Waissnix (Waißnix), Olga (I.); geb. Schneider (1862–1897), Hotelbesitzerin

Waissnix (Waißnix) Olga (I.), geb. Schneider, Hotelbesitzerin. Geb. Wien, 3. 11. 1862; gest. ebd., 4. 11. 1897. Tochter des Gastwirts und Besitzers des Stephanskellers Ludwig Schneider (geb. 1835; gest. Vöslau/Bad Vöslau, NÖ, 22. 2. 1913; röm.-kath.), dessen Familie ab 1841 das Restaurant im Bahnhof der Wien-Raaber Bahn, später Südbahn-Restauration, gepachtet hatte, und von Franziska Schneider, geb. Schamberger (1832–1878), Mutter des Juristen und Statthaltereikonzeptspraktikanten Karl W. (geb. 11. 11. 1881; gest. Imst, Tirol, 2. 6. 1912, Unfall), von Ludwig W. (geb. 19. 1. 1883; gest. Neunkirchen, NÖ, 25. 11. 1939, Unfall) und Rudolf W. (geb. 13. 12. 1885; gest. 1937), Großmutter der Hotelbesitzerin Olga (II.) W. (s. u.) und von Elisabeth W. (geb. 25. 11. 1917; gest. Prein/ Prein an der Rax, NÖ, 26. 4. 1945, hingerichtet); ab 1881 mit →Karl W. verheiratet. – W. absolv. eine Kochlehre im Familienbetrieb am Südbahnhof. Durch ihre Heirat Wirtin des Thalhofs, des Nobelhotels der Familie W. in Reichenau, war sie an Kunst und Kultur interessiert. W. zählte u. a. den Maler und Karikaturisten Rudi Pick, Sohn von →Gustav Pick, zu ihren Verehrern. Peter Altenberg (→Richard Engländer), der von ihrem eifersüchtigen Ehemann des Hauses verwiesen wurde, widmete W. nach ihrem Tod die Skizze „Wie wunderbar“ ab der 4. Aufl. von „Wie ich es sehe“ (Erstausg. 1896). Von seiner Begegnung mit ihr im April 1886 in Meran, aus der eine enge Freundschaft – „Das Abenteuer seines Lebens“ (Lustspiel, 1888) – entstehen sollte, erzählt →Arthur Schnitzler in seiner Autobiographie „Jugend in Wien“ (1968), in der der Thalhof mehrfache Erwähnung findet. Für ein Geburtstagsfest Anfang September 1886 verf. der noch unbekannte Autor das „Thalhof-Festspiel“, bei dem er und W. Rollen übernahmen. Schnitzler besuchte W. im Sanatorium Loew in Wien; die letzte Begegnung fand Ende September 1897 in Bad Vöslau in ihrer elterl. Villa statt. W.ʼ Briefwechsel mit Schnitzler, der sich in seinem Nachlass im Dt. Literaturarchiv Marbach befindet, wurde erstmals 1970 (im Anhang das „Thalhof-Festspiel“) veröff. Ihre Enkelin Olga (II.) W. (geb. Reichenau/Reichenau an der Rax, NÖ, 27. 11. 1918; gest. Prein, 26. 4. 1945, hingerichtet; röm.-kath.), die aus der Ehe Ludwig W.ʼ mit Natalie W., geb. Freischberger (geb. 22. 8. 1898), stammte, wuchs nach der Scheidung ihrer Eltern gem. mit ihrer Schwester Elisabeth bei ihrer Mutter auf. Nach dem Tod des Vaters kehrte sie als Miterbin des Hotels und Wirtschaftsbetriebs Thalhof aus dem Ausland nach Reichenau zurück. Dem Betrieb wurde 1940 eine Gruppe von französ. Kriegsgefangenen als Arbeitskräfte zugeteilt. Olga (II.) W. berichtete über ihre Sympathien zu diesen bzw. ihre Abneigung gegen das nationalsozialist. Regime in einem Brief an ihren Verlobten, der den Behörden in die Hände fiel. Im Februar 1941 wurde W. festgenommen und gegen sie ein Verfahren wegen verbotenen Umgangs mit Kriegsgefangenen eröffnet. Sie wurde vorerst zu einer sechswöchigen Haftstrafe verurteilt, die in der Berufung auf drei Monate erhöht wurde. Anfang April 1945 nahm man Olga (II.) W. im Zuge einer von lokalen NS-Funktionären durchgeführten Verhaftungswelle gem. mit anderen Oppositionellen, unter ihnen ihre Schwester, fest und verbrachte sie zunächst nach Schwarzau im Gebirge, von wo sie nach St. Pölten zur Gestapo überstellt wurden. Angesichts des unmittelbar bevorstehenden Einrückens der sowjet. Armee in die Stadt ließ man die Häftlinge frei. Trotz Warnungen kehrte Olga (II.) W. nach Reichenau zurück, wurde im selben Monat erneut festgenommen und nach Prein eskortiert. Drei Tage später erschossen jugendl. Angehörige eines Sonderkmdo. des „Volkssturms“ Olga (II.) W., Elisabeth W. sowie weitere Frauen im Keller des Hotels Kaiserhof.

W.: A. Schnitzler – O. W., Liebe, die starb vor der Zeit. Ein Briefwechsel, ed. T. Nickl – H. Schnitzler, 2. Aufl. 1981 (m. B.).
L.: NFP, 7. 11. 1897 (Parte); R. Wagner, Frauen um A. Schnitzler, 1980, S. 43ff.; A. Schnitzler: sein Leben, sein Werk, seine Zeit, ed. H. Schnitzler u. a., 1981, s. Reg.; R. Pap, in: Die Eroberung der Landschaft. Semmering Rax Schneeberg, ed. W. Kos, Wien 1992, S. 477ff. (Kat.); U. Weinzierl, A. Schnitzler. Lieben Träumen Sterben, 1994, s. Reg. (m. B.); A. Ch. Angsüsser, Reichenau und die Familie W., DA Wien, 1996, S. 54ff.; A. Schnitzler, Tagebuch 1931. Gesamtverzeichnisse 1879–1931, 2000; B. Marxer, „Liebesbriefe, und was nun einmal so genannt wird“. Korrespondenzen zwischen A. Schnitzler, O. W. und M. Reinhard, 2001; E.-J. Harriet, Die unvollendete Geliebte. O. W. & A. Schnitzler, 2015; J. R. Pap, Der Thalhof bei Reichenau, 2015, s. Reg. (m. B.). – Olga (II.) W.: M. Zellhofer, Die NS-Morde und -Standgerichtsfälle in Schwarzau im Gebirge und Umgebung im April/ Mai 1945 im Lichte des Volksgerichtsverfahrens 1945–48, DA Wien, 2008, passim; Gedenken und Mahnen in NÖ, ed. H. Arnberger – C. Kuretsidis-Haider, 2011, S. 391; J. R. Pap, Der Thalhof bei Reichenau an der Rax, 2015, s. Reg.; A. Kermer, Erinnerungen aus dem Schwarzatal in schwerster Zeit, ed. H. Scherzer, 2016, passim; biografiA. Lex. österr. Frauen 3, 2016; AVA, DÖW, beide Wien.
(I. Nawrocka – Ch. Kanzler)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 69, 2018), S. 429f.
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