Weidel, Hugo (1849–1899), Chemiker

Weidel Hugo, Chemiker. Geb. Wien, 13. 11. 1849; gest. ebd., 7. 6. 1899; röm.-kath. Sohn des Gerichtsadvokaten Adalbert W. und der Rosa Anna W.; ab 1873 verheiratet mit Anna Carolina W., geb. Pokorny (1852–1927), der Tochter des Dir. der Wr. Ziegelfabriks-Ges. Wilhelm Pokorny. – Nach dem Besuch der Realschule stud. W. ab 1866 am polytechn. Inst. in Wien bei →Heinrich Hlasiwetz, wechselte jedoch 1869 zu Robert Bunsen und Hermann v. Helmholtz an die Univ. Heidelberg; 1870 Dr. phil. Nach Wien zurückgekehrt, erhielt W. eine Ass.stelle bei Hlasiwetz, 1874 erfolgte seine Ernennung zum Adjunkten am I. chem. Laboratorium der Univ. Wien; 1878 habil. er sich für Chemie ebd. 1886 wurde er als o. Prof. an die BOKU berufen. 1891 folgte er →Ludwig Barth zu Barthenau als Ordinarius am I. chem. Laboratorium nach. Bereits seine noch am polytechn. Inst. durchgeführten Untersuchungen des Nicotins und des Cinchonins waren Meilensteine der Alkaloidforschung. W. gelang die Formelermittlung der Nicotinsäure, der Cinchoninsäure sowie i. d. F. etl. weiterer Pyridin- bzw. Chinolinderivate. In Destillationsprodukten des Knochenleims entdeckte er zusammen mit seinem Schüler Giacomo Luigi Ciamician das Pyrocoll. W. und →Max v. Gruber isolierten als Erste Hexabromaceton. Mit Albert Cobenzl gelang 1880 die Synthese des ersten Hydroxychinolins, wodurch ein wichtiges und vielfach einsetzbares Reagens zur Verfügung stand. W.s Formelermittlungen des Cubebins und der als Oxidationsprodukt des Alkaloids Berberin anfallenden Berberonsäure fanden ebenso große Beachtung. Am Beispiel der Einwirkung von Natriumamalgam auf Cinchomeronsäure konnte er die Verwandlung von Pyridinen in Spezies der aliphat. Chemie stud. Mit seinem Schüler E. Flesch beschrieb W. 1897 eine Methode der Ersetzung von Aminogruppen durch Hydroxylgruppen an Aromaten; Homologe des Phloroglucins waren somit einfach und in guter Ausbeute synthetisierbar. Bekannt ist der W.-Test auf Harnsäure (bzw. die W.-Kossel-Reaktion auf das verwandte Xanthin), wobei purpurfarbenes Murexid entsteht (Murexidtest). W. war ab 1890 k. M., ab 1893 w. M. der k. Akad. der Wiss. in Wien. Für seine Stud. über Verbindungen aus dem animal. Teer erhielt er 1880 den Ignaz L. Lieben-Preis.

W.: s. Eisenberg; Poggendorff.
L.: RP, 13. 6. 1899; NFP, 5. 5. 1906; Almanach Wien 50, 1900, S. 290ff. (m. B.); Czeike; Eisenberg 2 (m. W.); Inauguration Univ. Wien 1899/1900, 1899, S. 26ff.; Poggendorff 4 (m. W.); J. Herzig, in: Berr. der dt. chem. Ges. 32, 1899, S. 3745f.; M. Kohn, Journal of Chemical Education 21, 1944, S. 374ff. (m. B.); H. Michl, Geschichte des Stud.faches Chemie an der Univ. Wien in den letzten hundert Jahren, phil. Diss. Wien, 1950, S. 145ff.; O.-A. Neumüller, Römpps Chemie Lex. 6, 8. Aufl., 1988; R. W. Rosner, Chemie in Österr. 1740–1914, 2004, S. 230ff.; R. W. Soukup, in: Die wiss. Welt von gestern, ed. R. W. Soukup, 2004, S. 56ff. (m. B.); Pfarre St. Michael, Wien; UA, Heidelberg, D.
(R. W. Soukup)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 16 (Lfg. 70, 2019), S. 45f.
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