Wahle, Julius (1861–1940), Germanist

Wahle Julius, Germanist. Geb. Wien, 15. 2. 1861 (nicht 1862); gest. Dresden (D), 7. 11. 1940; mos. Sohn des Handelsagenten Jacob W. (1825–1883) und von Barbara (Bertha) W., geb. Schenk (1830–1911), Onkel der Hilfsass. von →Oskar Walzel an der TH Dresden Elsa Hirschel, geb. Glauber (geb. 12. 3. 1898; gest. KZ Auschwitz, Dt. Reich/PL, am oder nach dem 28. 10. 1944), die Victor Klemperer in seinen Tagebüchern erwähnt; unverheiratet. – W. legte 1880 die Matura am Schottengymn. in Wien ab und stud. anschließend an der dortigen Univ. dt. und klass. Philol. u. a. bei Erich Schmidt und →Jakob Minor sowie bei →Anton Bruckner Harmonielehre und Kontrapunkt. Bereits 1882 übernahm er die Bibl.geschäfte des Seminars für dt. Philol. bei Schmidt und →Richard Heinzel und prom. 1885 mit der Arbeit „Sprickmanns Eulalia und das literarische Nachleben der Emilia Galotti“ (unveröff.). Im selben Jahr wurde Schmidt Leiter des Goethe-Archivs in Weimar und nahm W. dorthin mit. Danach arbeitete er 1886–94 als wiss. Hilfsarbeiter am Goethe-Archiv Weimar (ab 1889 Goethe- und Schiller-Archiv), 1894–96 als besoldeter Ass. und betreute 1887–1919 als Gen.korrektor die Weimarer Goethe-Ausg. 1920–28 hatte er die Leitung des Goethe- und Schiller-Archivs inne; 1928 i. R. 1932 zog er zu seiner Nichte nach Dresden. Zu W.s Arbeitsschwerpunkten gehörte die Weimarer Klassik (Goethe, Schiller, Charlotte v. Stein). 1892 veröff. er „Das Weimarer Hoftheater unter Goethes Leitung“ und überarbeitete die 3. Aufl. der von Adolf Schöll hrsg. Ed. „Goethes Briefe an Frau von Stein“ (2 Bde., 1899–1900). 1922–32 war W. Mithrsg. der „Schriften der Goethe-Gesellschaft“ (gem. mit Victor Michels, ab Bd. 42 mit Julius Petersen). Zusammen mit Klemperer gab er 1924 die FS für Walzel „Vom Geiste neuer Literaturforschung“ heraus. 1908 erhielt er den Prof.titel. W. war 1886 Gründungsmitgl. der Goethe-Ges., Vorstandsmitgl. und Mitgl. des geschäftsführenden Ausschusses, 1931 Ehrenmitgl. 1933 schied er offiziell aus der Goethe-Ges. aus, wurde stilles Mitgl. und kündigte später auf Druck der Nationalsozialisten seine Mitgl.schaft. 1891 Mitgl. der Shakespeare-Ges. Weimar (1933 „freiwilliger“ Austritt), 1892 Mitgl. und bis 1899 Schriftführer im Allg. Richard-Wagner-Ver., Zweigver. Weimar, wurde ihm 1910 als Erstem die Goldene Goethe-Medaille verliehen.

Weitere W. (s. auch Internationales Germanistenlex.): Ed.: Ged. Goethes an Frau v. Stein. In Faksimilenachbildung, 1924; Vimariensia für M. Hecker, 1930.
L.: Kürschner, Gel.Kal., 1931; Wer istʼs?, 1935; Funde und Forschungen. Eine Festgabe für J. W. …, ed. M. Hecker, 1921; J. Hecker, in: Goethe-Jb. 114, 1997, S. 327ff.; Internationales Germanistenlex. 1800–1950, 3, 2003 (m. W.); K. Ellermann, Weimar den Vorzug zu sichern … Aus der Geschichte des Goethe- und Schiller-Archivs von 1885 bis 1945, 2011, S. 75ff. (m. B.); P. Kahl, Die Erfindung des Dichterhauses. Das Goethe-Nationalmus. in Weimar, 2015, s. Reg.; Website Juden in Mittelsachsen (m. B., Zugriff 27. 9. 2017); UA, Wien.
(I. Nawrocka)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 69, 2018), S. 420
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