Wancura, Johann (Hans) Thomas (1869–1939), Bankier und Politiker

Wancura Johann (Hans) Thomas, Bankier und Politiker. Geb. Wittingau, Böhmen (Třeboň, CZ), 6. 2. 1869; gest. Mariazell (Stmk.), 23. 6. 1939 (begraben: Wien, Hietzinger Friedhof). Sohn eines Kaufmanns, Schwager des Bankiers Karl Schelhammer (gest. Wien, 15. 7. 1905), der 1876 gem. mit Eduard Schattera die Wechselstube des Kaufmanns C. M. Perisutti übernahm; in 1. Ehe verheiratet mit Karoline W., geb. Simon (gest. 1911, Suizid), der Tochter von W.s Teilhaber Wilhelm Simon, in 2. Ehe ab 1912 mit Marie W., geb. Philip. – W. besuchte die Bürgerschule und anschließend die Handelsschule Pazelt. Er kam mit 13 Jahren nach Wien und begann 1884 eine Lehre in der Privatbank seines späteren Schwagers, wo er 1893 Kollektivprokurist, 1896 Einzelprokurist und 1902 öff. Ges. wurde. 1905 übernahm er von Schelhammer dessen Anteile und wurde 1910 Alleineigentümer des Bankhauses Schelhammer & Schattera, der Hausbank der Erzdiözese Wien. 1910 k. Rat, 1918 KR, wurde W. 1924 für die Christl.soziale Partei (CSP) in den Nationalrat gewählt, dem er bis Mai 1927 angehörte; von 1932 bis Mai 1934 hatte er erneut für die CSP einen Sitz im Nationalrat inne. Im Ständestaat wurde W. Rat der Stadt Wien und 1934 von Richard Schmitz in die Bürgerschaft berufen. W. war im Wirtschaftsleben Österr. und Wiens tief verwurzelt. Vizepräs. des Verbands österr. Banken und Bankiers, wurde er 1935 zum Präs. der Wr. Bank- und Komm.fa. und Präs. des Aufsichtsrats der Casino AG ernannt. Er war Mitgl. im Börsenrat und im Verw.R. der Kahlenberg AG, Präs. des Lottokollektantenverbands Österr., Obmann des Klassenlotterieverbands, Vorstandsmitgl. im Finanzbund und Laienrichter am Oberlandesgericht. W. bemühte sich nach dem 1. Weltkrieg verstärkt auch um die röm.-kath. Kirche in Österr und wickelte u. a. die finanziellen Angelegenheiten des Katholikentags im September 1933 ab, in dessen Zusammenhang auch die Verleihung der Ehrenmitgl.schaft des Nordgaus Wien stand. W. wurde zum Päpstl. Ehrenkämmerer ernannt und erhielt 1932 das Große goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österr. Er war im gesellschaftl. Leben Wiens sehr aktiv und u. a. zunächst Kassenverwalter des Wr. Dombauver., ab 1935 dessen Präs.

L.: Krakauer Schreib-Kal. für das Jahr 1938, 184, 1938, S. 220; Die Abg. zum österr. Nationalrat 1918–75 und die Mitgl. des österr. Bundesrates 1920–75, 1975; Bankhaus Schelhammer und Schattera, 1982, passim; Biograph. Hdb. der österr. Parlamentarier 1918–93, 1993; P. Melichar, in: Privatbankiers in Mitteleuropa zwischen den Weltkriegen, ed. P. Eigner – I. Köhler, 2005, S. 166; M. Seliger, Scheinparlamentarismus im Führerstaat. „Gemeindevertretung“ im Austrofaschismus und Nationalsozialismus …, 2010, s. Reg.; Website Parlament der Republik Österr. (Zugriff 18. 11. 2017); Biograph. Lex. des Österr. Cartellverbands (online, Zugriff 18. 11. 2017); Pfarre Mariazell, Stmk.
(S. B. Weiss)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 69, 2018), S. 479
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