Waissnix (Waißnix), Alois (Robert) (1820–1913), Industrieller, Großgrundbesitzer und Hotelier

Waissnix (Waißnix) Alois (Robert), Industrieller, Großgrundbesitzer und Hotelier. Geb. Reichenau (Reichenau an der Rax, NÖ), 29. 12. 1820; gest. ebd., 17. 2. 1913; röm.-kath. Sohn des Unternehmers und Hoteliers Ignaz W. (geb. Reichenau, 16. 7. 1789; gest. ebd., 14. 3. 1858), der 1836 eine Rollgerstenerzeugung begründete, und von Anna W., geb. Pollereß (geb. 1778; gest. 27. 7. 1856), Bruder des Unternehmers und Hoteliers (Johann) Michael W. (s. u.), Vater von Karl W. (s. u.) und Wilhelmine Prießnitz, geb. W. (geb. 28. 11. 1848; gest. 29. 12. 1931), der Schwiegertochter von →Vinzenz Prießnitz, dessen Kaltwasser-Heilverfahren auch in der Reichenauer Kuranstalt der Familie W. angewendet wurde, Schwiegervater von →Olga (I.) W., Onkel des Landwirts Johann Michael (Mischko) W. (geb. 19. 9. 1855; gest. 2. 1. 1908), der ab 1886 Geschäftsführer der den Erben nach seinem Vater gehörenden Unternehmungen sowie Gründungsmitgl. der Ges. der Musikfreunde in Reichenau war, Großvater von Ludwig W. (geb. 19. 1. 1883; gest. Neunkirchen, NÖ, 15. 11. 1939, Unfall), Urgroßvater von →Olga (II.) W. (s. u. Olga I. W.); verheiratet mit Maria W., geb. Spitzer (geb. 2. 2. 1829; gest. 4. 1. 1903). – Ab 1839 führte W. gem. mit seinem Bruder die Fa. Gebrüder Waissnix, Mahl- und Sägemüller und Rollgerstenerzeuger. Um 1846 übernahmen sie den Gasthof Thalhof in Reichenau, die Mühle mit der Rollgerstenerzeugung und die Landwirtschaft mit dem Forstbetrieb. Sie erwarben auch Immobilien in Wien, Neuberg an der Mürz sowie Leoben. W. nahm bisweilen an den Jagdausflügen K. →Franz Josephs I. teil, der wie weitere namhafte Gäste aus Adel, Wiss., Großbürgertum und Kultur, u. a. →Ferdinand Raimund, →Eduard v. Bauernfeld, Friedrich Halm (→Eligius Franz Josef Frh. Münch v. Bellinghausen) und Nikolaus Lenau (→Nikolaus Franz Niembsch v. Strehlenau), im Thalhof logierte. Die Brüder erwarben gem. das Gut Auf der Waag und errichteten dort ab 1856 die Kaiservilla (später Rudolfsvilla). Auf Anregung von →Ferdinand v. Hebra eröffneten die Brüder 1866 das Rudolfsbad, die erste Kaltwasser- und Molken-Kuranstalt der Monarchie, mit über 100 Gästezimmern, Räumlichkeiten für therapeut. Behandlungen sowie Sälen für Bälle und andere Unterhaltungen der Kurgäste. Bereits 1868 wurde die Molkenvilla mit weiteren 33 Gästezimmern errichtet. 1870 erwarben die Brüder das Schloss Reichenau. W. gründete 1872 mit seinem Bruder die Sparkasse Reichenau und fungierte 35 Jahre lang als Dir., Michael W. als Kanzleidir. Bis 1875 wurden die Betriebstle. von den Brüdern abwechselnd geleitet. 1867–80 errichteten diese vier Holzschleifwerke sowie 1877/78 eine Zellulosefabrik und erhielten Privilegien für einen Holzstoff-Sortier-Apparat und eine Holzstoff-Entwässerungsanlage. Die Rollgerstenproduktion mit über 100 Arbeitskräften bildete die wichtigste Grundlage für den Wohlstand der Familie. 1875 liefen die Privilegien ab, was zum Rückgang der Rollgersten-Erzeugung führte. Als man im selben Jahr das Vermögen aufteilte, bekam W., 1870–73 und 1883–87 Bgm. von Reichenau, den Thalhof, die Mühle, das Rollgerstenwerk und weiteren Grundbesitz. 1880 übergab er seinem Sohn Karl W. das Hotel, leitete jedoch die übrigen Betriebe selbst weiter. 