Wannieck, Friedrich (Johann Josef) (1838–1919), Großindustrieller

Wannieck Friedrich (Johann Josef), Großindustrieller. Geb. Brünn, Mähren (Brno, CZ), 18. 7. 1838; gest. Merano (Meran/Merano, I), 21. 4. 1919. Sohn des Textilarbeiters und Tuchscherers Johann W. und von Maria W., geb. Bittner, Vater des Gutsbesitzers und Mitbegründers der Guido-von-List-Ges. Friedrich Oskar W. (gest. 6. 7. 1912); ab 1868 mit Victoria W., geb. Robert (gest. 28. 1. 1916), einer Cousine →Julius Roberts, verheiratet. – Nach der Realschule in Brünn stud. W. 1855–58 am polytechn. Inst. in Wien und 1858–60 am Polytechnikum Karlsruhe. Sein Praktikum absolv. er als Maschinenschlosser in Graffenstaden im Elsass. 1861 arbeitete er in Wien und sammelte bis 1863 weitere prakt. Erfahrungen als Ing. im Schienenwalzwerk der Südbahn in Graz. 1863 war er zugleich für die Brünner Schafwollwarenfabrik Adolf Löw & Schmal tätig. Auf einer Stud.reise nach England und Schottland interessierte er sich für den Bau von Eisenbahnstrecken und Docks. 1865 machte er sich in Brünn selbstständig. In Zusammenarbeit mit dem Finanzier Philipp Jellinek und mit Julius Robert gründete er eine Maschinenfabrik, in der er Diffusionsapparate und neben Anlagen für Zuckerfabriken auch Dampfmaschinen, Waagen und Kessel erzeugte. Man exportierte erfolgreich nach Übersee und die anfangs kleine Fa. entwickelte sich zu einem der führenden Maschinenbauunternehmen in Österr.-Ungarn. Nach der Trennung von Jellinek 1868 trug die Fabrik nur noch W.s Namen. Ab 1888 leitete Dir. Eduard Gams den Betrieb und vermittelte den Kontakt zu den Gebrüdern Sulzer in der Schweiz. Mit deren Lizenzen arbeitete man an der techn. Weiterentwicklung von Dampfmaschinen. Das Unternehmen wurde i. d. F. in eine KG umgewandelt und das Werk 1891 erneut umfassend modernisiert. 1897 begannen Verhh. über eine Fusion der W.ʼschen Maschinenfabrik mit der Ersten Brünner Maschinen-Fabriks-Ges. des Carl Luz, da W.s Sohn Friedrich Oskar W. die Fa.leitung ablehnte. Nach dem Zusammenschluss 1901 behielt er einen Anteil an der Fabrik und übernahm die Funktion des Aufsichtsratspräs. Bereits 1877 hatte W., dem das Gut Seibetsberg bei Amstetten gehörte, in Schöllschitz bei Brünn die Victoria-Baumschule mit Filialen in Ober-Gerspitz bei Brünn und im kroat. Lovrečina gegr. 1873–78 fungierte er als Zensor der Brünner Filiale der Österr. Nationalbank bzw. 1879–83 der Österr.-ung. Bank. Als Tl.haber der Teplitzer Walzwerke war er Vizepräs. des Verw.R., ab 1888 Präs. des Verw.R. der Prager Eisenind.-Ges., Vizepräs. der Brünner Wasserwerks-AG und Mitgl. des Verw.R. der mähr. Landeshypothekenbank sowie der Österr. Alpine Montanges. Ab 1869 außerdem Präsidiumsmitgl. der Brünner HGK sowie des Brünner Ausst.ausschusses für die Wr. Weltausst. 1873 und für jene in Philadelphia 1876, erwarb er als Leitungsmitgl. des Verbands dt. Industrieller große Verdienste bei der Entwicklung des mähr. Gewerbeschulwesens und unterstützte mittellose Studenten der Brünner dt. TH. Als Mitgl. des Kuratoriums des Mähr. Gewerbemus. schenkte er diesem zahlreiche Exponate. 1884 wurde er für die dt.liberale Partei in den mähr. LT gewählt, legte jedoch 1886 sein Mandat zurück; 1895–97 saß er im AH des RR. Aktives Mitgl. vieler Brünner dt. Ver., machte er sich verdient um die Errichtung des Dt. Hauses in Brünn (1888–91) und wurde Vors. von dessen Ver. Bekannt für sein soziales Engagement, richtete er 1866 für die Arbeiter seiner Fabrik eine Krankenkasse ein. Er förderte den Bau billiger Wohnungen sowie die Invalidenkolonie für Eisenbahner und Metallwerker Friedrichsruhe in Schimitz, die nach ihm benannt wurde. W. war Mitbegründer der pangerman. Guido-von-List-Ges. (→Guido List) und veröff. deren Schriften. 1903 zog die Familie nach München und lebte später in Meran.

W.: Ber. über die … 1900–01 angestellten Pflanzversuche nach den Vorschriften von H. M. Stringfellow, 1902. – Übers.: H. M. Stringfellow, Der neue Gartenbau, 1901.
L.: NFP, 29. 4. 1919; Heller 2; Wer istʼs, 1909; M. v. Proskowetz v. Proskow u. Marstorff, Die Victoria-Baumschule des Herrn F. W. zu Schöllschitz in Mähren, 1890; Die hundertjährige Geschichte der Ersten Brünner Maschinen-Fabriks-Ges. in Brünn von 1821 bis 1921, 1921, S. 127ff.; Historická enc. podnikatelů Čech, Moravy a Slezska do poloviny XX. století, ed. M. Myška u. a., 2003, S. 493ff.; P. Cibulka, in: Collective and Individual Patronage and the Culture of Public Donation in Civil Society in the 19th and 20th Centuries in Central Europe, ed. M. Hlavačka u. a., 2010, S. 389ff. (m. B.); Biografický slovník poslanců moravského zemského sněmu v letech 1861–1918, ed. J. Malíř u. a., 2012, S. 780ff. (m. B.); Zedhia, Zentraleurop. digitales wirtschafts- und gesellschaftshist. interaktives Archiv (online); Website A. Gieseler, Dampfmaschinen und Lokomotiven (Zugriff 14. 8. 2017).
(M. Makariusová)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 15 (Lfg. 69, 2018), S. 485f.
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