Wayss (Wayß), Gustav Adolf (Adolph) (1851–1917), Ingenieur und Unternehmer

Wayss (Wayß) Gustav Adolf (Adolph), Ingenieur und Unternehmer. Geb. Erbach, Württemberg (Erbach/Donau, D), 16. 10. 1851; gest. Waidhofen an der Ybbs (NÖ), 29. 8. 1917; evang. Sohn des Bauunternehmers im Eisenbahnbau Jonathan David W. (geb. Wangen, Württemberg / Stuttgart, D, 12. 6. 1815; gest. Ludwigsburg, Württemberg/D, 3. 7. 1865) und seiner Frau Rosine W., geb. Klink (geb. Unterschlechtbach, Württemberg / Rudersberg, D, 13. 6. 1816; gest. Ludwigsburg, 4. 11. 1883); verheiratet mit Maria Therese W. – Nach der Oberschule in Ludwigsburg absolv. W. den mathemat. Vorkurs der Stuttgarter Polytechn. Schule und ein Praxisjahr im Eisenbahnbau. Ab 1867/68 stud. er in Stuttgart Ing.wesen. 1872 nahm er eine mehrjährige Tätigkeit im württemberg. Eisenbahnbau unter dem Betonpionier Joseph v. Schlierholz auf, zunächst als Bauführer. Nach zwei Jahren im Schweizer Eisenbahnbau gründete W. 1879 dann mit Julius Diss in Frankfurt am Main Diss & Wayss. W.ʼ erste Baufa. führte v. a. einfache Arbeiten mit dem neuen Bindemittel Portlandzement aus. Bald schied Diss aus und W. wandte sich unter der Fa. G. A. Wayss auch tragenden (unbewehrten) Betonausführungen zu. 1885 erwarb er eine Lizenz für eisenbewehrte Betonkonstruktionen nach Patent des Franzosen Joseph Monier. Ab da trieb W. mit großem Erfolg die Einführung, Durchsetzung und Verbesserung der neuartigen Bauweise insbes. in Dtld. und Österr. voran. Er überzeugte Matthias Koenen als Bauleiter des repräsentativen Reichstagsgebäudes, die Bauweise zu testen. Außerdem führte er viele, teils öff. inszenierte Belastungs- und Brandversuche durch und errichtete Ausst.bauten, um krit. eingestellte Planer, Bauherren und -polizeibehörden zu überzeugen. Ende 1887 erfolgte die Veröff. der umfangreichen, von W. hrsg. und finanzierten Broschüre „Das System Monier (Eisengerippe mit Cementumhüllung) in seiner Anwendung auf das gesammte Bauwesen“, die neben Versuchsbeschreibungen und Anwendungsbeispielen einen von Koenen 1886 erstmals publ. Bemessungsvorschlag enthielt. Abweichend von Monier sah das Heft die Anordnung der Bewehrungen in der Zugzone der Querschnitte zur Aufnahme von Zugkräften vor. Der Anteil von W. und Koenen an der Konzeption der Versuche und der Broschüre, die große Wirkung entfaltete, ist umstritten. Parallel zur Öffentlichkeitsarbeit betrieb W. eine ruhelose Geschäftstätigkeit. Er gründete Filialen im Dt. Reich und Österr.-Ungarn und strukturierte seine Unternehmen, die zahlreiche bedeutende Bauten errichteten, immer wieder um: Seine Fa., in die 1888 Koenen eintrat, wandelte er 1889 zur AG für Monier-Bauten, vorm. G. A. Wayß & Co. um und erwarb ein Jahr später mit der Fa. Freytag & Heidschuch in Neustadt (Pfalz) eine konkurrierende Lizenznehmerin Moniers. 1891 trat er vom Vorsitz der AG zurück, trennte sich von der Ges. und erwarb das österr. Geschäft mit dem ehemaligen Inhaber Rudolf Schuster zurück und mit Conrad Freytag 1894 das Neustädter Geschäft sowie weitere süddt. Filialen. Letztere führten W. und Freytag als offene Handelsges. und ab 1900 als Wayss & Freytag AG mit W. als Aufsichtsratsvors. W. widmete sich aber vorrangig seinem Wr. Geschäft G. A. Wayss & Cie, das 1898 etwa die Zeller Hochbrücke über die Ybbs errichtete. 1903 zog er nach Wien und verkaufte seine Anteile an der Wayss & Freytag AG. Er war Mitbegründer und Vizepräs. des österr. Betonver. (heute: Österr. Bautechnik Vereinigung); 1907 Baurat. Die von ihm (mit-) begründeten Firmen und ehemalige Mitarb. wie Koenen, Josef Anton Spitzer oder Emil Mörsch prägten teils noch Jahrzehnte nach dem Tod W.ʼ den Stahlbetonbau.

Weitere W.: Entwicklung des Betoneisenbaus und seine heutige Anwendung, in: Süddt. Bauztg. 7, 1902; Die Wayssʼschen Rohr-Zellen, 2 Tle., 1907–08.
L.: J. A. Spitzer, in: Beton & Eisen 2, 1903, S. 142ff. (m. B.); M. Koenen, in: Der Bauing. 2, 1921, S. 347ff.; FS … der Wayss & Freytag A.-G. 1875–1925, 1925, S. 11ff. (m. B.); M. Foerster, in: Der Bauing. 10, 1929, S. 853ff.; R. Saliger, in: Bll. für Technikgeschichte 10, 1948, S. 63ff. (m. B.); W. Ramm, in: Beton- und Stahlbetonbau 107, 2012, S. 335ff. (m. B.); K. Stegmann – S. Kuban, ebd. 112, 2017, S. 545ff. (m. B.); Techn. Mus., Wien (m. B.); Dt. Mus., München (m. B.), Hess. Wirtschaftsarchiv, Darmstadt (m. B.), beide D.
(K. Stegmann)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 16 (Lfg. 70, 2019), S. 22f.
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