Waldert, Anton (1823–1892), Politiker und Jurist

Waldert Anton, Politiker und Jurist. Geb. Radigau, Böhmen (Radechov, CZ), 9. 2. 1823; gest. Wien, 10. 4. 1892 (begraben: Radonice, CZ); röm.-kath. Sohn des Landwirts Franz W. (geb. Radigau, 13. 2. 1786; gest. ebd., 20. 6. 1845) und dessen Frau Magdalena W., geb. Janka (geb. Dt. Trebetitsch, Böhmen / Nové Třebčice, CZ, 2. 7. 1790; gest. Radigau, 1. 2. 1851), Vater von Maria Magdalena (Marie) Krumbholz (geb. Komotau, Böhmen / Chomutov, CZ, 13. 9. 1860), der Ehefrau des Textilindustriellen Richard Krumbholz, sowie des ab 1893 in Prag tätigen Advokaten Dr. iur. Franz Alexander W. (geb. Komotau, 5. 10. 1862; gest. Prag, Böhmen / Praha, CZ, 23. 1. 1919), der ab 1901 mit Marianne v. Zdekauer, der Tochter des Prager Bankiers und Großhändlers Karl Ritter v. Zdekauer, verheiratet war, Großvater der Bildhauerin Gabriele W. (1902–1991), Schwager von →Oktavian Frh. Regner v. Bleyleben; ab 1859 verheiratet mit Maria Ludmilla (Marie) W., geb. Rauch (geb. Tachau, Böhmen / Tachov, CZ, 18. 8. 1829; gest. Prag, 8. 2. 1893), der Tochter eines fürstl. Windischgraetzʼschen Buchhalters. – Nach einem Rechtsstud. in Wien 1846–49 (Dr. iur. 1852) und der Tätigkeit als Konzipient sowie Advokaturskandidat in Prag eröffnete W. 1854 eine eigene Kanzlei in Tachau. 1860 übersiedelte er nach Komotau und 1872 nach Prag, wo er bis zu seinem Tod als Advokat arbeitete. Bereits in Komotau wurde er polit. aktiv und gründete 1869 den liberalen Ver. Fortschritt, dessen Obmann er bis zur Übersiedlung nach Prag blieb. Auch war er bis 1872 Vizebgm. der Stadt. Dem böhm. LT gehörte W. 1861–62 sowie später ab 1869 als dt.liberaler Abg. an. Von 1872 bis zum Austritt der dt. Abg. aus dem Prager LT 1886 war er Mitgl. des Landesausschusses (Leiter des Baureferats) und wurde vom K. 1883 als Obst.landmarschall-Stellv. zum Vizepräs. des LT ernannt. Auch dieses Amt endete mit dem dt. Boykott 1886. Wie die übrigen dt. Abg. kehrte er 1890 in den LT zurück und gehörte ihm bis zum Tod an (ab 1883 Obmann-Stellv. des Klubs der dt. Abg.). Bes. Verdienste erwarb sich W. als vom LT bestellter Intendant des dt. Landestheaters in Prag (1883–87), indem er dieses gem. mit →Alexander Richter und →Franz Schmeykal vor dem finanziellen Zusammenbruch bewahrte und durch die Bestellung von →Angelo Neumann 1885 zum Dir. auch künstler. neu belebte. Allerdings scheiterte der von W. namens der dt. Abg. 1883 eingebrachte Antrag zur Subventionierung eines Neubaus – analog zum tschech. Nationaltheater – am Widerstand der tschech.-konservativen LT-Mehrheit. 1877–83 war W. Mitgl. des böhm. Landesschulrats. Im AH des österr. RR saß W. zunächst in den beiden kurzen Legislaturperioden 1870–72 und schließl. ab 1873. 1885 verzichtete er auf eine neuerl. Kandidatur, da er dies als unvereinbar mit seiner Stellung als Obst.landmarschall-Stellv. ansah. Im Wr. Parlament schloss er sich den Klubs der dt.liberalen Verfassungspartei an. 1872 war er in den Verfassungsausschuss, 1874 in jenen zur Beratung der Kirchengesetze und 1879 in den Wasserstraßenausschuss gewählt worden. Seit seiner Wahl in den böhm. Landesausschuss war er jedoch im AH wenig aktiv. Wirtschaftl. engagierte sich W. im regionalen Eisenbahnwesen (u. a. Verw.R. der Turnau-Kralup-Prager Eisenbahn bzw. ab der Vereinigung 1883 der Böhm. Nordbahn, deren Vizepräs. 1888–92) sowie beim Aufbau der landwirtschaftl. Ind. in seiner westböhm. Heimat (1871 Mitgründer und bis 1874 Präs. der Aktien-Rübenzuckerfabrik in Kaaden). Nach seiner Übersiedlung nach Prag galt sein bes. Augenmerk jedoch der Böhm. Sparkasse. Er wurde 1876 in das Kuratorium und zwei Jahre später in die Dion. gewählt und war ab 1886 bis zu seinem Tod als Oberdir. der höchste Funktionär des Geldinst. Auch war er im dt. Ver.wesen Prags sehr aktiv. W. wurde 1874 zum Ritter der Eisernen Krone III. Kl. ernannt.

L.: Bohemia, 11. 4. 1892; Adlgasser; Hahn, 1873, 1879; O. Teuber, Geschichte des Prager Theaters 3, 1888, S. 791ff.; UA, Wien.
(F. Adlgasser)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 69, 2018), S. 440f.
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