Weil, Karl Ritter von (1806–1878), Journalist

Weil Karl Ritter von, Journalist. Geb. Bockenheim, Hessen (Frankfurt am Main, D), 18. 2. 1806; gest. Währing, NÖ (Wien), 5. 1. 1878; mos. Sohn des Hoffaktors Leopold W. und der Esther W., Vater von Heinrich Ritter v. W. (s. u.), Schwiegervater von →Salomon Hermann v. Mosenthal; ab 1828 verheiratet mit Esther v. W., geb. Engelmann (1793–1872). – W. entstammte einer wohlhabenden Familie und sollte nach dem Wunsch des Vaters eine akadem. Laufbahn einschlagen. Er zeigte aber schon in früher Jugend großen Einsatz für die bürgerl. Gleichstellung seiner Glaubensgenossen, eine Aufgabe, der er sich ein Leben lang verpflichtet fühlte. I. d. F. stud. er Phil. an der Univ. Freiburg im Breisgau; 1827 Dr. phil. Danach begann er sich auch schriftsteller. zu betätigen. So arbeitete er zwei Denkschriften aus, die sich mit der Reorganisation des jüd. Religionsunterrichts bzw. mit der Gleichstellung der Juden beschäftigten. 1828 bewarb er sich erfolglos um die Stelle eines Sekr. bei der Israelit. Oberkirchenbehörde. 1829 wurde er Mitred. der von Johann Friedrich Cotta verlegten „Allgemeinen politischen Annalen“. Nach dem Ausbruch der Julirevolution 1830 ging er im Auftrag Cottas als Vertreter der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“ nach Paris und im Herbst desselben Jahres nach Straßburg, um die Nachrichtenverbindungen von Paris nach Dtld. zu verbessern. Anfang 1832 kehrte er nach Württemberg zurück, da er im Dezember 1831 zum Sekr. der Israelit. Oberkirchenbehörde bestellt worden war (bis 1847). Dabei erwarb er sich große Verdienste sowohl um die Neugestaltung der Behörde als auch um die jüd. Wohlfahrtspflege in Württemberg durch mehrere humanitäre Einrichtungen. So richtete er sich etwa 1845 mit einer neuerl. Petition an die Ständeversmlg. mit dem Ziel der völligen Gleichstellung der in Württemberg ansässigen Juden. Daneben war W. auch weiter journalist. tätig. Er übernahm 1833 die Red. der „Württembergischen Zeitung“ (ab 1834 „Deutscher Courier“), die als halboffizielles Bl. der Regierung galt. 1842 wechselte er zu den „Konstitutionellen Jahrbüchern“, die er bis 1847 leitete und die zu einem wichtigen Organ des rhein. Liberalismus wurden. 1845 war er auch kurzzeitig Mitarb. der „Stuttgarter Zeitung“. W. erkannte früh die Sprengkraft der sozialen Frage und appellierte an die Liberalen, sich dieser anzunehmen. Während der Revolution von 1848 übersiedelte W. nach Berlin und übernahm im Februar 1849 die Leitung der „Constitutionellen Zeitung“, die in den Diskussionen um das Verhältnis zu Österr. und im Streit um eine dt. Verfassung eine großdt. Linie verfolgte. Es kam aber bald zu Unstimmigkeiten zwischen W., den Hrsg. und dem Verleger und er legte die Leitung Mitte Februar 1850 gegen eine hohe Abfertigung nieder. Über Wien kehrte er nach Stuttgart zurück und veröff. „Quellen und Aktenstücke zur deutschen Verfassungsgeschichte …“, eine umfangreiche Dokumentation des Ringens um eine Verfassung für Dtld. Gleichzeitig trat er in Gespräche mit →Alexander Frh. v. Bach ein, der ihm mit Billigung von →Felix Prinz zu Schwarzenberg eine einflussreiche Position im pressepolit. Apparat der österr. Regierung in Aussicht stellte. Ende 1851 erhielt W. einen Dienstvertrag und quittierte den württemberg. Staatsdienst; württemberg. Reg.Rat. Obwohl