Wehle, Johann Hermann (Hermann Johann); bis 1859 Paul Wehle (1834–1886), Journalist

Wehle Johann Hermann (Hermann Johann), bis 1859 Paul Wehle, Journalist. Geb. Prag, Böhmen (Praha, CZ), 26. 5. 1834; gest. Wien, 2. 11. 1886; mos., ab 1859 röm.-kath. Sohn des Handelsmanns Isak W. und der Clara W., geb. Porges; ab 1865 verheiratet mit Maria Katharina W., geb. Schmidt. – W. absolv. in Wien das Stud. der Rechtswiss. und Chemie (nicht nachweisbar) und war danach zunächst als Bautechniker tätig. Daneben schrieb er für die satir. Z. „Figaro“ und in den frühen 1860er-Jahren auch Feuilletons für die Tagesztg. „Der Wanderer“ sowie diverse Artikel für nahezu alle Wr. Tagesbll. Nach Gründung der „Neuen Freien Presse“ wurde er dort zunächst Red. für kommunale Angelegenheiten und befürwortete etwa die Errichtung einer Wr. Hochquellenwasserleitung. Später polit. Red., schrieb er aber auch satir. und andere Feuilletons, u. a. für den „Teplitz-Schönauer Anzeiger“. Polit. entschieden dt.-liberal, stand W. während des dt.-französ. Kriegs im dt. Lager und verließ deshalb im Herbst 1872 die „Neue Freie Presse“, um zur „Deutschen Zeitung“ zu wechseln. Er fungierte dort ab November 1872 zunächst neben Josef Regnier und →Karl v. Thaler als Mithrsg. und wurde im Frühjahr 1873 Chefred. Nach dem Ausscheiden beider 1873/74 zeichnete W. als alleiniger Hrsg. der Ztg. verantwortl., die er, unterstützt nur von wenigen Geldgebern, unter großen persönl. Opfern bis Mai 1875 weiterführte. Als das Bl. von einigen Industriellen übernommen wurde und eine neue polit. Richtung einschlug, verließ er es. Danach wirkte W. bis 1878 als Mitarb. und Leitartikler beim „Illustrirten Wiener Extrablatt“. Wegen Differenzen über die Linie des Bl. in Bezug auf die Okkupation Bosniens und der Herzegowina beendete er aber auch seine dortige Mitarb. I. d. F. war er vorwiegend als freier Journalist und Schriftsteller tätig. In rascher Abfolge veröff. er bis 1880 vier Monographien: „Die Zeitung. Ihre Organisation und Technik“ (1878), „Das Buch. Technik der Schriftstellerei. Versuch eines Handbuches für Autoren“ (1879), „Das Toleranz-Buch. Aufsätze und Aussprüche über die Freiheit der Meinungsäußerung …“ (1879) und „Die Reclame. Ihre Theorie und Praxis …“ (1880). V. a. im Buch über „Die Zeitung“, einem der ersten Hdbb. zu diesem Thema, finden sich zahlreiche Bezüge auf seine persönl. Erfahrungen als Hrsg. und Chefred. der „Deutschen Zeitung“ und seine Tätigkeit bei der „Neuen Freien Presse“. Mit seinem Bd. über die Entwicklung der Reklame mit detaillierten Ratschlägen für einen effizienten Einsatz des Inserats in Bezug auf Form, Platzierung usw. war er seiner Zeit weit voraus. Als →Theodor Hertzka im Jänner 1880 die „Wiener Allgemeine Zeitung“ gründete, trat W. in deren Red. ein, bei der er nach dem Ausscheiden Hertzkas 1885 noch ein Jahr blieb. In seinem letzten Buch „Krethi und Plethi. Porträts nach dem Leben gezeichnet“ (1884) kehrte der polit. desillusionierte W. wieder zu seinen Wurzeln als Satiriker zurück. Nur wenige Tage vor seinem plötzl. Tod trat er in die Red. des „Neuen Wiener Tagblatts“ ein. Als Rechtsanwalt des Journalisten- und Schriftsteller-Ver. „Concordia“, dessen Mitgl. er ab 1866 war, nahm er auch an den Vorberatungen über eine weitgehende Liberalisierung des Presserechts teil, die in eine Denkschrift einflossen, in der Novelle zum Preßgesetz 1868 jedoch nur tw. Berücksichtigung fanden.

L.: Die Presse, 19. 3. 1868, 2. 11. 1886 (Abendausg.); Das Vaterland, 31. 5. 1875; Tages-Post (Linz), 30. 1. 1880; Dt. Ztg., Illustrirtes Wr. Extrabl. (Abendausg.), WZ (Abendpost), 2., Wr. Allg. Ztg., 2. (Mittagsbl.), 5. 11. 1886; Nagl–Zeidler–Castle; Stern–Ehrlich, S. 56 (B.), 184; Oesterr. Buchdrucker-Ztg. 3, 1875, S. 163f., 7, 1879, S. 369; H. Wuttke, Die dt. Z. und die Entstehung der öff. Meinung, 3. Aufl. 1875, S. 396f.; O. Groth, Die Geschichte der dt. Ztg.wiss., 1948, S. 200, 304; Wegbereiter der Publizistik in Österr., ed. M. Schmolke, 1992, S. 246ff. (m. B.); A. L. Staudacher, Jüd. Konvertiten in Wien 1782–1868, 2, 2002; Pfarre St. Peter, UA, WStLA, alle Wien; Národní archiv, Praha, CZ.
(Th. Venus)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 16 (Lfg. 70, 2019), S. 41f.
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