Wahrmann, Izrael (Israel) (1755–1826), Rabbiner

Wahrmann Izrael (Israel), Rabbiner. Geb. Altofen (Budapest, H), 1755; gest. Pest (Budapest, H), 24. 6. 1826. Sohn des Händlers Salamon W., Vater von Juda (Jehuda) W. und Dávid József W. (beide s. u.) sowie des Großhändlers Wolf Mayer W. (geb. Bodrogkeresztúr, H, 1795; gest. Pest, 15. 11. 1859), des Kaufmanns Ede (Jecheszkel) W. (geb. Bodrogkeresztúr, 1796; gest. Pest, 19. 2. 1870) sowie des Oberkantors der israelit. Gmd. Altofen Ábrahám Salamon W. (geb. Pest, 1809; gest. Budapest, 6. 11. 1893), Großvater von →Mór W. sowie des Philanthropen und Publizisten Sándor (Alexander) W. (geb. 2. 7. 1839; gest. Budapest, 11. 3. 1899); verheiratet mit der aus dem Kom. Zemplén stammenden wohlhabenden Kaufmannstochter Rahel (Regina) W. (geb. 1766). – Mit 13 Jahren begann W. ein achtjähriges Talmudstud. bei den Rabb. Eleasar Kalir in Rechnitz und Meyer Barby in Pressburg, anschließend besuchte er vier Jahre lang die Jeschiwa von Serach Eidlitz in Prag und machte sich auch mit der neuhebr. Literatur vertraut. Für das Erlangen des Rabbinatdiploms (Hattara) verbrachte er ein zusätzl. Jahr bei dem Rabb. Josef ha-Zadik (Falkenfeld) in Posen. Nach seiner Eheschließung bekleidete W. 1785–99 das Rabbinat im nordostung. Bodrogkeresztúr. Die dynam. wachsende Pester jüd. Gmd. wählte ihn 1799 zu ihrem ersten eigenen Rabb., um sich aus der Bevormundung durch das benachbarte Altofen zu lösen. Ab seinem Amtsantritt 1802 bis zu seinem Tod baute W. erfolgreich die religiösen, schul. und karitativen Einrichtungen der Gmd., die erst 1833 rechtl. anerkannt wurde, aus. Bei seinen zahlreichen Neuerungen war er um Wahrung eines Gleichgewichts zwischen den Erfordernissen der jüd. Aufklärung und den Werten des rabbin. Judentums bemüht. In der von ihm geschaffenen inneren Organisation kam dem Rabb. eine starke Position gegenüber den gewählten Gmd.deputierten zu. Die 1814 gegr. öff. israelit. Nationalschule in Pest vermittelte überwiegend säkulare Bildungsinhalte. Als Gegengewicht führte W. Sabbatgottesdienste für Mittel- und Hochschüler ein und erwirkte 1825 ein Hofkanzleidekret, das jüd. Gymnasiasten in Ungarn einen israelit. Religionsunterricht als Bedingung für den Besuch christl.-konfessioneller Schulen vorschrieb. Sein Sohn Juda (Jehuda) W. (geb. Bodrogkeresztúr, 1791; gest. Pest, 15. 11. 1868) war mit der wohlhabenden und gebildeten Seraphine Schlutzker verheiratet. Er hörte an der Univ. Pest phil.-ästhet. Vorlesungen bei →Lajos János Schedius und stud. dort auch Hebr. Während eines Prager Stud.aufenthalts veröff. er in den 1820er-Jahren erste literar. Versuche im Jb. „Bikkuré ha-Ittim“. Nach seiner Rückkehr nach Ungarn publ. er auf Hebr. 1831 sein poet. Hauptwerk, „Ma’areket ha-ha’tāqōt“ („System der Tropen“). Seine Vermählung führte ihn 1833 ins galiz. Jaroslau, wo er das ihm angetragene Kreisrabbinat ablehnte. Da ab 1840 kaufmänn. und unternehmer. Beteiligungen in Miskolcz und Pest missglückten, übernahm er 1845 die Leitung der Vereinigten israelit. Normalschule in Altofen. Während der Revolution von 1848 übersiedelte er wieder nach Pest und verlor sein gesamtes Vermögen. 1850 wurde W. zum Rabbinatsbeisitzer der Pester IKG gewählt und im Folgejahr mit dem Religionsunterricht für jüd. Gymnasiasten beauftragt. Auf Grundlage seiner pädagog. Erfahrung veröff. er ein zeitgemäßes, Glauben und Wissen vereinigendes Religionslehrbuch und publ. in mehreren (auch ausländ.) jüd. Z. pädagog. und literar. Aufsätze. Ein weiterer Sohn W.s, Dávid József W. (geb. Bodrogkeresztúr, 1793; gest. Großwardein, Ungarn / Oradea, RO, 27. 2. 1852), war in 1. Ehe mit Mindel Hiller, in 2. mit Lea Hiller verheiratet. Er stud. an der Univ. Pest und war der erste ung. prom. Rabb. Seine talmud.-rabbin. Stud. lassen sich jedoch nicht genau nachweisen. Er wirkte als Rabb. im galiz. Wiśnicz, wo er auch ein Gut pachtete. Infolge seiner wirtschaftl. Aktivitäten nahm er die – nicht zuletzt von seiner verwitweten Mutter forcierte – Wahl zum Rabb. von Pest (1829) nicht an, um 1840 lehnte er auch das ihm angetragene mähr. Landesrabbinat ab. Angesichts der drückenden Verhältnisse in Galizien entschloss er sich nach zweijährigem Zuwarten schließl. 1842, dem Ruf der angesehenen IKG von Großwardein, der auf Druck der Kom.verwaltung zustandekam, zu folgen. Fehlende religiöse wie schul. Initiativen, seine elitären latein. öff. Festreden sowie häufige Erkrankungen verhinderten jedoch unter seinem Rabbinat weitgehend eine Überbrückung der lokalen Gegensätze zwischen orthodoxem und fortschrittl. Judentum.

W.: Predigt zur Erweckung der Mildthätigkeit seiner Gmd. ... den 1. Febr. 1806, 1806; Patriot. Blume zur Siegesfeyer, welche wegen des am 18. u. 19. Oct. 1813 … erfochtenen … Sieges … gehalten wurde, 1814; Andachtsübung der Israeliten der kön. Freystadt Pesth zur Feyer des glückl. Tages, an dem ... unser K. Franz I., mit des K. von Russland und des Kg. von Preußen Majestäten, ... diese Stadt mit ihrem Besuche beehrten …, 1814. – Juda W.: Mos. Religionslehre, zum Gebrauche für höhere Schulen, 1860, 2. Aufl. 1868.
L. (tw. auch für Juda W. u. Dávid József W.): Enc. Jud.; Jew. Enc.; M. Zsidó Lex.; Szinnyei; Wurzbach; Á. Hochmuth, in: Die Neuzeit. WS für polit., religiöse und Cultur-Interessen 8, 1868, S. 610f.; Zs. Groszmann, in: Magyar Zsidó Szemle 49, 1932, S. 280ff.; A tegnap városa: A nagyváradi zsidóság emlékkönyve, ed. D. Schön, 1981, S. 446; K. Frojimovics u. a., Jewish Budapest, 1999, S. 597; V. Bányai, Zsidó oktatásügy Magyarországon, 1780–1850, 2005, S. 287; J. Richers, Jüd. Budapest, 2009, s. Reg.
(I. Ress)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 69, 2018), S. 421f.
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