Walcher von Molthein, Humbert Ritter (1865–1926), Architekt

Walcher von Molthein Humbert Ritter, Architekt. Geb. Wien, 12. 9. 1865; gest. Schloss Fürstenstein, Dt. Reich (Zamek Książ, PL), 22. 2. 1926; röm.-kath. Sohn von →Leopold Ritter W. v. M. (s. u. Alfred Ritter W. v. M.), Bruder von →Alfred Ritter W. v. M. – W. inskribierte 1886–90 an der Bauschule der Wr. TH und trat bald in die Baupraxis ein. Erste Erfahrungen erlangte er im Atelier von →Ferdinand Fellner d. J. und →Hermann Helmer bei dem Bau des Zürcher Stadttheaters (heute Opernhaus, 1890–91). Bes. Einfluss übte aber →Karl Gangolf Kayser auf ihn aus, der ihn beim Wiederaufbau mittelalterl. Burgen einsetzte, was später sein Lebensinhalt wurde. 1892–93 vervollständigte W. seine Ausbildung an der Wr. ABK in der Spezialschule für Architektur des „letzten Gothikers“ →Victor Luntz. Nach Kaysers Tod 1895 übernahm er dessen große Aufträge in NÖ: Er vollendete den Wiederaufbau der Burgen Liechtenstein (bis 1903), Hardegg (bis 1905) und v. a. der umfangreichen, Johann Nepomuk Gf. Wilczek gehörenden Burg Kreuzenstein (bis 1906). Nach 1900 renovierte er weiters zahlreiche Burgen und Schlösser in NÖ (Ernstbrunn, Leesdorf) und Böhmen (Bösig, Častolowitz, Rotlhota, Neuhaus, Konopischt, Pürglitz, Slatinian). An manchen dieser Orte arbeitete er mehrere Jahre, am längsten in Neuhaus, wo sich die Arbeit bis in die 1920er-Jahre erstreckte. Nach 1910 erhielt er seinen größten Auftrag, den Ausbau des riesigen niederschles. Schlosses Fürstenstein im Stil der dt. Renaissance, womit er bis zu seinem Lebensende beschäftigt war. Dazu übersiedelte er nach Preuß.-Schlesien, wo er u. a. auch die Schlösser Karlsruhe und Falkenburg restaurierte. Unter W.s Werken finden sich nur selten Neubauten wie die Villa von Theodor Frh. v. Liebieg in Reichenberg, die 1897–98 im burgartigen Stil nach Entwürfen von W. und dem Reichenberger Architekten Karl Lederle gestaltet wurde. In Wien richtete W. 1906 die Räumlichkeiten des Urbani-Kellers im altdt. Stil ein. Zu seinen weiteren Arbeiten zählen die Pläne für die Restaurierung und Erweiterung der Stadttheater in Marienbad (vom Jugendstil geprägt) und Saaz (beide 1904). W., der für seine Wiederaufbauten von mittelalterl. oder frühneuzeitl. Burgen weithin bekannt war, stand in seinem Umgang mit Baudenkmalen den modernen Konservierungsmethoden nah. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Kayser ließ er alte Reste nach Möglichkeit bestehen und näherte sich in seinen Zubauten nicht nur in der Form, sondern auch in Konstruktion und Technik dem älteren Bau an.

Weitere W.: s. Architektenlex.
L.: RP, 2. 3. 1926; Thieme–Becker; Wr. Salonbl. 57, 1926, Nr. 5, S. 9; J. Kuthan, Aristokratická sídla období romantismu a historismu, 2001, s. Reg.; Enc. architektů, stavitelů, zedníků a kameníků v Čechách, ed. P. Vlček, 2004; H. Hambrusch, Kreuzenstein: Geschichte der Urburg und Neuaufbau des Gf. J. N. Wilczek …, Masterarbeit Wien, 2014, S. 34f.; A. Nierhaus, Kreuzenstein. Die mittelalterl. Burg als Konstruktion der Moderne, 2014, s. Reg.; Architektenlex. Wien 1770–1945 (m. W., nur online, Zugriff 14. 11. 2016); ABK, TU, beide Wien.
(V. Vostřelová)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 69, 2018), S. 435
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