seine Stellung, vermutl. seiner jüd. Herkunft wegen, im pressepolit. Apparat zunächst eine vorläufige war, vertrat er das Außenmin. im Preßleitungskomitee. Seine Hauptaufgabe lag in der Mitwirkung bei der Leitung der literar. und polit. Netzwerke mit der ausländ. Presse. Er reaktivierte seine Verbindungen zur „Augsburger Allgemeinen Zeitung“ und schrieb für sie in den folgenden Jahren unter Decknamen mehrere Hundert Beitrr. →Karl Ferdinand Gf. Buol-Schauenstein bescheinigte ihm, wesentl. zur Verbesserung der öff. Stimmung in Dtld. zugunsten Österr. beigetragen zu haben. 1855 wurde er zum regulären Mitgl. des Preßleitungskomitees sowie zum österr. Reg.Rat ernannt. Unter →Anton v. Schmerling und →Johann Bernhard Gf. v. Rechberg u. Rothenlöwen wurde W. zeitweilig ein Teil seiner Aufgaben entzogen. Für das Außenmin. arbeitete er mehrere Denkschriften über schwierige bilaterale Fragen aus und schrieb auch für ausländ. Bll. („Die Bundesreform und der deutsche Fürstentag“, in: Österr. Revue 1, 1863). 1864 wurde er unter →Max Ludwig Frh. v. Gagern dessen Pressereferent und Verbindungsmann zum Preßdep. im Staatsmin. Ende der 1860er-Jahre übernahm W. die Zusammenstellung der tägl. Auslandspresseschau für den K., ehe er 1873 pensioniert wurde. Weiters bekleidete er das Amt eines Vorstandsmitgl. der Israelit. Allianz und verf. für deren Z. „Die Neuzeit“ anonym eine Reihe von Artikeln über die Reform des jüd. Gottesdiensts. W. war ab 1864 Mitgl. des Journalisten- und Schriftsteller-Ver. „Concordia“, erhielt im selben Jahr den Orden der Eisernen Krone III. Kl. und wurde in den Ritterstand erhoben; 1873 Komturkreuz des Franz Joseph-Ordens mit dem Stern. Sein Sohn, der Orthopäde Heinrich Ritter v. W. (geb. Stuttgart, Württemberg/D, 10. 2. 1834; gest. Wien, 5. 1. 1903; bis 1900 mos., dann röm.-kath.), ab 1860 verheiratet mit Babette Edle v. W., geb. Gam, stud. Med. an den Univ. Heidelberg und Wien; 1858 Dr. med. in Wien. 1865 übernahm er die Leitung der Orthopäd. Heilanstalt in Wien-Döbling (1872 verlegt nach Wien-Währing). Heinrich W. erhielt u. a. 1867 den osman. Mecidiye-Orden IV. Kl. (1885 Kommandeur) sowie 1881 das Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens. 1864 wurde er Mitgl. der Ges. der Ärzte in Wien; 1872 k. Rat, 1886 Reg.Rat.

L.: Leipziger Ztg., 20. 2. 1850; NFP, 8. 1. 1878; Goedeke; Jew. Enc.; Kosch; Stern–Ehrlich, S. 184; Wininger; Wurzbach; Allg. Ztg. des Judenthums 9, 1845, S. 368ff.; F. Willfort, in: Wr. Sonn- und Montags-Ztg. 13, 1875, Nr. 25, S. 3ff.; Die Neuzeit 18, 1878, Nr. 8, S. 12f.; A. Tänzer, Die Geschichte der Juden in Württemberg, 1937, S. 28f., 42ff.; J. Köster, Der rhein. Frühliberalismus und die soziale Frage, 1938, S. 21f., 29; K. Moser, Die Geschichte der amtl. Pressestellen in Österr. von 1849–71, Diss. Wien, 1939, S. 34ff.; K. Paupié, Hdb. der österr. Pressegeschichte 2, 1966, s. Reg.; S. Hillerich, Dt. Auslandskorrespondenten im 19. Jh., 2018, s. Reg.; AVA, HHStA, beide Wien; Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Dt. Literaturarchiv Marbach, beide D. – Heinrich v. W.: NFP, 6. 1. 1903 (Parte); Eisenberg 2; Pfarre Döbling, UA, beide Wien.
(Th. Venus – D. Angetter)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 16 (Lfg. 70, 2019), S. 56f.
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