Webern, Anton (von) (1883–1945), Komponist

Webern Anton (von), Komponist. Geb. Wien, 3. 12. 1883; gest. Mittersill (Sbg.), 15. 9. 1945 (Ehrengrab ebd.); röm.-kath. Sohn des Bergbauing. und späteren Sektionschefs im Landwirtschaftsmin. Carl v. W. und der Amalie v. W., geb. Geer; ab 1911 mit seiner Cousine Wilhelmine v. W., geb. Mörtl, verheiratet. – W. besuchte das humanist. Gymn. in Klagenfurt, wo er bereits 14-jährig (als Cellist) Mitgl. des Konzertver.-Orchesters wurde und 1899 zu komponieren begann. 1902–06 stud. er Musikwiss. an der Univ. Wien (Prom. 1906 bei →Guido Adler mit der Ausg. des 2. Tl. von Heinrich Isaacs „Choralis Constantinus“), ab Herbst 1904 besuchte er an der reformpädagog. Lehranstalt von →Eugenie Schwarzwald bei Arnold Schönberg Kurse in Harmonielehre und Kontrapunkt; zu seinen Mitschülern zählten u. a. →Alban Berg, Egon Wellesz und Erwin Stein – hier wurde der Grundstein zur „Wiener Schule“ Schönbergs gelegt. W. schuf in diesen Jahren seine ersten gültigen (noch spätromant.-expressionist.) Kompositionen, wurde 1905 in München durch das Erlebnis von Frank Wedekinds „Hidalla“, aber auch durch die Kritik reaktionärer Kreise an seiner Musik prononciert antibürgerl. beeinflusst und vertiefte diese Einstellung durch die als „schrecklich“ empfundenen Engagements als Korrepetitor und Kapellmeister an verschiedenen Theatern (in Bad Ischl, Innsbruck, an der Wr. Volksoper, in Teplitz, Danzig und Stettin). Seine Kompositionen (Orchesterstücke, Kammermusik, Lieder) gaben jetzt jeden tonalen Bezug auf und arbeiteten mit immer knapperer Organisation des Materials. Nach kurzem, wegen seiner Sehschwäche bald beendetem Militärdienst war W. 1917/18 wieder (am von Alexander Zemlinsky geleiteten Prager Neuen Dt. Theater) als Kapellmeister tätig, gab diese Stellung aber auf, als Schönberg Ende 1918 seinen Ver. für musikal. Privatauff. gründete, in dem er 1918–21 als „Vortragsmeister“ die Probentätigkeit künstler. betreute. Ab 1920 druckte die Universal-Edition einige seiner Werke, ab 1922 war er einer der Hauptdirigenten der Wr. Arbeiter-Sinfonie-Konzerte, und nach seinem Dirigat der 3. Symphonie von →Gustav Mahler bezeichnete ihn Berg als „den größten Dirigenten seit Mahler (in jeder Hinsicht)“. W. interpretierte u. a. noch Mahlers Symphonien Nr. 1, 2, 5, 6 und 8, →Ludwig van Beethovens Symphonien Nr. 3 und 4, →Franz Schuberts große C-Dur-Symphonie, →Anton Bruckners „Siebente“, Béla Bartóks 1. Klavierkonzert (mit Bartók am Klavier), das „Deutsche Requiem“ von →Johannes Brahms sowie viele Werke von Hanns Eisler. Ab Ende 1923 leitete er zudem den Singver. der Sozialdemokrat. Kunststelle, mit dem er sogar Schönbergs „Friede auf Erden“ und Mahlers 8. Symphonie realisierte. 1926 wurde er Ehrenmitgl. der New York Composers’ Guild, internationale Engagements als Dirigent (u. a. in Berlin, Zürich, München, Frankfurt am Main, London und Barcelona) schlossen sich an, und 1932 wählte man ihn zum Präs. der österr. Sektion der Internationalen Ges. für Neue Musik. Nach dem 1934 ausgesprochenen Verbot der Sozialdemokrat. Partei sowie aller ihrer Unterorganisationen (deren Besitz man einschließl. der Noten und Instrumente enteignete) war W.s Karriere als Dirigent und Chorleiter weitestgehend zerstört. Auch die wenigen Engagements ins Ausland (Schweiz, London) wurden angesichts der weltpolit. Situation immer seltener, und seine (z. Tl. auch international beachtl.) Erfolge als Komponist waren finanziell unergiebig. In Österr. galten seine Kompositionen, die dem konservativen Wr. Publikum nie „ins Ohr gingen“, bei den Nationalsozialisten vollends als „entartet“. Von Wr. avancierten Kreisen wurde W. aber nach wie vor hoch geehrt, hielt (wie schon 1932) Vortragsreihen, v. a. über Neue Musik, und gab Privatstunden, doch seine späten Kompositionen (u. a. Kammermusik, zwei Kantaten, Lieder), die Schönbergs Methode der „Komposition mit 12 nur aufeinander bezogenen Tönen“ in einer bes. emotionalisierten, expressiv „sprechenden“ Weise anwenden, geben Zeugnis von einer Art inneren Emigration, die sich auch in einer erhöhten Artifizialität (kunstvolle kanon. Gestaltungen etc.) widerspiegelt. Dabei sah W. sein Œuvre immer (wie Schönberg) als Weiterführung der klass.-romant. Tradition, v. a. weil er die Dodekaphonie als Steigerung des „alten“ Variationsprinzips verstand. W., der bis zu seinem Tod an der Armutsgrenze lebte und nur durch Lektoratsarbeiten für die Universal-Edition sowie durch Privatstunden sein Leben fristete, floh Ende März 1945 nach Mittersill, wo er im September irrtümlicherweise von einem amerikan. Besatzungssoldaten erschossen wurde. Knapp davor hatte ihn eine Einladung erreicht, an der Wr. Musikakad. eine Professur für Komposition anzutreten. W. wurde 1924 und 1931 mit dem Musikpreis der Stadt Wien ausgez.

W.: s. Grove; MGG II. – Teilnachlass: Paul Sacher Stiftung, Basel, CH.
L.: Grove, 2001 (m. B. u. W.); MGG I, II (m. B. u. W.); A. v. W. Perspectives, ed. D. Irvine, 1966; H. Krellmann, A. W. in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, 1975 (m. B.); H. Moldenhauer – R. Moldenhauer, A. v. W., 1980 (m. B.); A. W. Persönlichkeit zwischen Kunst und Politik, ed. H. Krones, 1999 (m. B.); Webern_21, ed. D. Schweiger – N. Urbanek, 2009 (m. B.).
(H. Krones)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 16 (Lfg. 70, 2019), S. 33f.
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