Weidt, Lucie (Lucy); eigentl. Marie-Luise Weidt (1876–1940), Sängerin

Weidt Lucie (Lucy), eigentl. Marie-Luise W., Sängerin. Geb. Troppau, Schlesien (Opava, CZ), 11. 5. 1876; gest. Wien, 28. 7. 1940. Tochter des Komponisten und Kapellmeisters Heinrich Wilhelm W. (geb. Coburg, Sachsen-Coburg-Gotha/D, 6. 6. 1824; gest. Graz, Stmk., 14. 9. 1901), Schwester des Komponisten und Chormeisters Karl W. (geb. Bern, CH, 7. 3. 1857; gest. Heidelberg, Dt. Reich/D, 5. 4. 1936); in 1. Ehe mit dem Gen.konsul Josef v. Uerményi (gest. 1925), in 2. Ehe ab 1927 mit dem Gesandten Johann Andreas Frh. v. Eichhoff verheiratet. – W. erhielt ersten Unterricht durch ihren Vater, danach besuchte sie das Hoch’sche Konservatorium in Frankfurt am Main. Weitere Stud. erfolgten in Wien bei Rosa Papier-Paumgartner (→Rosa Paumgartner), erst privat, später am KdM. Nach ihrem Debüt am Stadttheater Leipzig (1900) als Elisabeth in Richard Wagners „Tannhäuser“ wurde sie von Dir. →Gustav Mahler an das Wr. Opernhaus geholt. Letzterem gehörte sie von November 1902 bis Ende August 1927 als eminente Vertreterin des lyr. und hochdramat. Sopranfachs an: Mahler betraute sie bereits 1902 mit der Lisa in der Wr. Erstauff. von Pjotr Iljitsch Tschaikowskis „Pique Dame“ (als zweite Besetzung nach →Bertha Foerster-Lauterer), einer ihrer frühen großen Erfolge. Ihr Wirken in Wien war v. a. durch die großen heroischen Partien Wagners (Senta, Brünnhilde, Isolde) wie auch durch die dramat. Rollen in den Opern von →Richard Strauss geprägt. Im Gegensatz zu ihrer Kollegin →Anna Bahr-Mildenburg, die das düstere, dämon. Element verkörperte, war W. Sinnbild für helle, jugendl.-anmutige Gestaltung (Chrysothemis in „Elektra“, 1909). Ein Höhepunkt ihrer Laufbahn war die Gestaltung der Feldmarschallin in der Wr. Erstauff. von „Der Rosenkavalier“ von Strauss 1911, ebenso ereignishaft die Amme in Straussʼ „Die Frau ohne Schatten“ in der Wr. Urauff. 1919. W. verkörperte auch Mozartrollen (Donna Anna in „Don Giovanni“), Leonore in →Ludwig van Beethovens „Fidelio“, Agathe in Webers „Der Freischütz“. Desgleichen hatte sie die dramat. Verdi-Rollen in ihrem Repertoire. 1909 sang sie die Desdemona in der ersten italien. Auff. des „Otello“ an der Hofoper, dazu auch zahlreiche Gestalten aus dem neueren und neuesten Opernschaffen wie die Rosina in „Oberst Chabert“ von Hermann Wolfgang v. Waltershausen (1912). 1914 kreierte sie die Kundry in der Wr. Erstauff. von Wagners „Parsifal“, allerdings erst in dritter Besetzung, nach Bahr-Mildenburg und Paula Windheuser. Wagners Kundry, eine ihrer eminentesten Bühnenleistungen, gestaltete sie im selben Jahr auch an der Mailänder Scala. W. gab Gastspiele in Dresden, München und anderen dt. Städten, in Paris, Buenos Aires und London. Sie war in der Spielzeit 1910/11 an der Metropolitan Opera als Wagnersängerin engag., wo sie die Elisabeth in „Tannhäuser“ und die Brünnhilde in „Die Walküre“ und „Siegfried“ sang. In der Wr. Erstauff. von →Leoš Janáčeks „Jenůfa“ (1918) gelang ihr mit der Darstellung der Küsterin eine gesangl.-darsteller. Meisterleistung. W. erhielt in Wien den Kammersänger-Titel und wurde 1927 zum Ehrenmitgl. der Staatsoper ernannt. Nach ihrem Bühnenabschied widmete sie sich dem Unterricht. Ihre mächtige, klangvolle Stimme und ihr feuriger Vortrag lassen sich aus ihren Tonaufnahmen (bei G&T Wien und Pathé) erkennen.

L.: NWT, 30. 7. 1940; Eisenberg, Bühne; Grove, 1980, 2001; Grove, Opera; Jb. der Wr. Ges. (s. Weidt-Eichhoff); Kosch, Theater-Lex. (s. Eichhoff); Kutsch–Riemens; oeml; J. Reitler, in: Bühne und Welt 13/2, 1911, S. 406ff. (m. B.); R. Specht, Das Wr. Operntheater, 1919, S. 111.
(C. Höslinger)   
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 16 (Lfg. 70, 2019), S. 50f.
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