Weidemann, Friedrich (1871–1919), Sänger

Weidemann Friedrich, Sänger. Geb. Ratzeburg, Preußen (D), 1. 1. 1871; gest. Wien, 30. 1. 1919. Nach Ausbildung in Hamburg und Berlin debüt. W. 1896 als Bariton im Stadttheater Brieg, 1897 folgten Prag und Essen. 1898–1901 war er in Hamburg engag., 1901–03 in Riga. →Gustav Mahler holte den Sänger 1903 an die von ihm geleitete Wr. Hofoper, an der W. das Fach des verstorbenen →Theodor Reichmann übernahm. Er besaß zwar nicht die Stimmpracht seines Vorgängers, konnte sich aber als geistvoller Gestalter und Sänger bald eine hervorragende Position erwerben. W. zählt zu jenen von Mahler geschulten Künstlern, die den sublimen künstler. Vortrag über den reinen Gesangseffekt stellten. Sein Repertoire umfasste vom „Fliegenden Holländer“ bis zum „Parsifal“ (Amfortas und Klingsor) alle großen Bariton-Partien Richard Wagners. Wotan und Hans Sachs galten als seine eindrucksvollsten Gestaltungen in diesem Genre. Er trat auch in Mozartrollen (Don Juan) auf und gab 1906 beim Salzburger Mozartfest den Grafen in „Die Hochzeit des Figaro“. Ansonsten war er reichl. im gängigen dt., französ. und italien. Baritonfach eingesetzt. Ein großer Wirkungsbereich fiel ihm in der zeitgenöss. Oper zu, darunter in Werken von →Julius Bittner („Die rote Gred“, „Der Musikant“, „Der Bergsee“), →Karl Goldmark („Götz von Berlichingen“), Erich Wolfgang Korngold („Violantha“), →Franz Schmidt („Notre Dame“), Hans Pfitzner („Die Rose vom Liebesgarten“, „Der arme Heinrich“), Siegfried Wagner („Banadietrich“) und →Franz Schreker („Das Spielwerk der Prinzessin“). In der Wr. Erstauff. von →Richard Strauss’ „Elektra“ sang er 1909 den Orest und 1918 den Jochanaan in „Salome“. Beide Partien kreierte er 1910 auch in London (Covent Garden) in der Thomas Beecham Opera Season. Außerdem sang er dort den Kurwenal in Wagners „Tristan und Isolde“ unter Bruno Walters Leitung und wirkte in der ersten Londoner Auff. der Oper „The Wreckers“ von Ethel Smyth mit. An W. schätzte man das vollendete Stilgefühl und die geistige Kapazität seiner Gestaltung. Er galt als hervorragender Interpret der Lieder Mahlers, von denen er mehrere zum ersten Mal öff. vortrug, so die „Kindertotenlieder“ 1905 unter der Leitung des Komponisten. 1912 sang er in der Wr. Erstauff. von Mahlers „Das Lied von der Erde“ die für Alt notierte Partie in der Baritonlage unter Walters Leitung. Von seiner Stimme existieren zahlreiche Schallplattenaufnahmen auf G&T Wien, Odeon und Pathé.

L.: NFP (Abendbl.), 30. 1. 1919; Grove, Opera; Kosch, Theater-Lex.; Kutsch–Riemens; Riemann; R. Specht, G. Mahler, 1913, passim (m. B.); R. Specht, Das Wr. Operntheater, 1919, S. 107; H. Rosenthal, Two Centuries of Opera at Covent Garden, 1958, s. Reg.; F. Willnauer, G. Mahler und die Wr. Oper, 1993, s. Reg.; H.-L. de la Grange, G. Mahler 2, 1995, s. Reg.; G. Mahler und Wien, ed. R. Kubik – Th. Trabitsch, Wien 2010, s. Reg. (Kat.).
(C. Höslinger)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 16 (Lfg. 70, 2019), S. 46
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