Wahrmann, Mór (Moritz) (1832–1892), Politiker, Funktionär und Unternehmer

Wahrmann Mór (Moritz), Politiker, Funktionär und Unternehmer. Geb. Pest (Budapest, H), 29. 2. 1832; gest. Budapest (H), 26. 11. 1892; mos. Enkel von →Izrael W., Sohn des Großhändlers Wolf Mayer W. (geb. Bodrogkeresztúr, H, 1795; gest. Pest, 15. 11. 1859) und dessen Frau Regina W., geb. Weisz, Bruder des Philanthropen und Publizisten Sándor (Alexander) W. (geb. 2. 7. 1839; gest. Budapest, 11. 3. 1899); verheiratet mit Lujza W., geb. Gold. – W. absolv. 1842–45 als Privatschüler das evang.-luther. Gymn. in Pest. Nach zweijährigem Stud. an der phil. Fak. der dortigen Univ. trat er 1847 in den väterl. Textilgroßhandel ein und wurde 1852 Prokurist sowie 1858 Teilhaber der Fa. Wahrmann & Sohn. Nach dem Tod des Vaters intensivierte W. seine vielfältigen wirtschaftl. Aktivitäten (Bank- und Wechselgeschäfte inklusive einer Filiale in Wien, Beteiligung an der Gründung von Dampfmühlen und Banken, Investitionen in die Metallind.). Nach Umwandlung der Eisengießerei und Maschinenfabrik Ganz in eine AG 1869 gehörte W. langfristig dem Leitungsgremium an und avancierte 1887 zum Präs. des technolog. innovativen Vorzeigeunternehmens. Das Bankgeschäft wurde 1872 an seinen Prokuristen veräußert, während im Zuge von Güterverkäufen anlässl. der fürstl. Esterházyʼschen Sequestration ein beträchtl. landwirtschaftl. Grundbesitz in sein Eigentum überging. W. gehörte ab 1865 zu den drei Dir. der Pester-Lloyd-Ges., ab 1877 fungierte er als Präses. Ab 1891 stand er auch der Budapester HGK vor. Zudem war er Mitbegründer der Pester Handelsakad. (1857) und saß als Kassier (1861) bzw. Vizepräs. (1888) im Leitungsgremium der Schule. 1867 erregte seine Artikelser. über die Wichtigkeit eines selbstständigen ung. Finanzmarkts in polit. Kreisen große Aufmerksamkeit. In Anerkennung seiner Fachkenntnisse und als Konsequenz der jüd. Emanzipation wurde 1869 seine Kandidatur für den ung. RT von →Franz v. Deák mit wohlwollender Zustimmung angenommen. In Pest, der Hochburg des emanzipierten jüd. Bürgertums, wurde W. achtmal zum Abg. gewählt. In der liberalen Regierungspartei wirkte er als Experte für Finanz- und Volkswirtschaftsfragen, doch setzte er im Dezember 1878 aus Protest gegen die Finanzlasten der bosn. Okkupation seine Fraktionszugehörigkeit für ein Jahr aus. Trotz des Bestrebens nach Ausbau der ung. finanz- und wirtschaftspolit. Selbstständigkeit hielt er als überzeugter „67er“ konsequent an der dualist. Staatsform und einem einheitl. Zollgebiet für Österr.-Ungarn fest. Erwähnenswert sind v. a. sein gem. mit dem Ofener Bgm. Ferenc Házmán eingebrachter Antrag betreffend die Vereinigung der Städte Pest, Ofen und Altofen zur Reichshauptstadt Budapest (1870) sowie sein Kampf gegen antisemit. Anfeindungen und die dadurch ausgelösten Pistolenduelle mit Győző v. Istóczy (1882). Nicht zuletzt von der Aufbruchsstimmung der 1860er-Jahre inspiriert, unterstützte W. die Emanzipation des städt. Judentums. Durch religiöse Erneuerung, sprachl. Magyarisierung des Gmd.wesens und Identifikation mit dem ung.-nationalen Selbstverständnis sollte im Wege der rechtl. Gleichstellung eine vollständige Integration des Judentums in die ung. Ges. erreicht werden. Der Landeskongress der ung. Israeliten 1868–69, auf dem er als Vizepräs. an der Spitze einer Deputation Kg. →Franz Joseph I. huldigte und einen kämpfer. reformgesinnten Standpunkt einnahm, konnte jedoch keine einheitl. Organisationsstruktur schaffen, nur rund die Hälfte der Gmd. schloss sich der neolog. Richtung an. 1883 wurde W. zum Präs. der Pester IKG gewählt. In seiner Amtszeit entstanden der Neubau des israelit. Spitals (1889) sowie das Lehrlingshaus des jüd. Handwerker- und Ackerbau-Ver. (1892). Der Philanthrop W. förderte als Mäzen Einrichtungen und Projekte auf den Gebieten Literatur, Geschichtswiss. und Kunst, als Musikbegeisterter war er 1880–88 im Verw.R. der Budapester Musikakad. aktiv. Testamentar. bedachte er die Handelsakad. und die MTA mit bedeutenden Stiftungen. In fünfjährigem Abstand wurde 1897–1933 der W.-Preis vergeben, der seit 2003 erneut ausgeschrieben wird. Eine der wenigen Ausz., die ihm verliehen wurden, war der osman. Mecidiye-Orden (1883).

W.: A lipótvárosi választókerület polgáraihoz. W. M. beszéde, 1884.
L.: Enc. Jud.; M. Életr. Lex.; M. Zsidó Lex.; Pallas; Révai; Szinnyei; ÚMÉL; Wurzbach; A. Kellér, Mayer Wolf fia. (W. M. életregénye), (1941), S. 47; Th. Domján, in: Ungarn-Jb. 1, 1969, S. 139ff.; K. Vörös, in: Jews in the Hungarian Economy 1760–1945, ed. M. K. Silber, 1992, S. 187ff.; Gy. Kövér, in: Eliten und Außenseiter in Österr. und Ungarn, ed. W. Heindl u. a., 2001, S. 79ff.; T. Frank, Honszeretet és felekezeti hűség. W. M. 1831–92, 2006; M. Gluck, in: The Hungarian Historical Review 3, 2014, S. 787ff. (m. B.).
(I. Ress)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 69, 2018), S. 422f.
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