theater in Berlin engag. Es folgten Verpflichtungen an den Hoftheatern in Neustrelitz sowie in Dresden und ab September 1844 am Stadttheater in Bremen, wo sie bald zum Publikumsliebling wurde. 1845 erhielt sie ein zweijähriges Engagement im Fach der ersten Liebhaberin am Stadttheater Leipzig, wo sie v. a. als Gretchen in Goethes „Faust“ und als Valentine in Gustav Freytags gleichnamigem Schauspiel große Erfolge feierte. Nach zweijähriger Tätigkeit am Kgl. Hoftheater in Berlin wechselte sie 1850 gem. mit ihrem Gatten an das Hofburgtheater nach Wien. Dort war sie bis zu ihrem Tod engag., trat aber bereits im November 1854 aufgrund ihrer fortschreitenden Lungenerkrankung als Elfenkönigin Titania in Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ zum letzten Mal auf. W. war eine anmutige Erscheinung, die v. a. im Konversations- bzw. Salonstück erfolgreich war, obwohl auch in Wien das Gretchen ihre herausragendste Rolle blieb. Beeinträchtigt wurden ihre Leistungen durch ihre bescheidenen stimml. Mittel. Ihr Organ war nicht sehr kräftig, nur beschränkt modulationsfähig und ohne natürl. Wohllaut.

Weitere Rollen: Karl Moor (F. Schiller, Die Räuber); Don Carlos, Marquis Posa (ders., Don Carlos); Torquato Tasso (J. W. v. Goethe, Torquato Tasso); Faust (ders., Faust); Leontes (W. Shakespeare, Ein Wintermärchen); Macbeth (ders., Macbeth); Gf. Wetter vom Strahl (H. v. Kleist, Das Käthchen von Heilbronn); Leander (F. Grillparzer, Des Meeres und der Liebe Wellen). – Bertha W.-Unzelmann: Julia (W. Shakespeare, Romeo und Julia); Ophelia (ders., Hamlet); Emilia Galotti (G. E. Lessing, Emilia Galotti); Judith (C. Gutzkow, Uriel Acosta); Caroline Mathilde (H. Laube, Struensee).
L. (teils auch für Bertha W.-Unzelmann): Die Presse, FB (Abend-Bl.), Zwischen-Akt, 7., NFP, 7., 8., 26. 6. 1870; ADB; Alth, Burgtheater; Eisenberg, Bühne; oeml; Ulrich; Wurzbach; Dt. Bühnenalmanach 35, 1871, S. 108f.; O. G. Flüggen, Biograph. Bühnen-Lex. der Dt. Theater, 1892; J. Minor, Aus dem alten und neuen Burgtheater, 1920, S. 1ff. (m. B.); F. Eckard, Das Leipziger Stadttheater …, 1959, s. Reg.; 175 Jahre Burgtheater, o. J., passim (m. B.). – Bertha W.-Unzelmann: Die Presse, 9., 10., FB, 10. 3. 1858; Kosch, Theaterlex.; Dt. Bühnenalmanach 23, 1859, S. 82ff.
(E. Marktl)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 69, 2018), S. 409ff.
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