Waldau, Alfred; eigentl. Jarosch Joseph Ignaz (1837–1882), Schriftsteller, Übersetzer und Kulturhistoriker

Waldau Alfred, eigentl. Jarosch Joseph Ignaz, Schriftsteller, Übersetzer und Kulturhistoriker. Geb. Petrowitz, Böhmen (Petrovice u Rakovníka, CZ), 25. 11. 1837; gest. Schatzlar, Böhmen (Žacléř, CZ), 3. 2. 1882. Sohn des Brauereiverwalters Josef Jarosch und der Aloisia Jarosch, geb. Pflanzer, Bruder von František Jaroš (1846–1929), der Theaterstücke schrieb und ins Tschech. übers., Onkel des Publizisten und Belletristen Gustav Jaroš-Gamma (1867–1948). – 1842 zog W. mit seiner Familie nach Rakonitz. 1847–49 war er Privatist am Prager Neustädter Gymn., 1849–50 besuchte er das Prämonstratensergymn. in Saaz, kehrte aber 1850 an das Neustädter Gymn. zurück. Nach der Matura 1857 besuchte er Vorlesungen an der jurid. Fak. der Univ. Prag, schloss das Stud. jedoch nicht ab. Nachdem sich journalist. Pläne zerschlagen hatten und nach Überwindung einer persönl. Krise trat W. 1863 in das Militär ein. I. d. F. wirkte er als Militärjurist, zuerst beim Auditoriat in Wien, 1864 als Oblt.-Auditor des 47. IR in Graz, 1866 in Triest. 1868 wurde er nach Agram zum Landesmilitärgericht, 1869 zum 6. Warasdiner Grenzrgt. nach Bjelovar versetzt und 1870 zum Hptm.-Auditor befördert. 1872 trat W. aus dem Militär aus und übersiedelte nach Schatzlar, wo er – frühzeitig pensioniert – als Notar in Zurückgezogenheit lebte. W.s vielseitiges und umfangreiches Schaffen umfasst dt.sprachige humorist. und Liebesdichtungen, Adaptionen exot. und heim. Sagen sowie Kurzprosa, kulturhist. Arbeiten zur böhm. Volkskde. (Aberglaube, Märchen, Sagen, Tänze, Sprüche), Kritiken sowie editor. Tätigkeit. V. a. ist er jedoch als Übers. tschech. Volkslieder, mittelalterl. Poesie und der sog. Naturdichter bekannt. Darüber hinaus beschäftigte er sich mit dem Werk →Karel Hynek Máchas (einschließl. Übers. seiner Dichtungen) sowie mit dem Leben und der Liebesdichtung von →Václav Hanka. Viele seiner Übers. erschienen in Z. („Der Bote von der Eger und Biela“, „Der Wanderer“, „Deutsches Museum“, „Slavische Blätter“). Auch seine vergleichenden kulturhist. Stud. begleitete er mit eigenen Übers. Von den spätromant. Vorstellungen über Volk und Nation ausgehend, versuchte W. mit seiner Vermittlungstätigkeit – im Sinne einer Kulturverständigung – insbes. die tschech.sprachige lyr. (künstler. sowie folklorist.) Produktion dem dt.sprachigen Publikum näherzubringen. Wegen der sich zuspitzenden gesellschaftl. und polit. Lage stieß dies jedoch auf Interesselosigkeit und Kritik bei beiden nationalen Gemeinschaften.

W. (s. auch LČL): Frühlingsglocken, 1857; Blätter und Blüten im Winde, 1857; Böhm. Granaten, 2 Bde., 1858–60; Böhm. Nationaltänze, 2 Bde., 1859–60; Altböhm. Minnepoesie, 1860; Böhm. Naturdichter, 1860; K. H. Mácha’s ausgewählte Ged., 1862; V. Hanka’s Lieder, 1863.
L.: Prager Abendbl., 6. 2. 1882 (s. Jarosch); Giebisch–Gugitz; LČL (m. W.); Wurzbach; L. Šebek, in: Osvěta 12, 1882, S. 471f.; O. M(okrý), in: Květy 4, 1882, S. 629f.; F. Chalupa, in: Ruch 4, 1882, S. 94f.; J. Neruda, Podobizny 2, 1952, S. 25ff. (m. B.); M. Jähnichen, Zwischen Diffamierung und Widerhall, 1967, s. Reg.; J. Horák, in: Slaw.-dt. Wechselbeziehungen in Sprache, Literatur und Kultur, ed. W. Krauss u. a., 1969, S. 351ff.; M. Jähnichen, Der Weg zur Anerkennung, 1972, s. Reg.; L. Nezdařil, Česká poezie v německých překladech, 1985, s. Reg.; A. W., Böhm. Nationaltänze, ed. G. Gimpl, 2003, S. 118ff.; Pfarre Petrovice, CZ.
(V. Petrbok)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 69, 2018), S. 436f.
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