Wakonigg, Wilhelm (1875–1936), Diplomat und Unternehmer

Wakonigg Wilhelm, Diplomat und Unternehmer. Geb. Littai, Krain (Litija, SLO), 30. 4. 1875; gest. Zamudio (E), 19. 11. 1936 (hingerichtet); röm.-kath. Sohn des Kaufmanns Johann W. und dessen Frau Rosalia W., geb. Hummer; ab 1905 verheiratet mit Elisa Poirer. – Nach dem Besuch des Gymn. in Laibach (Matura 1892) stud. W. ab 1892 techn. Chemie an der TH Graz (Abschluss 1896). Nach mehreren Jahren Berufstätigkeit in metallverarbeitenden Betrieben wurde er 1901 als Leiter des techn. Büros der Fa. H. Poetter Co. nach Bilbao entsandt. Über seine Frau erlangte W. Zutritt in die führenden Kreise der Stadt. I. d. F. vertrat er mehrere dt. Bergbau- und Rüstungsunternehmen in der Region, u. a. die Gelsenkirchener Bergwerks-AG. Im Juni 1914 erfolgte seine Ernennung zum Hon.vizekonsul und im Jänner 1916 jene zum Hon.konsul. Gerüchte über eine angebl. Spionagetätigkeit im 1. Weltkrieg lassen sich nicht bestätigen. Nach Kriegsende stand W. in enger Beziehung zum Haus Habsburg. So war er an der Sammelaktion für den Kauf des Palacio Uribarren in Lequeitio beteiligt, der ab 1922 Ex-Kn. Zita – der Taufpatin seiner jüngsten Tochter – als Bleibe diente. Trotz Liquidation des österr. Konsulats in Bilbao im Herbst 1919 gab W. sich weiterhin als offizieller Vertreter Österr. aus. Nach Ausbruch des span. Bürgerkriegs stellte er österr. und ung. Pässe für bedrohte Nationalisten aus und betätigte sich als Fluchthelfer für zahlreiche prominente Falangisten. Zudem sammelte er geheime Informationen aus den Bereichen Wirtschaft, Politik und Kriegsführung. Im Zuge einer Reise W.s nach Saint-Jean-de-Luz, den Sitz des obersten Militärrats der mit Franco verbündeten Carlisten, deckten Beamte der bask. Regierung im Oktober 1936 seinen Versuch auf, geheime Militärunterlagen und Devisen außer Landes zu bringen. Nachdem die Durchsuchung seines Büros weitere Beweise zutage gefördert hatte, folgte eine Anklage wegen Hochverrats. Der Prozess verlief unter großer medialer Beachtung und fand nicht zuletzt bei George L. Steer („The Tree of Gernika“, 1938) und Hermann Kesten („Die Kinder von Gernika“, 1985) literar. Niederschlag. Versuchte diplomat. Einflussnahmen mehrerer Länder blieben erfolglos, zumal auch W.s tatsächl. Staatsbürgerschaft zweifelhaft blieb und insbes. Österr. deshalb kein Interesse an einer Verwicklung in den Fall hatte. W. wurde schließl. gem. mit zwei Mittätern, dem Hon.konsul von Paraguay, Federico Martinet Arias, und dem Mjr. Josè Anglada, an der Friedhofsmauer von Zamudio bei Bilbao durch Erschießung hingerichtet.

L.: I. Niebel, Al infierno o a la gloria. Vida y muerte del ex consul y espía W. W. en Bilbao 1900–36, 2009; R. Agstner, Hdb. des Österr. Auswärtigen Dienstes 1, 2015, S. 449f.; J. Matscheko, Auf Francos Seite. Österreicher in den Reihen der Faschisten im Span. Bürgerkrieg, 2015, s. Reg.; AdR, Wien; TU, Graz, Stmk.
(J. Matscheko)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 69, 2018), S. 431
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