1885 wurde die Fa. Holzstoff- und Holzdeckelfabrik der Gebrüder Waissnix in Gloggnitz sowie die Mehl- und Rollgerstenfabrik Gebrüder Waissnix in Reichenau gelöscht. Das Unternehmen führte W., der als Erster in NÖ eine Mühle mit Turbinen betrieb, als Mehl-Rollgersten- und Holzstofffabrik Gebrüder Waissnix allein weiter; 1889 wurde das Rollgerstenwerk stillgelegt. 1871 erhielt er das Goldene Verdienstkreuz mit der Krone und 1908 den Ehrentitel k. Rat verliehen. W.’ Bruder, der Unternehmer und Hotelier (Johann) Michael (Mischka) W. (geb. Reichenau, 8. 9. 1817; gest. ebd., 21. 9. 1882; röm.-kath.), war 1860–70 Bgm. der Großgmd. Reichenau-Payerbach und zeichnete 1861 u. a. für den Bau des Gmd.hauses von Reichenau verantwortl. Er förderte den Ausbau der tourist. Infrastruktur. Unter ihm entstanden zahlreiche kommunale Einrichtungen. Michael W., der ab ca. 1874 mit seiner Familie das Schloss bewohnte, eröffnete 1877 ein Schlossgasthaus, errichtete 1878 ein Schwimmbad im Schlosspark und betrieb ab diesem Jahr eine Sodawassererzeugung. Bei der Vermögensteilung 1875 erhielt er das Schloss Reichenau samt Nebengebäuden, das Kurhaus und die Rudolfsvilla sowie weitere Grundstücke. In seinen letzten Lebensjahren leitete er die Kuranstalt Rudolfsvilla. 1869 verlieh ihm der Papst das Ritterkreuz des Silvesterordens. W.’ Sohn, der Hotelier und Landwirt Karl (Charles) W. (geb. Reichenau, 9. 12. 1851; gest. ebd., 25. 4. 1943; röm.-kath.), war in 1. Ehe ab 1881 mit Olga (I.) W., in 2. Ehe mit Magda W., geb. Scholz (geb. 27. 5. 1885; gest. 7. 3. 1967), verheiratet. Ab 1880 Besitzer des Hotels Thalhof, das er um einen neuen Trakt erweiterte und in einen mondänen Ort für städt. Bonvivants verwandelte, wo das geistige und kulturelle Wien, der Adel und das Großbürgertum, z. B. →Bertha Freifrau v. Suttner, →Georg Heinrich Mautner v. Markhof, Peter Altenberg (→Richard Engländer), →Theodor Herzl, →Eduard Sueß, →Gustav Pick und Angehörige der Familie Rothschild, logierten. W. förderte den Fremdenverkehr und war 1893–95 Obmann der Ges. der Musikfreunde in Reichenau. 1913 übernahm Ludwig W. die Mahl-Rollgerste- und Holzstofffabrik von seinem Vater. 1924 wurde die Fabrik mit Zweigniederlagen in Leoben, Trofaiach, Mürzzuschlag, Neuberg und Judenburg aufgelassen. Im 2. Weltkrieg wurde im Thalhof ein Notspital eingerichtet.

L. (tw. auch für Michael W. und Karl W.): NFP, 17., 18. (Parte) 2. 1913; Wurzbach; F. C. Weidmann, Die Feier der Einweihung … der von …. M. und A. W. errichteten Kaltwasser-Heilanstalt Rudolfsbad in Reichenau, 1866; Sport und Salon 4, 1901, S. 19 (m. B.); R. Pap, in: Die Eroberung der Landschaft. Semmering Rax Schneeberg, ed. W. Kos, Wien 1992, S. 480ff. (Kat.); H. Averbeck, Von der Kaltwasserkur bis zur physikal. Therapie …, 2012, s. Reg.; W. Maca, Alpingeschichte kurz und bündig. Reichenau an der Rax, 2013, S. 18f., 29, 32, 46; J. R. Pap, Der Thalhof bei Reichenau a. d. Rax, 2015, s. Reg. (m. B.); Zedhia, Zentraleurop. digitales wirtschafts- und gesellschaftshist. interaktives Archiv (online, Zugriff 5. 9. 2017); Pfarre Reichenau an der Rax, NÖ.
(H. Vinzenz)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 69, 2018), S. 427ff.
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